Isgard Moje-Wohlgemuth – Ein Nachruf

Sie gehörte zu den bedeutendsten ihrer Zunft und war über Jahrzehnte der AdK Hamburg eng verbunden: Die Glaskünstlerin Isgard Moje-Wohlgemuth (1941-2018) starb, wie wir erst jetzt erfuhren, im Alter von 77 Jahren in diesem Herbst in den Vierlanden.

Ihre Gläser sind einfach unverwechselbar, zumal jene, die zu ihrem Markenzeichen wurden: Einfache, vergleichsweise dickwandige, kleine Zylinder, deren Oberflächen in allen Regenbogenfarben schillern und funkeln, von gelblich-grün über rot-orange bis hin zu tiefem blau und violett, manchmal mit Goldstreifen kontrastiert, aber auch ohne so kostbar in ihrer Anmutung, dass man sich kaum traut, die Pretiosen in die Hand zu nehmen.

Auf der Jahresmesse Kunst und Handwerk im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe leuchteten einem diese Gläser schon von weitem entgegen. Jahre, wenn nicht Jahrzehnte gehörte Isgard Moje-Wohlgemuth mit ihren wie Seide schimmernden Objekten zu den Highlights der Ausstellung für angewandte Kunst. Viele ältere AdK-Mitglieder werden sich gern an die sympathische Kollegin erinnern, die immer recht still und zurückhaltend war, aber überaus freundlich und zugewandt im persönlichen Gespräch.

Bereits als Kind, so erzählte sie einmal, hätte sie gewusst, dass sie schöne und kostbare Dinge herstellen wollte. Mit den eigenen Händen natürlich. Die Voraussetzungen dazu, Geduld und Durchhaltevermögen, gehörten zu den Tugenden des hochbegabten Mädchens.

Geboren im Zweiten Weltkrieg im ostpreußischen Gumbinnen und mit ihrer Familie auf der Flucht vor den Russen in den Westen verschlagen, begann Isgard Wohlgemuth mit 15 Jahren eine dreijährige Ausbildung an der Staatlichen Glasfachschule im hessischen Hadamar. Sie spezialisierte sich dort auf Glasmalerei und lernte wenig später ihren Mann Klaus Moje (1936-2016) kennen. Ihm folgte sie 1961 nach Hamburg, wo sie gemeinsam in St. Georg eine Glaswerkstatt aufbauten. Das war ziemlich mutig und ungewöhnlich zu jener Zeit, denn die Studioglas-Bewegung steckte damals noch in den Kinderschuhen und Glaskünstler, wie wir sie heute kennen, gab es noch nicht. Bis Anfang der 1960er Jahre galt Glas ausschließlich als industrieller Werkstoff, Entwurf und Herstellung waren strickt getrennt. Die Designer zeichneten am Reißbrett und schickten ihre Entwürfe in die Glashütten, wo sie von erfahrenen Glasmachern ausgeführt wurden. Auch Mojes arbeiteten anfangs für Manufakturen. Doch sie wollten mehr. Sie suchten den individuellen Ausdruck des Glases, die unverkennbare Handschrift des angewandten Künstlers und untermauerten ihre Position mit ihrem Eintritt in die AdK Hamburg.

Nach Geburt der beiden Kinder, Jonas Moje (1962), Möbel-Designer und seit 1992 ebenfalls AdK-Mitglied, sowie Mascha Moje, (1964), Schmuckkünstlerin in Melbourne, begann Isgard Moje- Wohlgemuth mit Metallsalz-Malerei auf Hohlgläsern zu experimentieren. Die Ergebnisse stellte sie erstmals 1967 bei der Jahresmesse Kunsthandwerk im Museum für Kunst und Gewerbe vor: Schlichte Zylinder, deren ungeheuer delikate, vielfarbige und ineinander übergehende Farbgebung an die Ringe des Saturns erinnern.

Der Erfolg war überwältigend! Innerhalb kürzester Zeit folgten internationale Ausstellungen, zahlreiche Preise und Ankäufe großer Museen. Wenige Jahre später war „Moje-Glas“ international ein Begriff. 1970 entstanden die ersten diamantgestippten Gläser, ein Jahr später der erste Glas-Schmuck in Verbindung mit Gold und Silber. Ende der 1970er Jahre folgten Gastdozenturen in den USA, den Niederlanden und Deutschland.

