„Kunst Schaffen“ aller Sparten in Flensburg

Die Robbe & Berking Werft lädt zu einer ungewöhnlichen Ausstellung, an der auch neun Mitglieder der AdK Hamburg teilnehmen

Theater-Livestream, Konzert-Livestream, Poetry-Slam-Livestream. Oliver Berking, Gründer und Inhaber der Flensburger Robbe & Berking Werft, hatte genug von Kultur via Bildschirm. Im werfteigenen Museum eröffnet er heute Abend die Ausstellung „Kunst Schaffen 2020 – Begegnungen mit Kunst und Künstlern“ – unter ihnen neun Mitglieder der AdK Hamburg.

Keine Spur von Stillstand. Oliver Berking steht unter Strom, das merkt man beim ersten Satz unseres Telefonats. Die Zeit drängt, in wenigen Stunden wird er eine in mehrfacher Hinsicht ungewöhnliche Ausstellung eröffnen. In der Werfthalle warten bereits Künstler und Journalisten, Karin Prien, Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein hat die Schirmherrschaft übernommen, auch die Oberbürgermeisterin Simone Lange hat zugesagt. „Die Künstler sind ganz high“, sagt der Chef der international renommierten Flensburger Silbermanufaktur, der 2008 das Familienunternehmen mit dem Bau von klassisch-eleganten Holz-Yachten um ein neues Geschäftsfeld erweiterte. „Wir haben die Ausstellung wirklich aus dem Boden gestampft und sicher viele vergessen, aber es sollte schnell gehen und es wird bestimmt toll“.

Werftchef Oliver Berking

Bestimmt! Normalerweise haben Gruppenausstellungen diese Güte einen monatelangen, wenn nicht jahrelangen Vorlauf. Schließlich ist es auch ohne Corona ein logistischer Kraftakt, rund 60 Künstler*innen zusammenzubringen – im Gepäck ihre Werkbänke und Staffelleien, denn sie sollen in der Flensburger Werft nicht nur ausstellen, sondern wochenlang vor Ort arbeiten und verkaufen – auf 1800 Quadratmeter Ausstellungsfläche in einer riesigen gläsernen Halle. Andererseits: Eine solche Schau in gerade mal vier Wochen auf die Beine zu stellen, ist vielleicht nur in Corona-Zeiten möglich, in denen der „normale“ Ausstellungsbetrieb am Boden liegt, lang geplante Ausstellungen abgesagt wurden und viele Termin-Löcher klaffen. Denn eines ist klar, nach zwei Monaten „Corona-Winter“: Künstler wie Kunstkonsumenten „dürsten nach analogem Kulturgenuss“ (Karin Prien).

Foto Claudia Westhaus, Blick in die Ausstellung

Es war noch mitten im Lockdown, als sich Oliver Berking den Kopf darüber zerbrach, wie er Kunstschaffenden in der Krise helfen könnte. Nicht unter der Dusche, bei einer Fahrradtour kam ihm die Idee, so bald wie erlaubt eine „Initialveranstaltung“ in Sachen analoger Kunstgenuss zu starten. Als die ersten Lockerungen in Sicht waren, begann er „bei einem Kaffeetrinken“ mit Thomas Gädeke, dem früheren Direktor des Landesmuseums Schloss Gottorf, eine Liste von 60 Künstler*innen zusammenzustellen. Erklärtes Ziel: Die Auswahl soll das gesamte norddeutsche Kunstgeschehen präsentieren – alle Sparten, wohlgemerkt! So ist nun die angewandte Kunst in der Ausstellung ebenso stark vertreten, wie Bildhauerei, Malerei und Grafik. Und in allen Bereichen sind bekannte Namen dabei: Die Bildhauerin Almut Heer beispielsweise, ebenso die „Norddeutschen Realisten“, vertreten durch Johannes und Tobias Duwe, Erhard Göttlicher, Andre Krigar, Meike Lipp, Lars Möller und Nikolaus Störtenbecker.

Werke von Tobias Duwe, Andre Krigar, Nikolaus Störtenbecker, Johannes Duwe, Meike Lipp, Lars Möller, Almut Heer und Erhard Göttlicher v.l.o.n.r.u.

Unter den angewandten Künstler*innen fallen die Keramiker*innen Eva Koj, Inke und Uwe Lerch, ins Auge, der Holzgestalter Hubert Steffe aus Bremen, sowie neun Künstler*innen der Hamburger Arbeitsgemeinschaft Kunsthandwerk (AdK Hamburg).

