Ein Ausnahmemensch und ein Ausnahmekünstler

Zum Tode von Wilfried Moll

Wilfried Moll in seiner Werkstatt in Travemünde, Foto: ©Hofmann

Ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, freundlich, zuvorkommend, immer gut gelaunt. Das war Wilfried Moll. Eine Ehre und ein Vergnügen, diesen Künstler gekannt zu haben. Am 9. Juni 2020 ist Wilfried Moll im Alter von 80 Jahren überraschend gestorben. Die AdK Hamburg trauert um einen der besten Gold- und Silberschmiede Europas – und um einen außergewöhnlich liebenswürdigen Menschen.

Auf der Werkbank steht noch ein unvollendetes Silbergefäß. Überall liegt Werkzeug herum. Das ganze Haus ist von seinem Geist erfüllt. Es ist, als „sei er grad mal eben aus der Tür gegangen“, sagt Gerda Moll. Seine Frau, selbst eine vielfach ausgezeichnete Goldschmiedin, kann noch gar nicht fassen, was passiert ist. Die letzte Silberkanne ist erst wenige Wochen alt. Wilfried Moll hat sie für die bis zum 21. Juni laufende Ausstellung „Kunst Schaffen“ der Robbe & Berking Werft in Flensburg fertiggestellt, bei deren Eröffnung Ende Mai die „Mollies“, wie sie Kollegen liebevoll nennen, selbstverständlich anwesend waren.

Geschaffen hat Wilfried Moll sie in seinem charmanten, kleinen Stadthaus in Travemünde, schräg gegenüber der St. Lorenz Kirche, in der kommenden Freitag die Trauerfeier stattfindet. In dieses Haus zog sich Wilfried Moll in den vergangenen Jahren immer häufiger und länger zurück. In Hamburg hatte er eine gemeinsame Wohnung und Werkstatt mit seiner Frau Gerda, Travemünde jedoch war sein Refugium, sein Kraft- und Kreativzentrum. Dort konnte er Tag und Nacht hämmern und schmieden, ohne dass es jemanden störte.

Vor knapp zwei Jahren durften einige Kollegen und Kolleginnen der Arbeitsgemeinschaft Kunsthandwerk (AdK Hamburg) die „Einsiedelei“ besichtigen. Wilfried Moll hatte zu einem Werkstattbesuch eingeladen. In eine Werkstatt wie aus einem Bilderbuch, groß, hell mit Ausgang in einen verwunschenen, kleinen Garten und überreich an Werkzeugen, die ordentlich sortiert an der Wand hingen. Ein unvergesslicher Nachmittag war das, ausgelassen und lehrreich, mit Getränken aus edlen Silberbechern und guten Gesprächen, bei denen der Meister voller Freude seine Lieblingsstücke vorführte. Eine Kanne mit Stövchen, einen Kirchenleuchter, ein Sahnekännchen. So edel und glänzend, dass man sie selbst mit Handschuhen kaum zu berühren wagte.

Während Gerda Moll in der Schmuckgestaltung zu Hause ist, verschrieb sich Wilfried schon früh dem Tafelgerät. Ob Schalen, Kannen, Bestecke – seine Formsprache seiner Objekte ist klar, funktional und verrät auf den ersten Blick die Liebe zum Bauhaus und zum skandinavischen Design: Würfel, Kugel, Quader, Rechtecke, Zylinder sind stehts die geometrischen Grundkörper seiner vielfach preisgekrönten Arbeiten.

Eine Erfolgsgeschichte für sich sind seine vier Besteckentwürfe für die traditionsreiche Flensburger Silberschmiede Robbe & Berking, „Alta“ (1981), „Atlantic“ (1982) „Riva“ (2001), „Sphinx“ (2008) – bis auf das zweite Besteck in Edelstahl alle in Sterlingsilber gefertigt, „Alta“ wurde sogar vom New Yorker MOMA angekauft.

Besteck „Riva” von 2001

Modelle in Kunststoff oder Holz waren nie seine Sache, erzählte Oliver Berking einmal. Wilfried Moll präsentierte seine Prototypen grundsätzlich in Silber, „seinem Material“. Eine Vorgangsweise übrigens, die den gebürtigen Hamburger mehr in der Freien Kunst, in der Bildhauerei verortet, als im Design. Und bei der sein Studium in Nürnberg zweifellos zum Tragen kommt.

1940 geboren, absolvierte Wilfried Moll im Hamburg der Wirtschaftswunderzeit eine Goldschmiedelehre (1956-1959) und verbrachte anschließend seine Gesellenjahre in Kopenhagen, einer Stadt der er zeitlebens eng, fast familiär verbunden blieb. Als Meisterschüler von Andreas Moritz an der Akademie der bildenden Künste in Nürnberg gewann er dann die gestalterische Reife für seine internationale Karriere als freischaffender Künstler, die ihn u.a. nach Australien, China und Japan führte, wo er nicht nur in großen Ausstellungen brillierte, sondern auch Workshops leitete. In der langen Liste seiner Auszeichnungen seien hier nur der Justus Brinckmann Preis Hamburg, der Bayerische Staatspreis und der Karl Gustav Hansen – Preis Dänemark genannt.