Doch der Erfolg forderte auch seinen Tribut: 1980 trennte sich das Ehepaar. Klaus Moje ging nach Australien, an die Canberra School of Art, wo er eine Klasse für Glaskunst aufbaute. Isgard Moje-Wohlgemuth fand ihr Glück auf dem Siedscheljer Hof im niedersächsischen Mayenburg, nördlich von Bremen. Ganz abgeschieden und umgeben von Feldern und Wiesen, lebte und arbeitete sie hier mit ihrem zweiten Mann, dem Gürtlermeister und Metallbildhauer Michael Harjes (1926-2006), mit dem sie regelmäßig zu Atelierausstellungen einlud.

Ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes, erkrankte auch die Glaskünstlerin so schwer, dass sie wieder nach Hamburg, in die Nähe ihres Sohnes zog. Doch bis dahin entwickelte sie in ihrer großzügigen Werkstatt, einem ehemaligen Schweinestall, immer neue Facetten der Glaskunst: Große, raumgreifende Objekte wie den würfelförmigen „Kimono“ (1987), auch humorvolle Glas-Plastiken, wie die „Heiligen Kühe“ (1993) und die „Komischen Vögel“ (in Zusammenarbeit mit dem Metallgestalter Reinhard Ose). Oder die an prähistorische Amulette erinnernden „Scheibenanhänger“ in Zusammenarbeit mit der Glashütte Fischer in Bramsche.

Doch wenn man an Isgard Moje-Wohlgemuth zurückdenkt, diese wunderbare Künstlerin, die so prägend in ihrem Metier war, dann kommen einem als erstes die kleinen, formal schlichten Becher in den Sinn. Diese hinreißenden irisierenden Objekte, aus denen man zwar trinken kann, die im Grunde aber doch nur ein Trägermaterial bilden – einen angenehm in den Händen liegenden Körper für ein stupendes Farbenspiel zwischen Abstraktion und Informel. Bezaubernd schön und von einzigartiger Qualität.

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Weihnachtszeit – Messezeit

Was, schon wieder Weihnachten? Jedes Jahr das gleiche Erstaunen, der innere Kalender will mit dem äußeren einfach nicht zusammenpassen. Doch wenn mit einem Schlag zahlreiche Ausstellungen der Kunsthandwerker/Innen eröffnen, wird es Zeit, sich auf den Advent einzustellen.

Das Angebot ist riesig, doch welche Messen und Märkte sind empfehlenswert? Die alten Hasen setzen da auf das Gütesiegel AdK. Wo Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks Hamburg ausstellen, ist das Niveau erfahrungsgemäß top. In der Hamburger Innenstadt sind das drei Orte: Die Messe Kunst und Handwerk im MKG am Steintorplatz (bis 9.12.); die Adventsmesse in der Koppel 66 (bis 23.12., jeweils Fr-So 11-19 Uhr) und die Ausstellung „Drei Monate Gestaltung außer der Reihe“, Lange Reihe 47 (bis 23.12. täglich 11-19 Uhr, danach bis 12.1.19, Di-Sa 12-19 Uhr).

Blick in die Galerie Lange Reihe 47 mit Keramiken von Jerry Johns

Die Messe im Museum für Kunst und Gewerbe, schräg gegenüber vom Hamburger Hauptbahnhof, ist traditionell der Platzhirsch. Gegründet von Justus Brinckmann 1879 zur Förderung junger Hamburger Talente und später als Leistungsschau angewandter KünstlerInnen aus Norddeutschland etabliert (plus Sonderausstellung aus einem Gastland), versteht sich die Messe seit 2012 als internationales Forum für aktuelle Entwicklungen. Junges Autoren-Design und Hochschul-Nachwuchs aus dem In- und Ausland rückte seitdem verstärkt in den Fokus. Das brachte in den vergangenen Jahre zwar erfrischende Impulse, bedeutete für etliche Lokalmatadore jedoch das Ende einer langen Tradition.

Seit 2017 zeichnet Caroline Schröder als neue Leiterin der Abteilung Kunst und Design für die Messe verantwortlich und sie ringt offenbar genauso sehr mit Platzproblemen wie ihre Vorgänger. Waren im vergangenen Jahr 67 Teilnehmer zu Gast im MKG, so sind es diesmal (nur) 51 Ausstellerinnen und Aussteller, die ihre hervorragenden Produkte in der ehemaligen Turnhalle und in der Belle Etage des Museums am Steintorplatz präsentieren.