Werke von Eva Koj, Hubert Steffe und Uwe und Inke Lerch v.l.o.n.r.u.

Hutmacher Peter de Vries ist dabei, Tischlerin Ragna Gutschow, sowie Svea Imholze, Ulla und Martin Kaufmann, Gerda und Wilfried Moll, Wolfgang Skoluda und Claudia Westhaus. Alle sieben sind Gold- und Silberschmiede-Meister*innen, also Vertreter jener Sparte, in der sich Oliver Berking bestens auskennt.

Für Wilfried Moll ist die Fahrt nach Flensburg übrigens etwas wie ein Heimspiel. Vor Jahren hat Moll für Robbe & Berking das vielfach ausgezeichnete Besteck „Alta“ entworfen, einen „Klassiker der Moderne“, der es sogar ins New Yorker Museum of Modern Art geschafft hat.

Werke von Gerda und Wilfried Moll, Claudia Westhaus, Peter de Vries, Svea Imholze, Ragna Gutschow, Martin und Ulla Kaufmann v.l.o.n.r.u.

Moll ist einer der ältesten Aussteller von „Kunst Schaffen“, doch Angst vor dem Virus braucht er nicht zu haben, denn das Hygienekonzept ist genaustens durchdacht: „Wir haben den Boden mit 1,50 mal 1,50 Meter großen Feldern abgeklebt, damit jeder Besucher ein Gefühl für den notwendigen Abstand bekommt“, sagt Berking. Wer keinen Mundschutz dabei hat, bekommt einen gestellt. Außerdem bekommt jeder Besucher ein Paar weiße Silberschmiede-Handschuhe. So können die Exponate in die Hand genommen werden, ohne dass das Objekt hinterher desinfiziert werden muss. Aber sicher werden die Besucher nicht alle Objekte wieder aus der Hand geben. Schließlich darf man sie auch käuflich erwerben.

„Kunst Schaffen“, 27. Mai – 21. Juni 2020, ROBBE & BERKING, YACHTING HERITAGE CENTRE, Harniskai 13/Ecke Am Industriehafen 5, 24937 Flensburg, Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11:00 – 18:00 Uhr, Montag (außer Pfingstmontag) geschlossen. Der Eintritt ist frei!

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Vernetzt am Puls der Zeit

Ulrike Isensee erhält den „Ehrenpreis Kunsthandwerk – BK-Auszeichnung 2020 für ein Lebenswerk“

Schalobjekt

Es ist erstaunlich, was Ulrike Isensee so alles ins Netz geht. Bänder, Punkte, Streifen, kleine Quadrate, Rhomben und Kreise, Flicken und Fetzen, meist äußerst farbenfroh und aus edlem Material gefertigt – aus Baumwolle, Leinen oder Seide. Zusammen ergeben sie extravagante, ungemein anziehende, hauchzarte Netzgewebe, die bereits vielfach ausgezeichnet wurden. Nun erhielt Ulrike Isensee, seit mehr als 30 Jahren AdK Mitglied, den vom BK vergebenen „Ehrenpreis Kunsthandwerk“ für ihr Lebenswerk. Die AdK Hamburg gratuliert herzlich!

Netze sind ihr Markenzeichen. Mal feinmaschig, mal grobmaschig, mal schwarzweiß, mal bunt, mal verspielt, mal streng strukturiert. Aber immer von einer Leichtigkeit und Originalität, die einzigartig sind. Ulrike Isensee gehört fraglos zu den besten Textilkünstlerinnen der Gegenwart. Und das impliziert auch, dass sie zu den kreativsten und experimentierfreudigsten gehört.

Plastiktüten-Schal

Die Grundlage für die Lust am Experiment legte das Kunststudium (für Lehramt) an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Hier lernte Ulrike Isensee, wie wichtig der freie, unkonventionelle Umgang mit Materialien ist. Und hier fand sie auch heraus, welcher Kunstbereich sie am meisten faszinierte: der angewandte. Konkret: Die wunderbar ausgestattete Textilwerkstatt, die es in den 1970 und 1980 Jahren noch am Lerchenfeld gab. Nach dem 1. Staatsexamen war Ulrike Isensee klar, dass ihr Weg nicht in die Schule führt. Sie wollte sich ganz der Textilkunst verschreiben. Um ihrer Begabung eine solide Grundlage zu verschaffen, schloss sie eine Ausbildung zur Handweberin an.