In die Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks Hamburg ist Wilfried Moll bereits 1965, mit 25 Jahren (!) eingetreten – zeitgleich mit seiner ebenso alten Frau Gerda wohlgemerkt, die er bereits Ende der 1950er Jahre bei der gemeinsamen Goldschmiedelehre kennen und lieben lernte. Beide halten der AdK seitdem die Treue und beiden hat der Verein viel zu verdanken.

So hat Wilfried Moll als langjähriger Vorsitzender der AdK Hamburg (1978-1990) den Kooperationsvertrag mit der Handwerkskammer Hamburg auf den Weg gebracht, der unter dem Vorsitz seines geschätzten Kollegen Thomas Schleede (1943-2019) 1992 dann in Kraft trat.

Mit Wilfried Moll hat die AdK nun wieder einen wunderbaren Kollegen und herausragenden Gold- und Silberschmied verloren. Wir werden unser Ehrenmitglied auch über seinen Tod in Ehren halten! Vermissen tun wir ihn jetzt schon.

Bitte lesen Sie auch die wunderbare Trauerrede seines langjährigen Freundes und Weggefährten Dr. Rüdiger Joppien, Kunsthistoriker und ehemals Kustos der Moderne am Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg:

Für Wilfried Moll – Trauerfeier in St. Lorenz, Travemünde, 19.6.2020

Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal hier stehen würde, um über meinen Freund Wilfried Moll zu sprechen. Es gibt Menschen, bei denen man einfach nicht in Betracht zieht, dass sie sterben könnten, weil sie so hell und klar im Diesseits stehen und so viel Präsenz ausstrahlen.

Wenn der Moment des Unfassbaren eintritt, fragt man sich, was weiß ich von dem Menschen, dem wir nun das letzte Geleit geben? Habe ich, haben wir, sein Leben mit genug Aufmerksamkeit begleitet, um zu wissen, wer er war? Wilfried war für mich nicht nur ein bewunderter Künstler, ein Silberschmied, der „voll im Leben stand “, und mir schrieb: „Wer lebt, spürt: was wir nicht mit unseren Sinnen wahrnehmen können, verblasst, verflüchtigt sich, löst sich auf in Erinnerung, Wunsch, Traum…“. Der Tod war Wilfried nicht fremd. In einem Brief vom 15. Januar 2003 beklagte er den Verlust seines bewunderten Vorbilds, des dänischen Silberschmieds Karl Gustav Hansen: „Karl Gustav Hansen ist gestorben. Er schmiedete so viele Begriffe der Ethik ins Silber. Die Bilder meines Besuches kreisen mir im Kopf. Wir wünschen uns Nachsicht und erhalten Fürsorge in einer humanen Gesellschaft, doch unsere Biologie bleibt unerbittlich. Mein Freund Hein, so nannte Horst Janssen den Tod“. Und dann schloss Wilfried den Brief mit einigen Zeilen aus Dantes „Göttlicher Komödie“.

Für mich sticht aus diesem Briefzitat der Satz: „Er schmiedete so viele Begriffe der Ethik ins Silber“ heraus, denn er verdeutlicht, was Wilfried selbst wichtig war: Ethik als ein Bestandteil des Handwerks.

Wilfrieds Leben begann vor 80 Jahren in Altona an der Elbe. Altonaer zu sein, war für ihn sehr wichtig. Als ich 1987 nach Hamburg zog, erklärte er mir, dass das Tor im Altonaer Stadtwappen, anders als das Hamburgische, immer offenstand. Wilfried war stolz auf die Geschichte seiner Vaterstadt, die vielen Glaubensflüchtlingen in vergangenen Jahrhunderten Zuflucht gewährt hatte. Mit Altona verband er Freiheit und Toleranz.

Nach der mittleren Reife, im Alter von 16 Jahren, entschied Wilfried sich für den Beruf des Goldschmieds, und damals schon lernte er Gerda, seine spätere Ehefrau, kennen, als diese bei einem anderen Goldschmied in die Lehre ging. Gerda wurde neben der gemeinsamen Tochter Regine die wichtigste Person in Wilfrieds Leben, als Lebensgefährtin, Werkstattpartnerin und Beraterin.

Vor zehn Jahren, als Wilfried 70 wurde, richteten ihm das Museum für Kunst und Gewerbe und die Justus Brinckmann Gesellschaft einen Abend in der Destille des Museums ein. Als damals verantwortlicher Kustos plante ich mit Wilfried eine Vitrine ein, in der einige seiner Arbeiten für alle sichtbar sein sollten. Wilfried stellte die Objekte auf, sie sahen wunderbar aus, und dann hatte Wilfried eine Idee: Er wollte noch ein Collier von Gerda mit hineinlegen und sagte: „ohne das Collier von Gerda hätten sich meine Werke einsam gefühlt.“ Eine Liebeserklärung an seine Frau, aber auch ein Hinweis darauf, dass er den Werken ein Eigenleben, ja sogar Gefühle, zusprach. Eine Teekanne, die er für gelungen hielt, bezeichnete er einmal als „Primadonna“. Jede Arbeit betrachtete Wilfried als ein Geschöpf, dem eine Beseelung innewohnte.