Den renommierten Justus Brinckmann Preis erhielt in diesem Jahr die Weberin Anne Andersson.

Tischbänder von Anne Andersson

In der Begründung der zehnköpfigen Fachjury heißt es: „Das klare, puristische Design und die hohe handwerkliche Fertigkeit von Anne Andersson begeisterten die Jury. Alltägliche, jedem vertraute Objekte wie zum Beispiel Hand- und Geschirrtücher überzeugen durch gute Gestaltung, hochwertige Haptik und schöne Farben. Auf den ersten Blick zurückhaltend sind die aus Leinen-Baumwoll-Mischungen gefertigten Textilien eine gelungene Verbindung von modernen und klassischen Webtechniken und zelebrieren das traditionelle Handwerk“.

JBG Vorsitzende Antonia Aschendorf mit Preisträgerin Anne Andersson

Mit Anne Andersson ist zum zweiten Mal hintereinander ein Mitglied der Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks Hamburg (AdK) ausgezeichnet worden. Überhaupt sind erfreulich viele AdK-Mitglieder (und Ex-AdK-Mitglieder) in diesem Jahr dabei. So zeigen im Bereich Textil Anne Andersson, Ulrike Isensee und Katja Stelz grafisch extravagante Tücher, Decken und Schalobjekte. Natürlich ist auch der Weber Andreas Möller dabei, der 2017 den Justus Brickmann Preis erhielt und diesmal in der Jury saß. Möller stellt übrigens erstmals gemeinsam mit seiner Frau Natalia aus. Hendrike Farenholtz und Ragna Gutschow sind mit ihren hervorragenden Möbeln immer ein Highlight der Messe, ebenso Hutmacher Peter de Vries und Kira Kotliar, deren bezaubernde Pappmaché-Figuren jeder Messe etwas Märchenhaftes verleihen. Im Bereich Schmuck und Silber glänzen die Arbeiten von Claudia Christl, Babette von Dohnanyi, Ulla und Martin Kaufmann, Claudia Westhaus und Großmeister Wolfgang Skoluda, dem die Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek München im kommenden Frühjahr eine große Sonderausstellung widmet.

Neuentdeckungen auf der MKG-Messe 2018: Corinna Petra Friedrich und Susann Sting, zwei hochinteressante Keramikerinnen, die mit grafischen Elementen und der bewussten Brechung von Perfektion experimentieren. Der Bremer Joachim Manz, dessen Lampenobjekte und Kleinmöbel zwischen Design und Skulptur oszillieren, sowie Alena Willroth mit Schmuck aus Polyethylen-Folie und die junge AdK-Künstlerin Svea Imholze, die mit dünnen Blechen und Drähten vegetativ anmutende Schmuckkörper konstruiert.

Oft ähnlich hochwertig, aber meist nicht ganz so hochpreisig, präsentiert sich die angewandte Kunst wenige Schritte weiter in Richtung Alster. Unter den zahlreichen Ausstellern aus dem In- und Ausland im Haus des Kunsthandwerks (Koppel 66) sind etliche AdK-Mitglieder und erfreuen mit Dingen, die den Alltag verschönern. Die edlen Hüte von Silvia Bundschuh beispielsweise oder die Aquarelle und kleinen Keramiken von Daniel Vogler. Gunter König, der seine formschönen Möbel bislang im MKG präsentierte, ist dieses Jahr ebenfalls in der Koppel zu Gast, genau wie die beiden Schmuckgestalterinnen Ilka Bruse und Anke Gralfs.

goldene Ohrringe mit Porzellan von Marjon Reinsberger

Gleich nebenan, in der Langen Reihe 47, verwandelt sich eine Eisdiele seit nunmehr 13 Jahren während der Wintermonate in einen Showroom der Extraklasse. Hier zeigen rund 20 KunsthandwerkerIinnen ausgewählte Arbeiten, unter ihnen Ula Dahm (Seidenschmuck), Anna-Karin Garbe (Filz-Taschen) Jerry Johns (Keramik), und Hermann Savary (Holzschalen und -Stifte), die sich wunderbar auch als kleine Geschenke und Mitbringsel eignen. Gleich eingangs fallen die bezaubernd-verspielten Anhänger von Marjon Reinsberger aus Edelsteinen, Porzellan und Perlen ins Auge, das fröhliche Bestiarium der Keramikerin Cornelia Woitun und der hinreißende Papierschmuck von Andrea Meyer – eine Entdeckung für alle, die ihn noch nicht kennen. Eigens zum Weihnachtsfest kreierte die Buchbinderin aus Schleswig-Holstein zarte Himmelsboten, deren Flügel handgeschnittene Klöppelspitzen-Muster zieren: „Spitzenengel“ in jeder Hinsicht.