Auf die Meisterprüfung 1992 folgte gleich die erste Auszeichnung, der Förderpreis der Handwerkskammer Hamburg, und im Laufe der Jahre noch viele weitere Preise – u.a. der Hessische Staatspreis, der Justus-Brinckmann-Preis und der Lotte Hofmann Gedächtnispreis. Stets wurde dabei die technische Raffinesse, die Experimentierfreudigkeit und die außerordentliche Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten betont.

Entgegen der traditionellen Webart schafft Ulrike Isensee mit ihren Schals in der Tat Grenzgänger zwischen freier und angewandter Kunst: Transparente, überaus poetisch anmutende Gewebe aus flottierender, also frei beweglicher Leinenkette, die alle 10 bis 12 Zentimeter durch schmale Webstreifen gehalten werden. Die so entstandenen Fadennetze werden mit allen möglichen Stoffteilen und Stoffresten, auch Leder oder Plastikelemente, belegt und anschließend vernäht. Dabei entstehen immer wieder kühne Materialmixturen und Farbkombinationen, die die Persönlichkeit der jeweiligen Trägerin ungleich mehr unterstreichen, als ein „normaler“ Schal es jemals vermag: Ob verspielt, zart, opulent oder geometrisch streng – es ist in jedem Fall ein tragbares Kunstwerk.

Mitunter vergrößert Ulrike Isensee ihre Objekte auch zu riesigen Wandbehängen. Raumgreifende Arbeiten sind die große Leidenschaft der Hamburgerin, und sie sind keine Grenzgänger mehr, sondern eindeutig der freien Kunst zuzuordnen. So präsentierte Isensee vor drei Jahren, zur AdK-Ausstellung „Geld oder Leben – Nachdenken über Nachhaltigkeit“ im Reinbeker Schloss, beispielsweise ein hinreißendes Textilrelief mit dem Titel „Beifang“ – der ausschließlich aus Plastikmüll besteht.

Bauhaus-Homages an Anni Albers und Ruth Hollos

Fest ins Gedächtnis eingeschrieben hat sich auch Isensees Hommage an die legendären Bauhaus-Künstlerinnen Anni Albers, Ruth Hollos sowie Gunta Stölzl, der ersten und einzigen Meisterin am Bauhaus. An den Ausstellungen des Hamburger Architektursommers zum hundertsten Jubiläum des Bauhauses 2019 beteiligte sich die Künstlerin mit grandiosen, geometrischen Assemblagen, Raumteilern und Wandobjekten – allesamt innovative Werk-Interpretationen der hochbegabten und selbstbewussten „Weber-Weiber“, die selbst heute noch weit weniger bekannt sind als ihre männlichen Kollegen um Gropius, Kandinsky, Breuer und Co. Dabei waren es vor allem die Textilkünstlerinnen mit ihren revolutionären Entwürfen, die dem Bauhaus in seiner kurzen Blütezeit erheblichen Profit einbrachten.

Derzeit arbeitet Ulrike Isensee an großformatigen Textilobjekten zur Ausstellung „Inspiration Hamburg“, der Biennale angewandter Kunst im Museum für Hamburgische Geschichte, die – so Corona will – am 2. September 2020 eröffnet wird.

Ausgelotet und Luftstickerei

Drei Werke sind bereits fertig: „Ausgelotet“, ein meterlanges Objekte aus naturfarbenen Hanfseilen, das auf die klassischen Handlote anspielt, mit der in der Seefahrt die Wassertiefe ermittelt wurde. Die zweite Arbeit, die Assemblage „Tüüg und Takel“ beinhaltet, wie der Untertitel schon sagt, ein „Konvolut textiler Hamburgensien“. Darunter Stofffetzen der Hamburg Flagge, einer St. Pauli Mütze und eines Finkenwerder Fischerhemds. Die dritte Arbeit, eine „Luftstickerei“, wie die Künstlerin sagt, zitiert eine Landkarte: „Stadt am Fluss“. Drei Mal dürfen Sie raten, welche Stadt gemeint ist.