Doch ich bin vorausgeeilt, und gehe zurück nach Altona. Nach der Freisprechung ging Wilfried für ein Jahr auf Wanderschaft nach Kopenhagen, wie es seinerzeit für Handwerksgesellen noch üblich war. Wilfrieds Großvater war Däne gewesen, und so fühlte er sich halb als Däne, ein Umstand, der noch großen Einfluss auf sein Selbstverständnis als Künstler haben sollte. In Kopenhagen erwachte seine Liebe fürs Silberschmieden; Dänemark verfügte in der Zeit über die besten Silberschmiede Europas. Als besondere Ehre empfand Wilfried es in späteren Jahren, in den Verband dänischer Silberschmiede aufgenommen zu werden, was ihm erlaubte, gemeinsam mit den dänischen Kollegen auszustellen. Karl Gustav Hansen und Allan Scharff wurden damals persönliche Freunde.

Um sich in der Silberschmiedekunst weiter zu bilden, besuchte Wilfried von 1962-65 die Kunstakademie in Nürnberg, wo er bald Meisterschüler von Prof. Andreas Moritz wurde. Es wurden prägende Jahre, denn Moritz war ein unerbittlicher Lehrer, der handwerkliche Vollkommenheit forderte, diese als unerlässliche Grundlage jeglicher Gestaltung betrachtete und darin ein Vorbild für das Industriedesign sah. Moritz verlangte angesichts der langen Tradition der Silberschmiedekunst von seinen Schülern Selbstbewusstsein und lehrte sie, ihr historisches Erbe zu reflektieren. Gleichzeitig eröffnete er geistige Türen in andere Epochen der Menschzeit, zur griechischen Antike und nach Japan. Wichtig wurde für Wilfried aber auch das Miteinander der Künste an der Akademie. Einige Jahre später resümierte er: „Eine gute Ausbildung fürs Kunsthandwerk kann ich mir nur zusammen mit Malern, Bildhauern, Architekten vorstellen. Man kann so viel voneinander lernen…“. Diese tiefe, gelebte Überzeugung hat ihn von früh an vor Einseitigkeit bewahrt.

1965 kehrte Wilfried zurück nach Hamburg. Gerda und er heirateten und gründeten ein gemeinsames Atelier für Schmuck und Gerät. 1967 stellte Wilfried erstmals auf der Jahresmesse des Kunsthandwerks im Museum für Kunst und Gewerbe aus, damals wurde der Kustos der Messe, Heinz Spielmann, ein lebenslanger Freund. Schließlich konnte er 1972 als jüngster Silberschmied Deutschlands, eine Einzelausstellung in der Neuen Sammlung, München, dem Mekka der „guten Form“ abhalten. Innerhalb weniger Jahren war er auf den Olymp der Silberschmiedekunst hinaufgestiegen.

1981 lernte Wilfried den Inhaber der Flensburger Silberwarenmanufaktur Robbe & Berking, Robert Berking, kennen, der für sein weiteres Wirken eminent wichtig wurde. Wilfried konnte Berking davon überzeugen, der etwas veralteten Kollektion der Manufaktur mit einem modernen Besteck ein Gegengewicht entgegen zu setzen. Es war die Geburtsstunde des „Alta“-Bestecks, das ein Welterfolg wurde und heute in keiner wichtigen internationalen Designsammlung fehlt. Das Besteck wurde in drei Größen, als Menu-, als Tafel-, und als Dessertbesteck gefertigt und enthielt auch Sonderformen wie Marklöffel, Hummerstiel oder Kaviarlöffel, um für alle Erfordernisse der gehobenen Gastronomie gerüstet zu sein. Dass es nicht nur in Sterlingsilber, sondern auch als versilberte Auflage lieferbar war, machte es allgemein erschwinglich. Jedes einzelne Teil wurde von Wilfried als Prototyp entwickelt und funktional getestet, bevor es mit besonderen Werkzeugen produziert wurde. Der handwerklich geschulte Silberschmied wurde zum Impulsgeber der Produktkultur, wie Andreas Moritz es gefordert hatte. Wilfried hat einmal erzählt, dass er, um den Sonderformen des Bestecks gerecht zu werden, mit Gerda Hamburger Spitzenlokale wie Schümanns Austernkeller aufgesucht und den Umgang mit den nicht so alltäglichen Esswerkzeugen probiert habe.