Spitzenengel von Andrea Meyer

 

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Das „Naturereignis“ Peter de Vries

Freunde und Kollegen bezeichnen ihn als „Naturereignis“. In jedem Fall ist Peter de Vries ein charismatischer Mann mit überschäumendem Naturell, Schalk im Nacken und umwerfend guter Laune. Ein kreativer Kopf, der ständig neue Ideen entwickelt und mit seiner Begeisterung alle anzustecken vermag. Anfang der 90er Jahre war der Hutmacher schon einmal AdK-Mitglied. Seit 2018 ist er wieder dabei. Und das nicht nur mit seinen Hüten. Neuerdings macht Peter de Vries auch Urnen.

Peter de Vries mit veganer Stroh-Urne

Das Unmögliche zu schaffen, gelingt einem nur, wenn man es für möglich befindet.“ Das hat zwar der verrückte Hutmacher aus „Alice im Wunderland“ gesagt, doch der Satz hätte auch von Peter de Vries stammen können. Schließlich ist es schon ziemlich verrückt, seinen einträglichen Beruf als Optiker an den Nagel zu hängen, um Hüte zu machen. Ohne jede Ausbildung, wohlgemerkt, als Autodidakt. Wenn man den gebürtigen Holländer fragt, wie er auf den Hut und nach Hamburg gekommen ist, erzählt er von einer Hut-Show bei der Eröffnung eines Casinos in seiner Heimatstadt Groningen 1988 und seiner Freundin damals, „die sehr gerne Hüte trug“. Das Handwerk hatte ihn gepackt, obwohl er selbst keine Hüte trug und bis heute nicht trägt. 1989 kündigte er seinen Job als Optiker, ging nach Hamburg, eröffnete in der Geschwister-Scholl-Straße 8 sein Atelier und wurde wenig später zum ersten Mal Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Kunsthandwerk in Hamburg.

Hutformen aus Holz

In dem Atelier in Eppendorf arbeitet Peter de Vries heute noch, denn es brachte ihm Glück – auch persönlich. Eines Tages betrat eine Dame die Werkstatt, die eigentlich nur einen Hut suchte – und ihren späteren Ehemann fand. Mittlerweile sind die Kinder 20 und 16 Jahre alt und die Werkstatt sieht (fast) noch so aus, wie de Vries sie einst eingerichtet hat. Der erste Eindruck, sobald man sie betritt: Voll und etwas chaotisch. Oder: Voll und schön aufgeräumt. Das liegt ganz daran, welchen Tag man gerade erwischt. In der Mitte ein schmaler Tisch, auf dem ein paar Hüte trocknen. Links und rechts davon zwei Arbeitsplätze mit Nähmaschinen. Eine davon ist eine echte Antiquität und stammt aus den USA der 1880er Jahre. An ihr sitzt Peter de Vries, wenn er die Strohhüte und -Urnen näht.

Peter de Vries an seiner Nähmaschine

Rundherum raumhohe Wandregale mit Hutformen aus Holz, Hutrohlingen aus Filz, Strohhüten und einem riesigen Wäschekorb aus Stroh. Beeindruckend ist die Sammlung an Hutpressen aus Aluminium, die martialisch und archaisch anmuten, doch genauso noch heute in Italien hergestellt werden.

Hutformen aus Aluminium

Über ihnen hängen Bilder der niederländischen Königsfamilie: Königin Juliana und Prinz Bernhard, Königin Beatrix und Prinz Claus. Gegenüber König Willem-Alexander und Königin Maxima. „Meine Sippschaft“, kommentiert Peter de Vries augenzwinkernd, „Ich bin ja das schwarze Schaf der Familie“. Das stimmt zwar nicht, dafür stimmt aber, dass er zur Hochzeit von Maxima und Willem-Alexander für die entfernte norddeutsche Verwandtschaft die Hüte entwarf. Das war 2002 und zu jener Zeit war der Hutmacher bekannt wie ein bunter Hund für seine verrückten Kreationen. „Einer meiner Hüte war so groß, dass mein Modell umgefallen ist“, erzählt er lachend. „Den hatte ich für den Moet-Chandon-Wettbewerb 1999 auf der Horner Rennbahn gemacht“.