Tüüg und Takel – Konvolut textiler Hamburgensien

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Menschen, Bücher, Sensationen

BuchDruckKunst

Cover Messe-Magazin BuchDruckKunst, Holzschnitt von Franziska Neubert

Menschen, Bücher, Sensationen: An diesem Wochenende, vom 27.- 29. März 2020, sollte die renommierte BuchDruckKunst im Museum der Arbeit stattfinden. Ein Highlight im Kulturleben Hamburgs, normalerweise. Doch was ist schon normal in Zeiten, in denen ein Virus die Welt zum Stillstand bringt und den Menschen unvermittelt ihre Existenzgrundlage raubt. Das Magazin zur Messe jedoch ist erschienen. Ein Kunstwerk für sich, konzipiert und verlegt von Klaus Raasch, einer Institution in der Norddeutschen Buchkunstszene. Allen, die „Erlesenes auf Papier“ zu schätzen wissen, sei es wärmsten empfohlen.

Die Weiße Reihe, edition sonblom

Das hinreißende Cover des kleinen Katalogbuches (und Plakatmotiv der Messe) scheint programmatisch für diese Zeit. Als hätte Franziska Neubert von der Leipziger Künstlerinnengruppe AUGEN:FALTER das Leben im Ausnahmezustand kommen sehen. Oder ist der Alltag der BuchkünstlerInnen auch „normalerweise“ ein zirkusreifer Balance-Akt? Ihre Akrobaten und Drahtseil-Artisten jedenfalls jonglieren halsbrecherisch mit großen und mit kleinen Büchern, lesen unter der Zirkuskuppel am Trapez, bei schlangenartigen Verrenkungen oder rücklings auf Podesten, während sie einen balancierenden Elefanten stemmen, der mit seinem Rüssel wiederum nach Büchern angelt.

Ein Bild wie aus einem Kinderbuch, fröhlich und farbenfroh, zumal die Harlekin-Rhomben des Hintergrunds in sonnigem Gelb, Lindgrün und Hellblau, erscheinen. „Normalerweise“ verkörpert dieses Motiv die Meisterschaft der Artisten, deren scheinbare Leichtigkeit die Strapazen jahrelangen Übens vergessen macht. Vor dem Hintergrund der Corona-Krise jedoch wird das Bild der großartigen Grafikerin und Holzschneiderin zum Symbol für das Leben der Kulturschaffenden schlechthin, die ohne Netz und doppelten Boden von einem Tag zum anderen jonglieren.

Beispiel Weiße Reihe: Gintare Skroblyte zu Fernando Pessoa, Mein Blick ist offen wie eine Sonnenblume

Rund 60 Künstler*Innen und Editionen sind in diesem Magazin versammelt, von Anja Harms Ateliers aus Oberursel, über die Druckgrafischen Werkstätten Pawlow aus Osnabrück und die Handsatzwerkstatt Fliegenkopf aus München bis Antje Wichtrey aus Spanien und die Widukind-Presse aus Dresden. Nicht zu vergessen der Uwe Warnke Verlag, dessen Künstlerzeitschrift ENTWERTER/ODER in der ehemaligen DDR als Untergrundmagazin Furore machte.

Auch zwei Hamburger AdK-Mitglieder gehören zur Kunstbuch-Elite: Sigrid Vollmer aus Holtsee, die unter dem Label Buchwerk nicht nur wunderschöne Einbände aus Unikatpapieren, sowie einzigartige Karten, Kästchen und Schuber fertigt, sondern auch regelrechte Buch-Skulpturen baut, die Ausdruck einer außerordentlichen bildhauerischen Begabung sind. Man kann diese raffiniert konstruierten Objekte zwar als Schatullen benutzen, doch im Grunde sind es veritable Kunstwerke, die auf Sockeln am besten zur Geltung kommen.

Buchwerk Sigrid Vollmer, cubus 1 und 2 | Tita do Rêgo Silva, Empfangskomitee

Die zweite Buchkünstlerin ist erst seit 2019 Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks (AdK), dem Berufsverband angewandter Künstler und Künstlerinnen der Hansestadt, im Museum der Arbeit jedoch seit Jahren regelmäßig zu Gast. Die promovierte Germanistin aus England studierte Druckgrafik in Bonn und Oxford, ehe sie sich 1995 in Hamburg niederließ und hier 1989 die Hirundo Press gründete. Ihre Spezialität sind poetisch und intellektuell anspruchsvolle Künstlerbücher in Zusammenarbeit mit Gegenwarts-Schriftstellern und –Lyrikern wie dem Büchner-Preisträger Martin Mosebach, dem schottischen Dichter Robert Crawford oder dem jungen Lyriker und Essayisten Tobias Roth. Die Holzschnitte von Caroline Saltzwedel sind dabei mehr als bloße Illustrationen der Texte und Gedichte – sie sind ein bildnerisches Pendant, das den geschriebenen Werken eine neue Dimension verleiht.