An dieser Stelle kommt ein bisher unbekannter Wesenszug Wilfrieds zum Vorschein: seine Freude an gutem Essen und gutem Rotwein. Doch konnte der Genuss des Essens nur dann richtig erfahren werden, wenn auch das Ambiente stimmte. Gemeinsam überlegten Wilfried und Robert Berking, nach dem Besteck auch noch ein Korpuswarenprogamm aufzulegen, das neben klassischen Gefäßen, wie Tee- und Kaffeekannen, auch Leuchter, Platzteller, Tabletts, Kasserollen, Obst- und Gemüseschalen und sogar Fleisch- und Fischplatten enthalten solle. Erneut schuf Wilfried wieder handgeschmiedete Modelle, um auch zu klären, mit welchen technischen Mitteln sich die Prototypen in Serienstücke umsetzen ließen. Robbe & Berking musste dazu eigens neue Tiefziehpressen anschaffen. Aber das Ergebnis lohnte den Aufwand: keine andere deutsche Manufaktur hatte ein so modernes Gefäßprogramm aufzuweisen, das alle Wünsche nach einer perfekt gedeckten Tafel erfüllte. Wilfried leistete damit einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des deutschen Designs – auch wenn ihm das Wort Design nie behagte, weil er es für zu unverbindlich hielt.

Unter Berkings Sohn Oliver entwarf Wilfried im Laufe der nächsten 20 Jahre mit „Riva“ und „Sphinx“ zwei weitere Besteckserien. Daneben kam es im Laufe der neunziger Jahre zu einer neuen Ausrichtung seines Werks, die u.a. auf Wilfrieds zunehmende Begeisterung für dänische Korpuswaren zurückging. Er wandte sich wieder seiner ursprünglichen Liebe, dem Entwurf von Tee – und Kaffeekannen zu. Diese waren seit jeher die Grundmelodie in seinem Schaffen gewesen und hatten ihn in plastischer wie in architektonischer Hinsicht immer wieder herausgefordert. Es beschäftigte ihn, wie ein durch die Tradition fest gelegter Gegenstand so subtil variiert und modifiziert werden könne, dass dieser zwar seine klassische Form behält, aber auch neue gestalterische Freiheiten zulässt: etwa durch leichte Abwandlungen der Proportionen, veränderte Durchmesser, neue Schnaupen- und Grifflösungen, oder eigenwillige Konzeptionen von Deckeln und Knäufen – kleine Veränderungen, die jeder Kanne einen unverwechselbaren Charakter gaben. Lutz Wendler hat 2010 in einem wunderbaren Aufsatz Wilfrieds Werk charakterisiert, seine Stilsicherheit und Phantasie, aber auch „seine Kühnheit und seinen Humor“ hervorgehoben und darauf hingewiesen, dass Wilfried einzelne Teile seiner Kannen, wie er es nannte, „überzeichnet“ habe. Dieses Element war charakteristisch für Wilfrieds im Alter zunehmendes Streben nach gestalterischer Freiheit, die immer noch funktional sein musste, aber auch Sinnlichkeit ausstrahlen sollte. Ein Hauch von Exzentrik, von Unangepasstheit war dabei zu spüren, doch der Anspruch auf Perfektion war ungebrochen. „Jeden Morgen“, so sagte Wilfried einmal, „stehe ich auf und nehme mir vor, heute die beste Kanne herzustellen.“ Die Suche nach der gültigen, sinnlichen Form hatte etwas Utopisches.

Im Dezember 2002 hielt Wilfried im Museum für Kunst und Gewerbe einen Vortrag zum Thema „Beschwingte Hämmer“. Der Titel signalisierte Lebensfreude und eine starke Beziehung zum Arbeitsgerät. Wilfried hütete seine Hämmer mit einer Liebe wie ein Violinist seine Geige. Wie seine Freunde Thomas Schleede und Jan Wege war er fasziniert von der Vielseitigkeit von Hämmern, deren Funktionsweise, wie bei einzelnen Barockeisen, man schon gar nicht mehr kannte. Das Wissen dazu war bereits verloren gegangen.

Eine Spezialität des Silberschmiedens, die Wilfried fast in Verzückung versetzen konnte, war das sog. Warmschmieden, eine technische Besonderheit im Umformungsprozess, den Wilfried bei einem Workshop im Norden Thailands in Chiang Mai noch angewandt fand. Warmschmieden war in Europa nicht üblich; es verlangte eine schnelle Hand, entschädigte aber durch das molekulare Verhalten des Silbers, das sich im heißen Zustand, wie Wilfried gern sagte, „wie Butter“ schmieden lässt. Noch in den letzten Jahren in seiner Einsiedelei in Travemünde (seit 2003) blieb Wilfried dem Schmieden verbunden, er hatte einen alten Kunstschmied aus der ehemaligen DDR kennengelernt und mit diesem Leuchter aus geschmiedetem Eisen geschaffen.

Besondere Aufmerksamkeit schenkte Wilfried auch den Oberflächen seiner Gefäße, die je nach Behandlung ganz unterschiedliche Qualitäten aufweisen konnten. Andreas Moritz hatten seinen Schülern die Vorzüge englischer Oberflächen nahegebracht, die besonders hervortraten, wenn das Silber ständig in Benutzung war. Oft habe ich von Wilfried gehört, dass das Handfett der beste Schutz vor dem Anlaufen sei, dann bleibe die Oberfläche schön seidig. Es sind dies für den Laien kaum bemerkbare Nuancen, die aber in der Summe die Besonderheit von Wilfrieds Gefäßen bestimmten.