Mittlerweile setzt der Wahlhamburger verstärkt auf tragbare und vielseitige Hüte. Zu den Verkaufsschlagern zählt der praktische „Robin Hut“ aus feinem Velourfilz, „der den Reichen nimmt und den Armen gibt“ (de Vries). Der robuste „Rollin Hat“ für den Herren, der ein wenig dem Borsalino-Klassiker „Fedora“ ähnelt – und natürlich der preisgekrönte und vielfach wandelbare „Sushehat“, ausgezeichnet mit dem renommierten „Red Dot Design Award“ 2006 und dem Preis für Ecodesign der Mailänder Universität 2009.

Erfolgsmodelle Sushehat und Robin Hut

Immer in Bewegung bleiben, sich immer wieder neu erfinden, das ist die Devise des Peter de Vries, der auch mit 57 Jahren nichts von seinem Lausbubencharme und seiner Neugierde verloren hat. Nicht zu vergessen die Experimentierlust, der so großartige Erfindungen wie die schalldämmende Wandfliese aus Filz zu verdanken ist. In den Maßen 50×50 Zentimeter ist sie nach Belieben bedruckbar und farbig zu gestalten, dazu über ein Klettverschlusssystem leicht und variabel in gewünschter Menge an den Wänden zu befestigen. Diese Filzfliese hat ihm 2010 nicht nur den Hessischen Staatspreis eingebracht, sondern auch ein komplett neues Berufsfeld als Akustikspezialist eröffnet. In den Fluren des Hamburger Johanneums, in der Montessori Schule Düsseldorf, in etlichen Büros, ja sogar auf einem Kreuzfahrtschiff sorgen Filzfliesen aus seiner Werkstatt jetzt für einen angenehmen Lärmpegel.

Wäschekorb und Filz-Fliesen

In der Opernwelt hat der Hutmacher ebenfalls Aufsehen erregt. Für die Bayreuther „Lohengrin“-Inszenierung von Hans Neuenfels 2010 bestellte der Bühnen- und Kostümbildner Reinhard von der Thannen 143 gelbe Filzhüte. Eine schöne Geschichte, die Peter de Vries nun den Studierenden erzählen kann: Seit 2011 unterrichtet er als Lehrbeauftragter in der Textil-Klasse von Professor Renata Brink an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Nach dem innovativen Einsatz von Filz nun also der innovative Einsatz von Stroh: Als biologisch hundertprozentig abbaubare Urnenhülle. Vielleicht ist es ja auch ein wenig dem Alter geschuldet, dass sich der Designer und Kunsthandwerker nun diesem ernsten Thema zuwendet. Allerdings – allein die Idee entlockt einem doch schon unwillkürlich ein Lächeln. Was für eine schöne Vorstellung, in einer handgenähten Strohurne in die Ewigkeit einzutauchen. In einer dieser unprätentiösen kleinen Körbe mit Deckel, deren wellenförmige Form an leckere Baumkuchen erinnert. Das Weizenstroh, die Baumwollfäden und die Kokosfasern als Füllung und Kordel sind ebenso vegan, wie die Asche-Kapsel aus gepresstem Hanf. Das gleiche gilt für die Farben der Stroh-Urne, die vom hellen Naturton bis zum tiefen Schwarz wählbar sind. So eine Urne kostet 190,- bis 390,- Euro. Und eine prominente Kundin hat auch schon eine bestellt: Marie Bäumer war von der Urnen-Idee begeistert. Die Schauspielerin, die dieses Jahr für ihre Rolle als Romy Schneider in dem Film „3 Tage in Quiberon“ den Deutschen Filmpreis als beste Hauptdarstellerin erhielt, ist seit den frühen 90er Jahren eine Freundin von Peter de Vries. Doch das ist eine andere Geschichte…

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Jan Spille – Portrait eines „fairen“ Goldschmieds

Unter den Goldschmieden ist er ein Pionier – nicht in Punkto Design, sondern in Punkto Bewusstsein. Seit 2005 verarbeitet Jan Spille für seine Schmuck-Kollektionen Gold aus ökologischer Gewinnung und fairem Handel – mit dem Vorsatz, nicht nur seinen Kunden bestmögliche Qualität zu liefern, sondern auch die Lebensqualität der Goldschürfer und ihrer Familien vor Ort zu verbessern.