Arbeit von Caroline Saltzwedel

Der Hamburger Künstler und Verleger Klaus Raasch, der die von Stefan und Wibke Bartkowiak 1998 gegründete BuchDruckKunst seit 2016 leitet, hat das 96 Seiten und über 130 farbige Abbildung umfassende Magazin außerordentlich liebevoll gestaltet und mit einem ausführlichen Ausstellerverzeichnis versehen. Die Leser*Innen erhalten einen guten Überblick über die breitgefächerte Szene all jener angewandten Künstler*Innen, die in Text und Bild Erlesenes auf Papier und aus Papier herstellen. Da alle Homepages und Emails angegeben werden, können sie sich mühelos einen Eindruck davon verschaffen, was das Who is Who aktueller Buchkunst an haptischen, visuellen und intellektuellen Genüssen zu bieten hat.

Vor allem aber ist dieses Buch ein Lesebuch. Raasch und andere Autor*Innen stellen hier etliche Editionen und Projekte vor. Die despalles èdition aus Mainz beispielsweise; Das von Francis van Maele und der Koreanerin Antic-Ham 2005 gegründete Label FRANTICHAM oder das finnische KALEVALA-Projekt. Rainer Schossig schildert „Die fabelhafte Welt der Tita“ do Rego Silva, der begnadeten Holzschneiderin mit brasilianischen Wurzeln, die in ihrem Atelier in der Koppel 66 ein fröhliches, farbenfrohes Pandämonium schafft. Interessant ist auch der Artikel über die WEISSE REIHE der Edition Sonblom. Jährlich gibt sie einen klassischen Text der Weltliteratur aus einem anderen europäischen Land heraus (Auflage 300 Stück), mit jeweils eigens dafür gestalteten Illustrationen. Explizit ausgewiesen als Beitrag zur interkulturellen Verständigung in Europa.

Was für eine ehrenhafte, fast schon rührende Aussage angesichts der aktuellen Lage. Denn dieses Europa hat den Crashtest nicht bestanden. Es ist gerade dabei in sich zusammenzufallen. Ob es sich jemals erholt und tatsächlich zu einer Gemeinschaft zusammen wächst, steht in den Sternen. Was klar ist momentan, ist einzig die bedrohliche aktuelle Situation aller angewandten Künstler*Innen. Der Erwerb des Buches hilft, einige von ihnen zu unterstützen. Auch deshalb ist dieses Magazin so empfehlenswert.

Editon Klaus Raasch: Magazin zur BuchDruckKunst 2020, 96 Seiten, mit über 130 farbigen Abbildungen, vielen Textbeiträgen und einem ausführlichen Ausstellerverzeichnis – gedruckt auf schönstem Naturpapier, fadengeheftet und mit einer Klappenbroschur versehen. 6,00 Euro, online über shop.klaus-raasch.de/product/buchdruckkunst-2020/ zu beziehen. Der Original-Holzschnitt von Franziska Neubert zur BuchDruckKunst 2020 (signiert und nummeriert) ist für 170, 00 Euro ebenfalls für den Online-Shop der Edition Klaus Raasch zu beziehen.

buchdruckkunst.com

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Schönheit liegt nicht nur im Auge des Betrachters

„Beauty“ im Museum für Kunst und Gewerbe

Strategie des Tatookünstler David Allen zur Erholung

Schöne Dinge verkaufen sich besser, schöne Umgebung macht friedlich und freundlich, Schönheit macht die Welt zu einem besseren Ort. Das weiß niemand besser als Stefan Sagmeister und Jessica Walsh. Mit „Beauty“ haben die Grafikdesigner aus New York dem Thema Schönheit nun eine Ausstellung gewidmet, die nach Wien und Frankfurt im Hamburger MKG angekommen ist. Eine zum Teil schon kitschig-schöne Schau, die mit barock-sinnlichen Installationen und jeder Menge Mitmach-Aktionen besticht. Eine kritische Hinterfragung des Begriffs Schönheit ist allerdings nicht inbegriffen.

Schönheit liegt im Auge des Betrachters, heißt ein Sprichwort. Nach den Untersuchungen von Sagmeister und Walsh muss man das anzweifeln. Wie ihre Umfragen zeigen (die Besucher können sich in der Ausstellung selbst testen), ist das Empfinden lange nicht so individuell wie angenommen. Symmetrie, Kontrast, Eleganz und harmonische, dem goldenen Schnitt verpflichtete Proportionen werden mit großen Mehrheiten als „schön“ empfunden.