Wilfried Moll war ein Künstler, der in die Schönheit der Dinge verliebt war und gerne darüber reflektierte. Er gehörte zu den wenigen Gold- und Silberschmieden seiner Generation, die sich zu ihrem Tun äußerten und dabei offensiv für das Handwerk warben. Handwerkliches Können war für ihn ein Kulturerbe, das nicht aufgegeben werden durfte. Und er war überzeugt, dass das Handwerk als „Baustein“ in einer zukünftigen Welt noch gebraucht würde. Dass unsere Gesellschaft dieses Erbe allmählich aufgibt und das Handwerk, speziell das Kunsthandwerk, marginalisier, bedauerte er; umso entschiedener setzte er dieser Entwicklung sein eigenes Werk entgegen.

Wilfried betonte, dass Schmieden für ihn keine Arbeit, sondern ein Privileg sei, weil er das Material so sehr liebe. Dann verspürte er den glücklichen, inspirierenden Moment, den wir Kairos nennen, in dem sich die Arbeit am Werkstück in Mediation verwandelt. Wenn Wilfried über den Schaffensprozess sprach, betonte er die Gleichwertigkeit von Kopf und Hand und brachte dies auf die Formel „Der Kopf lernt durch die Hände“. Er war überzeugt von der „Intelligenz der Hand“, die unter Ausschaltung des Intellekts genau weiß, was sie tut, weil sie durch lange Übung und Erfahrung ein Gefühl der Sicherheit besitzt. Richard Sennett hat in seinem Buch „Handwerk“ diese Erfahrung ausführlich dargestellt.

Zum Thema Hand muss ich noch eine Begebenheit erzählen. 1995 stellte ich dem Ankaufskommittee der Justus Brinckmann Gesellschaft eine 13 cm große Plastik eines gefalteten Händepaars, eine Arbeit des baskischen Bildhauers Eduardo Chillida, vor. Ich sagte, das Werke habe mich beim Anblick in meinem Herzen getroffen. Die Resonanz war, besonders bei einem Mitglied unserer Runde, eher ablehnend, zumal der Preis in Schweizer Franken für unsere Verhältnisse recht stattlich war. In diesem Moment griff Wilfried in die Debatte ein und sagte: „Meine Herren, wenn der Kustos der Moderne sagt, ein Werk habe ihn so stark ins Herz getroffen, ist das nicht ein Beweis für die Kraft des Kunstwerks? Schöner kann man die Qualität eines Werks doch gar nicht benennen.“ Das Eis war gebrochen, und das Werk wurde angekauft. Wilfrieds Leidenschaft hatte es gerettet.
Schließen möchte ich mit den Zeilen aus Dantes „Göttlicher Komödie“, die, wie Wilfried in seinem Brief vom 15. Januar 2003 erwähnte, aus dem fünften Gesang des Paradieses stammen. Dort sagt Beatrice: „Das herrlichste Geschenk in Gottes Schöpfung, das angemessenste für seine Güte, das reichste, das ER über alles schätzt, es war und ist der freie Wille, den ER allen vernünftigen Geschöpfen, und nur diesen, mitgegeben hat ins Dasein.“

Wilfried war für die Dichtkunst sehr empfänglich. Und stets hat er durch seine Äußerungen, durch sein Werk und seine Persönlichkeit, Kunst und Leben miteinander verbunden und uns, die wir ihn kannten, damit inspiriert. Dafür schulden wir ihm Dank und eine liebevolle Erinnerung.

Ich gestehe heute, dass ich im Moment meines Ankaufsvorschlags nicht wusste, dass Chillida sich seit 1948 mit dem Phänomen Hände beschäftigt hatte und den Zwischenraum zwischen ihnen in vielen Zeichnungen untersucht hatte. Meine Wahl für das Objekt war rein aus der Intuition entstanden, und auch Wilfried hatte ganz aus der Intuition argumentiert. Der Kraft eines Kunstwerks zu erliegen, das sprach ihn an.
Wilfried konnte mit kleinen Gesten sehr berührend sein, er war ein nobler Mensch. Wenn er vermocht hätte, seiner lieben Gerda und seiner Tochter Regina das Leid des heutigen Abschieds zu ersparen, ich bin sicher, er hätte es getan. Nun ist er von uns gegangen, uns bleiben viele Erinnerungen, und natürlich Wilfrieds Werke. Ich denke, sie sind alle auf ihre jeweils eigene Art und Weise perfekt.

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„Kunst Schaffen“ aller Sparten in Flensburg

Die Robbe & Berking Werft lädt zu einer ungewöhnlichen Ausstellung, an der auch neun Mitglieder der AdK Hamburg teilnehmen

Theater-Livestream, Konzert-Livestream, Poetry-Slam-Livestream. Oliver Berking, Gründer und Inhaber der Flensburger Robbe & Berking Werft, hatte genug von Kultur via Bildschirm. Im werfteigenen Museum eröffnet er heute Abend die Ausstellung „Kunst Schaffen 2020 – Begegnungen mit Kunst und Künstlern“ – unter ihnen neun Mitglieder der AdK Hamburg.