Goldschmied Jan Spille   Foto: Hofmann

Wer Sebastiao Salgados Fotografien aus der brasilianischen Goldmine Serra Pelada kennt, kann sich ein Bild von der Hölle auf Erden machen: Hunderte, tausende Minenarbeiter in Lumpen, schwarz, verdreckt und verschwitzt, schwer bepackt mit Gestein. Der Berg, an dem sie stehen gleicht einem gigantischen Ameisenhügel, das Maß an Fron und Leid, das aus diesen Aufnahmen von 1986 spricht, kann man nur als biblisch bezeichnen.

Als Jan Spille 2002 für „drei Jahre und einen Tag“ auf die Walz ging, die traditionelle Wanderschaft der Gesellen, hatte er Salgados Fotografien zwar nicht vor Augen, wusste aber dennoch, unter welch grauenhaften Umständen Gold und Diamanten in Asien, Afrika und Südamerika abgebaut wurden: In etlichen Minen müssen Kinder arbeiten, fast immer herrschen unsägliche Umwelt- und Arbeitsbedingungen. Ein Dilemma für den jungen Goldschmied und bekennenden Umweltaktivisten, den Berichte über „Blutgold“ aus dem Kongo und andere Schreckensnachrichten an seinem Berufswunsch zweifeln ließen. Umso erleichterter war Spille, als er Importeure kennenlernte, die ökologisch- und sozialverträgliches Gold und Silber von den weltweit ersten Bergbau-Kooperativen in Südamerika bezogen. „Es war für mich eine große Befreiung zu wissen, dass es Alternativen zum kommerziellen Goldabbau gab. So konnte ich meine politischen Wertevorstellungen und das, was ich in meinem privaten Leben lebe, auf mein Handwerk übertragen“.

SAMA – Die erste zertifizierte afrikanische Goldmine   Foto: Jan Spille-Schmuck

Zurück in Hamburg machte sich Jan Spille selbständig und begab sich nebenbei auf eine „akademische Wanderschaft“, wie er sagt: Ein Studium der Kulturanthropologie, Volkskunde und Politikwissenschaften. „Mit 30 Jahren war ich schon ein relativ alter Student und wusste, was ich wollte. Mein Schwerpunkt war Kleidungs- und Materialforschung, insbesondere Schmuck. Was verbindet man zum Beispiel mit einem Ring? Letztlich erklärt die Kulturanthropologie, was dem Menschen wichtig ist und wie die Gesellschaft funktioniert“, sagt Spille, der durch das Studium nur darin bestätigt sah, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Damals war er in seiner Branche noch ein Exot, „saubere“ Rohstoffgewinnung interessierten damals noch viel zu wenige. In Kolumbien hatte im Jahr 2000 gerade die erste umweltverträgliche und sozial verantwortliche Gold- und Platin-Kooperative Oro Verde (Grünes Gold) ihre Produktion aufgenommen. Etwas früher, seit Ende der 1990er Jahre, setzt sich die Stiftung EcoAndina für bessere Lebens- und Umweltbedingungen der Andenregion in Argentinien ein. Aber es sollte noch zehn Jahre dauern, bis 2010 die Standards zur Zertifizierung der Lieferketten entwickelt wurden. Großbritannien war Vorreiter auf diesem Gebiet. Seit 2015 gehört das Unternehmen Jan Spille Schmuck zu den ersten zertifizierten und lizensierten Goldschmieden in Deutschland, die das Fairtrade-Siegel tragen dürfen.

Jan Spille mit SAMA-Minenarbeiter   Foto: Jan Spille-Schmuck

Heute hält der Hamburger Vorträge über „Ethical Gold“, entwickelt Ausstellungen und Seminare über Fairen Handel und Ökologie von Gold. Seine Philosophie: Von der Rohstoffgewinnung bis zum fertigen Schmuckstück sollen alle an der Produktions- und Lieferkette beteiligten Menschen eine möglichst hohe Lebensqualität haben.

Selbstbestimmung, körperliche Gesundheit, Gleichheit und Gerechtigkeit – eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Doch die Realität bei den Goldschürfern in der „Dritten Welt“ sieht anders aus.