Aufforderungen zur Teilnahme an verschiedenen Umfragen

Bereits vor einer Million Jahren hat die menschliche Spezies Werkzeuge von erstaunlicher Symmetrie geschaffen. Eine Reihe von Faustkeilen und Steinäxten zeigt das eindrucksvoll. Dabei wären die Waffen asymmetrisch ebenso effizient gewesen. Ein bestimmter Schönheits-Kodex, ein Sinn für harmonische Formen, scheint also naturgegeben.

Andererseits hat der Mensch im Laufe seiner Geschichte doch ein wenig dazugelernt. Dass Platons moralische Maxime von vor 2400 Jahren: „Schön = Gut = Wahr“ so völlig unkommentiert an der Wand des MKG stehen darf, ist mehr als fragwürdig. Noch heute leiden Menschen unter Ausgrenzung, die nicht dem Schönheitsideal entsprechen (das in unterschiedlichen Kulturen durchaus variieren kann).

Platons moralische Maxime

„Platons Meinung ist nicht meine Meinung“, rechtfertig sich der gebürtige Österreicher Sagmeister. Und: „Es geht hier nicht um menschliche Schönheit, sondern um die Schönheit der Dinge“. Okay, das war seine Intention, aber das stimmt so leider nicht. Selbstverständlich vermittelt „Beauty“ auch ein ideales Menschenbild. Die Frauenbildnisse von Anselm Feuerbach bezeugen das ebenso, wie der römische Jünglings-Torso oder das schmale rote Dior-Ensemble, zwei der „60 schönsten Objekte“ aus der hauseigenen Sammlung, die das Erfolgs-Duo ausgewählt hat.

Weitgehend unbeantwortet bleibt auch die Frage, warum die Schönheit im 20. Jahrhundert ein so negatives Image hatte, wie das Diagramm zur Google-Umfrage vor Augen führt. Laut Suchmaschine taucht der Begriff „Schönheit“ Mitte des 19. Jahrhunderts in Büchern am häufigsten auf. In den 1980er Jahren am seltensten. Nun ja, im 19. Jahrhundert war die Schönheit auch in Kitsch und falschem Pathos erstickt. Die Moderne in der bildenden Kunst reagierte darauf mit der radikalen Abwendung von allem Dekorativen. Zudem forderten gesellschaftspolitische Großwetterlage, Industrialisierung, Revolutionen und beginnende Demokratie Anfang des 20. Jahrhunderts neue Konzepte. Das Bauhaus lieferte entsprechende Architektur. Quadratisch, praktisch, menschenwürdig, bezahlbar. Nicht unbedingt schön. Nach der Diffamierung der Moderne durch die Nazis (Stichwort „Entartete Kunst) gingen Architektur und bildende Kunst vollends auf Distanz zur Schönheit. Fast ein halbes Jahrhundert war der Begriff an den Kunsthochschulen verpönt, galt als oberflächlich, spießig und hoffnungslos rückwärtsgewandt.

U-Bahn-Schächte in Moskau, © für alle Fotos: Isabelle Hofmann

Was uns dadurch verloren gegangen ist, zeigen Sagmeister & Walsh eindrucksvoll anhand funktionaler U-Bahnschächte und grauer Wolkenkratzer. Wie wohltuend dagegen die dekorativen Moskauer U-Bahnhöfe und die bunt bemalten Häuserblocks in Tirana (Albanien), die nach ihrer Farbgebung tatsächlich zu einer deutlichen Entspannung des sozialen Brennpunkts geführt haben. Ein überzeugendes Plädoyer für den positiven Einfluss der Schönheit. Ansonsten feiert „Beauty“ mit überbordender Schaulust die Renaissance der Schönheit, verführt schon im Treppenhaus mit betörenden Installationen atmender weißer Ballons und virtueller Vogelschwärme. Nur mit der Behauptung, Marcel Duchamp habe mit seinem provokanten Urinal versucht, „die Schönheit aus der Kunst zu eliminieren“ scheinen sich die Ausstellungsmacher verrannt zu haben. Duchamp hat durch sein berühmtes Readymade vielmehr gezeigt, dass auch ein so profanes Objekt wie ein Urinal eine erstklassige Formgebung haben kann. Man muss die Schönheit nur erkennen.

„Sagmeister & Walsh: Beauty“, bis 26. April 2020, Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz, 20099 Hamburg

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