Keine Spur von Stillstand. Oliver Berking steht unter Strom, das merkt man beim ersten Satz unseres Telefonats. Die Zeit drängt, in wenigen Stunden wird er eine in mehrfacher Hinsicht ungewöhnliche Ausstellung eröffnen. In der Werfthalle warten bereits Künstler und Journalisten, Karin Prien, Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein hat die Schirmherrschaft übernommen, auch die Oberbürgermeisterin Simone Lange hat zugesagt. „Die Künstler sind ganz high“, sagt der Chef der international renommierten Flensburger Silbermanufaktur, der 2008 das Familienunternehmen mit dem Bau von klassisch-eleganten Holz-Yachten um ein neues Geschäftsfeld erweiterte. „Wir haben die Ausstellung wirklich aus dem Boden gestampft und sicher viele vergessen, aber es sollte schnell gehen und es wird bestimmt toll“.

Werftchef Oliver Berking

Bestimmt! Normalerweise haben Gruppenausstellungen diese Güte einen monatelangen, wenn nicht jahrelangen Vorlauf. Schließlich ist es auch ohne Corona ein logistischer Kraftakt, rund 60 Künstler*innen zusammenzubringen – im Gepäck ihre Werkbänke und Staffelleien, denn sie sollen in der Flensburger Werft nicht nur ausstellen, sondern wochenlang vor Ort arbeiten und verkaufen – auf 1800 Quadratmeter Ausstellungsfläche in einer riesigen gläsernen Halle. Andererseits: Eine solche Schau in gerade mal vier Wochen auf die Beine zu stellen, ist vielleicht nur in Corona-Zeiten möglich, in denen der „normale“ Ausstellungsbetrieb am Boden liegt, lang geplante Ausstellungen abgesagt wurden und viele Termin-Löcher klaffen. Denn eines ist klar, nach zwei Monaten „Corona-Winter“: Künstler wie Kunstkonsumenten „dürsten nach analogem Kulturgenuss“ (Karin Prien).

Foto Claudia Westhaus, Blick in die Ausstellung

Es war noch mitten im Lockdown, als sich Oliver Berking den Kopf darüber zerbrach, wie er Kunstschaffenden in der Krise helfen könnte. Nicht unter der Dusche, bei einer Fahrradtour kam ihm die Idee, so bald wie erlaubt eine „Initialveranstaltung“ in Sachen analoger Kunstgenuss zu starten. Als die ersten Lockerungen in Sicht waren, begann er „bei einem Kaffeetrinken“ mit Thomas Gädeke, dem früheren Direktor des Landesmuseums Schloss Gottorf, eine Liste von 60 Künstler*innen zusammenzustellen. Erklärtes Ziel: Die Auswahl soll das gesamte norddeutsche Kunstgeschehen präsentieren – alle Sparten, wohlgemerkt! So ist nun die angewandte Kunst in der Ausstellung ebenso stark vertreten, wie Bildhauerei, Malerei und Grafik. Und in allen Bereichen sind bekannte Namen dabei: Die Bildhauerin Almut Heer beispielsweise, ebenso die „Norddeutschen Realisten“, vertreten durch Johannes und Tobias Duwe, Erhard Göttlicher, Andre Krigar, Meike Lipp, Lars Möller und Nikolaus Störtenbecker.

Werke von Tobias Duwe, Andre Krigar, Nikolaus Störtenbecker, Johannes Duwe, Meike Lipp, Lars Möller, Almut Heer und Erhard Göttlicher v.l.o.n.r.u.

Unter den angewandten Künstler*innen fallen die Keramiker*innen Eva Koj, Inke und Uwe Lerch, ins Auge, der Holzgestalter Hubert Steffe aus Bremen, sowie neun Künstler*innen der Hamburger Arbeitsgemeinschaft Kunsthandwerk (AdK Hamburg).

Werke von Eva Koj, Hubert Steffe und Uwe und Inke Lerch v.l.o.n.r.u.

Hutmacher Peter de Vries ist dabei, Tischlerin Ragna Gutschow, sowie Svea Imholze, Ulla und Martin Kaufmann, Gerda und Wilfried Moll, Wolfgang Skoluda und Claudia Westhaus. Alle sieben sind Gold- und Silberschmiede-Meister*innen, also Vertreter jener Sparte, in der sich Oliver Berking bestens auskennt.

Für Wilfried Moll ist die Fahrt nach Flensburg übrigens etwas wie ein Heimspiel. Vor Jahren hat Moll für Robbe & Berking das vielfach ausgezeichnete Besteck „Alta“ entworfen, einen „Klassiker der Moderne“, der es sogar ins New Yorker Museum of Modern Art geschafft hat.

Werke von Gerda und Wilfried Moll, Claudia Westhaus, Peter de Vries, Svea Imholze, Ragna Gutschow, Martin und Ulla Kaufmann v.l.o.n.r.u.