Grundsätzlich, das noch vorab, gibt es zwei Formen des Goldabbaus: den Kleinbergbau und den Großbergbau. Während im Großbergbau weltweit agierende Konzerne gigantische Minen aufmachen und häufig im Tagebau ganze Berge mit hochmodernen riesigen Maschinen abtragen – dabei immer wieder auch ganz Dörfer zerstören und ihre Bewohner zwangsenteignen – ist der Kleinbergbau meist illegal und informell. Nach Schätzungen der UNO arbeiten 15 bis 20 Millionen Kleinschürfer im Goldbergbau, davon etwa ein Drittel Frauen und Kinder. Insgesamt sind mehr als 100 Millionen Menschen vom Gold-Kleinbergbau abhängig. Meist sind es einfache Bauern, die neben ihrer Hütte ein Loch graben und anfangen zu schürfen. Oder sie stellen sich, wie im Amazonasgebiet, in ausgetrocknete Flussarme und waschen das Sedimentgestein aus. Mit extrem schädlichen Chemikalien, wohlgemerkt. Rund 100. 000 Tonnen Quecksilber werden pro Jahr allein in den Amazonas gekoppt, rechnete Fairtrade-Deutschland aus. Mittlerweile kennt Jan Spille solche Zustände nicht mehr nur aus Zeitungsberichten oder einschlägigen Webpages. In den vergangenen Jahren besuchten er und sein Team Minen und Schürfplätze in aller Welt.

So war Spille bei einer Reise ins Amazonasgebiet Augenzeuge, als das aus dem Fluss ausgewaschene Sedimentgestein in große, blaue Plastiktonnen geschüttet und mit flüssigem Quecksilber versetzt wurde. „Die Arbeiter sind dann barfuß in die Tonne gestiegen und haben das Material gestampft“, erinnert sich der engagierte Goldschmied. Als nächster Schritt wird der Brei in einem Tuch ausgewrungen, das übrig gebliebene Goldamalgam später erhitzt, bis nur noch das Gold übrigbleibt. „Die Menschen nehmen das Quecksilber über die Haut und über die Dämpfe auf, nehmen aber die Gefahren nicht ernst. Wir haben in Südamerika einen Goldschürfer getroffen, der uns erzählte, dass er mitunter ein Schnapsglas Quecksilber trinkt. Das würde ihm Glück bringen“.

Vor einem Jahr, bei seinem Besuch der Fairtrade-Kooperativen in Kenia und Uganda, in Gegenden, in denen seit Generationen Gold abgebaut wird, hatte Spille dann Erlebnisse, die ihn „wirklich umgehauen haben“. Während bei dem Pilotprojekt SAMA in Uganda, der ersten afrikanischen Kooperative, die 2017 für Faires Gold zertifiziert wurde, Frauen und Männer gleichberechtigt arbeiten und Kinderarbeit verboten ist, sind die Zustände in den unzähligen konventionellen Minen der Nachbarschaft katastrophal und die Todesrate entsprechend hoch. Immer wieder kommt es zu Kohlenmonoxid-Vergiftungen, da das Grundwasser in den Stollen mit einfachen Diesel-Pumpen abgepumpt wird, deren Schläuche oft marode sind. „In Kenia hat man uns nur in eine Mine gelassen, wo der Dieselgenerator draußen stand. Über eine Holzleiter ging es 20 Meter tief, da kommt man in den ersten Stollen. Dann geht es weiter runter, bis insgesamt 100 Meter tief. Es sind sehr enge Stollen, die engsten Passagen maximal ein Meter mal ein Meter groß. Und überall hocken Menschen“. Spille steht das Erlebnis noch ins Gesicht geschrieben: „Es ist alles sehr klein, sehr schlecht abgestützt und es stinkt gewaltig nach Urin und Exkrementen“. Schockiert haben den Goldschmied aber nicht nur die Enge und der Gestank. Viel schlimmer fand er, dass die Arbeiter völlig ungeschützt sind: „Sie tragen keine Helme, keine Schutzbrillen, haben nur Taschenlampen um die Köpfe gebunden, Die gehen da in T-Shirts Shorts und Badelatschen unter Tage. Man braucht aber Atemschutzmasken, die Arbeit ist extrem anstrengend und gefährlich. Die Quarze werden mit Hammer und Meißel abgebaut, da fliegen Steine rum“.