Moll ist einer der ältesten Aussteller von „Kunst Schaffen“, doch Angst vor dem Virus braucht er nicht zu haben, denn das Hygienekonzept ist genaustens durchdacht: „Wir haben den Boden mit 1,50 mal 1,50 Meter großen Feldern abgeklebt, damit jeder Besucher ein Gefühl für den notwendigen Abstand bekommt“, sagt Berking. Wer keinen Mundschutz dabei hat, bekommt einen gestellt. Außerdem bekommt jeder Besucher ein Paar weiße Silberschmiede-Handschuhe. So können die Exponate in die Hand genommen werden, ohne dass das Objekt hinterher desinfiziert werden muss. Aber sicher werden die Besucher nicht alle Objekte wieder aus der Hand geben. Schließlich darf man sie auch käuflich erwerben.

„Kunst Schaffen“, 27. Mai – 21. Juni 2020, ROBBE & BERKING, YACHTING HERITAGE CENTRE, Harniskai 13/Ecke Am Industriehafen 5, 24937 Flensburg, Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11:00 – 18:00 Uhr, Montag (außer Pfingstmontag) geschlossen. Der Eintritt ist frei!

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Vernetzt am Puls der Zeit

Ulrike Isensee erhält den „Ehrenpreis Kunsthandwerk – BK-Auszeichnung 2020 für ein Lebenswerk“

Schalobjekt

Es ist erstaunlich, was Ulrike Isensee so alles ins Netz geht. Bänder, Punkte, Streifen, kleine Quadrate, Rhomben und Kreise, Flicken und Fetzen, meist äußerst farbenfroh und aus edlem Material gefertigt – aus Baumwolle, Leinen oder Seide. Zusammen ergeben sie extravagante, ungemein anziehende, hauchzarte Netzgewebe, die bereits vielfach ausgezeichnet wurden. Nun erhielt Ulrike Isensee, seit mehr als 30 Jahren AdK Mitglied, den vom BK vergebenen „Ehrenpreis Kunsthandwerk“ für ihr Lebenswerk. Die AdK Hamburg gratuliert herzlich!

Netze sind ihr Markenzeichen. Mal feinmaschig, mal grobmaschig, mal schwarzweiß, mal bunt, mal verspielt, mal streng strukturiert. Aber immer von einer Leichtigkeit und Originalität, die einzigartig sind. Ulrike Isensee gehört fraglos zu den besten Textilkünstlerinnen der Gegenwart. Und das impliziert auch, dass sie zu den kreativsten und experimentierfreudigsten gehört.

Plastiktüten-Schal

Die Grundlage für die Lust am Experiment legte das Kunststudium (für Lehramt) an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Hier lernte Ulrike Isensee, wie wichtig der freie, unkonventionelle Umgang mit Materialien ist. Und hier fand sie auch heraus, welcher Kunstbereich sie am meisten faszinierte: der angewandte. Konkret: Die wunderbar ausgestattete Textilwerkstatt, die es in den 1970 und 1980 Jahren noch am Lerchenfeld gab. Nach dem 1. Staatsexamen war Ulrike Isensee klar, dass ihr Weg nicht in die Schule führt. Sie wollte sich ganz der Textilkunst verschreiben. Um ihrer Begabung eine solide Grundlage zu verschaffen, schloss sie eine Ausbildung zur Handweberin an.

Auf die Meisterprüfung 1992 folgte gleich die erste Auszeichnung, der Förderpreis der Handwerkskammer Hamburg, und im Laufe der Jahre noch viele weitere Preise – u.a. der Hessische Staatspreis, der Justus-Brinckmann-Preis und der Lotte Hofmann Gedächtnispreis. Stets wurde dabei die technische Raffinesse, die Experimentierfreudigkeit und die außerordentliche Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten betont.

Entgegen der traditionellen Webart schafft Ulrike Isensee mit ihren Schals in der Tat Grenzgänger zwischen freier und angewandter Kunst: Transparente, überaus poetisch anmutende Gewebe aus flottierender, also frei beweglicher Leinenkette, die alle 10 bis 12 Zentimeter durch schmale Webstreifen gehalten werden. Die so entstandenen Fadennetze werden mit allen möglichen Stoffteilen und Stoffresten, auch Leder oder Plastikelemente, belegt und anschließend vernäht. Dabei entstehen immer wieder kühne Materialmixturen und Farbkombinationen, die die Persönlichkeit der jeweiligen Trägerin ungleich mehr unterstreichen, als ein „normaler“ Schal es jemals vermag: Ob verspielt, zart, opulent oder geometrisch streng – es ist in jedem Fall ein tragbares Kunstwerk.

Mitunter vergrößert Ulrike Isensee ihre Objekte auch zu riesigen Wandbehängen. Raumgreifende Arbeiten sind die große Leidenschaft der Hamburgerin, und sie sind keine Grenzgänger mehr, sondern eindeutig der freien Kunst zuzuordnen. So präsentierte Isensee vor drei Jahren, zur AdK-Ausstellung „Geld oder Leben – Nachdenken über Nachhaltigkeit“ im Reinbeker Schloss, beispielsweise ein hinreißendes Textilrelief mit dem Titel „Beifang“ – der ausschließlich aus Plastikmüll besteht.