Ungeschütz unter Tage Ein afrikanischer Goldschürfer in einer konventionellen Mine                     Foto: Jan Spille-Schmuck

 

Drei Tage später, in Uganda, kam er gerade an einem Loch vorbei, in dem der Bauer eine halbe Stunde zuvor verschüttet wurde. „Da war natürlich großer Aufruhr. Aber das krasse bei der Geschichte: Im Gespräch mit den Menschen stellte sich heraus, dass so ein Unglück hier alle naslang passiert. Es gibt kein gutes Werkzeug und häufig fehlt es auch an Wissen. Der eine nimmt den Generator mit runter, der nächste hat gar keinen.“

In Shirts und Shorts in den Goldbergbau – konventionelle Goldschürfer in Afrika                          Foto: Jan Spille-Schmuck

Aber nicht nur die Arbeit unter Tage ist in den konventionellen kleinen Minen brandgefährlich und menschenunwürdig, auch die Lebensumstände in den umliegenden Dörfern sind katastrophal. „Alle sind in die Goldgewinnung einbezogen. Der Vater ist in der Mine, die Frauen waschen das Gestein mit Quecksilber aus und haben noch ein Säugling an der Brust.“ Spille hat auch Kinder von Minenarbeitern in der Schule besucht. „Es gibt nur einige Tische, die meisten sitzen auf dem Boden. 800 Schüler für zehn bis zwölf Lehrer, manchmal 100 Kinder in einer Klasse. Es gibt kein Papier, keine Stifte. Der Lehrer steht einfach und spricht. Viele der Kinder haben HIV und Typhus, es gibt immer wieder Fälle von Cholera, weil das Grundwasser verunreinigt ist. Es gibt keine Toiletten in den Minengebieten. Die Leute gehen einfach in die Pampa, um sich zu erleichtern. Das geht ins Trinkwasser. Und nebenan steht auch noch eine Cyanid-Anlage“.

Aber nicht nur das ist schockierend. Auch die Tatsache, dass so viele Kinder, vor allem die Mädchen, sehr früh von den Schulen genommen werden, um beim Goldwaschen zu helfen. „Viele gehen auch in die Prostitution“, weiß Spille. „Wenn im Schacht Hochbetrieb ist, 20 bis 30 Leute unten, dann stehen um den Eingang zur Mine hundert Menschen, die Verkäufer und Prostituierten. Für Mädchen, die ihre Eltern verloren haben, viele durch Grubenunglücke oder HIV, bleibt oft nur die Prostitution. Das führt wieder zu HIV.“

Diese Zustände sind nur schwer auszuhalten, aber Jan Spille wird nicht müde davon zu erzählen: „Die Leute müssen sich den Kram auch anhören, um zu verstehen, warum ökologischer und sozialgerechter Goldbergbau so wichtig ist.“ Aber er weiß auch: „Nur, weil es Fairtrade ist, ist es nicht Hundertprozent gut.“ Zu verbessern gibt es immer etwas und bislang ist es häufig unmöglich, Gold aus Erzen ausschließlich mit ökologischen Methoden zu gewinnen: „Die ökologische Methode klappt nur, wenn die Goldkörner in den Erzen groß genug sind. Leider ist das meist nicht der Fall, so dass doch wieder Cyanid verwendet werden muss. Wir verarbeiten zum Beispiel ökologisch gewonnenes Fairmined Gold aus Erzen von einer Kooperative in der Mongolei. Daneben auch ökologisch gewonnenes Fair Trade Gold von Ecoandina, Argentinien, das in der Schwerkraftmethode aus Flüssen ausgewaschen wurde – ohne Quecksilber und Cyanid“.

Aber auch die konventionell produzierenden Fairtrade-Minen haben sich verpflichtet, Mindestpreise, strenge Sicherheitsbestimmungen und hohen Umweltauflagen einzuhalten. „Die zertifizierten Minen, die wir besuchten, waren alle Klasse“, so Spille. „Der Unterschied zu den nicht zertifizierten Minen ist gewaltig“.

Das vermitteln auch die Bilder, die er vor Ort aufgenommen hat: Den Menschen scheint es offensichtlich gut zu gehen. Alle Minenarbeiter tragen Helme und Schutzkleidung. Klar, dass Rohstoffe, die auf diese umsichtige und nachhaltige Weise gewonnen werden, auch merklich teurer sind, doch der Trend geht in die richtige Richtung.

Wir haben da etwas angestoßen“, sagt Jan Spille zufrieden. „Während meiner Wanderschaft als Geselle habe ich keinen Goldschmied getroffen, der mit „sauberem‘ Gold gearbeitet hat. Mittlerweile sind bei Fairtrade Deutschland rund 50 Goldschmiede-Unternehmen eingetragen. Das ist doch immerhin ein Anfang“.

Isabelle Hofmann

Weitere Infos unter www.janspille.de

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