Bauhaus-Homages an Anni Albers und Ruth Hollos

Fest ins Gedächtnis eingeschrieben hat sich auch Isensees Hommage an die legendären Bauhaus-Künstlerinnen Anni Albers, Ruth Hollos sowie Gunta Stölzl, der ersten und einzigen Meisterin am Bauhaus. An den Ausstellungen des Hamburger Architektursommers zum hundertsten Jubiläum des Bauhauses 2019 beteiligte sich die Künstlerin mit grandiosen, geometrischen Assemblagen, Raumteilern und Wandobjekten – allesamt innovative Werk-Interpretationen der hochbegabten und selbstbewussten „Weber-Weiber“, die selbst heute noch weit weniger bekannt sind als ihre männlichen Kollegen um Gropius, Kandinsky, Breuer und Co. Dabei waren es vor allem die Textilkünstlerinnen mit ihren revolutionären Entwürfen, die dem Bauhaus in seiner kurzen Blütezeit erheblichen Profit einbrachten.

Derzeit arbeitet Ulrike Isensee an großformatigen Textilobjekten zur Ausstellung „Inspiration Hamburg“, der Biennale angewandter Kunst im Museum für Hamburgische Geschichte, die – so Corona will – am 2. September 2020 eröffnet wird.

Ausgelotet und Luftstickerei

Drei Werke sind bereits fertig: „Ausgelotet“, ein meterlanges Objekte aus naturfarbenen Hanfseilen, das auf die klassischen Handlote anspielt, mit der in der Seefahrt die Wassertiefe ermittelt wurde. Die zweite Arbeit, die Assemblage „Tüüg und Takel“ beinhaltet, wie der Untertitel schon sagt, ein „Konvolut textiler Hamburgensien“. Darunter Stofffetzen der Hamburg Flagge, einer St. Pauli Mütze und eines Finkenwerder Fischerhemds. Die dritte Arbeit, eine „Luftstickerei“, wie die Künstlerin sagt, zitiert eine Landkarte: „Stadt am Fluss“. Drei Mal dürfen Sie raten, welche Stadt gemeint ist.

Tüüg und Takel – Konvolut textiler Hamburgensien

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Menschen, Bücher, Sensationen

BuchDruckKunst

Cover Messe-Magazin BuchDruckKunst, Holzschnitt von Franziska Neubert

Menschen, Bücher, Sensationen: An diesem Wochenende, vom 27.- 29. März 2020, sollte die renommierte BuchDruckKunst im Museum der Arbeit stattfinden. Ein Highlight im Kulturleben Hamburgs, normalerweise. Doch was ist schon normal in Zeiten, in denen ein Virus die Welt zum Stillstand bringt und den Menschen unvermittelt ihre Existenzgrundlage raubt. Das Magazin zur Messe jedoch ist erschienen. Ein Kunstwerk für sich, konzipiert und verlegt von Klaus Raasch, einer Institution in der Norddeutschen Buchkunstszene. Allen, die „Erlesenes auf Papier“ zu schätzen wissen, sei es wärmsten empfohlen.

Die Weiße Reihe, edition sonblom

Das hinreißende Cover des kleinen Katalogbuches (und Plakatmotiv der Messe) scheint programmatisch für diese Zeit. Als hätte Franziska Neubert von der Leipziger Künstlerinnengruppe AUGEN:FALTER das Leben im Ausnahmezustand kommen sehen. Oder ist der Alltag der BuchkünstlerInnen auch „normalerweise“ ein zirkusreifer Balance-Akt? Ihre Akrobaten und Drahtseil-Artisten jedenfalls jonglieren halsbrecherisch mit großen und mit kleinen Büchern, lesen unter der Zirkuskuppel am Trapez, bei schlangenartigen Verrenkungen oder rücklings auf Podesten, während sie einen balancierenden Elefanten stemmen, der mit seinem Rüssel wiederum nach Büchern angelt.

Ein Bild wie aus einem Kinderbuch, fröhlich und farbenfroh, zumal die Harlekin-Rhomben des Hintergrunds in sonnigem Gelb, Lindgrün und Hellblau, erscheinen. „Normalerweise“ verkörpert dieses Motiv die Meisterschaft der Artisten, deren scheinbare Leichtigkeit die Strapazen jahrelangen Übens vergessen macht. Vor dem Hintergrund der Corona-Krise jedoch wird das Bild der großartigen Grafikerin und Holzschneiderin zum Symbol für das Leben der Kulturschaffenden schlechthin, die ohne Netz und doppelten Boden von einem Tag zum anderen jonglieren.

Beispiel Weiße Reihe: Gintare Skroblyte zu Fernando Pessoa, Mein Blick ist offen wie eine Sonnenblume

Rund 60 Künstler*Innen und Editionen sind in diesem Magazin versammelt, von Anja Harms Ateliers aus Oberursel, über die Druckgrafischen Werkstätten Pawlow aus Osnabrück und die Handsatzwerkstatt Fliegenkopf aus München bis Antje Wichtrey aus Spanien und die Widukind-Presse aus Dresden. Nicht zu vergessen der Uwe Warnke Verlag, dessen Künstlerzeitschrift ENTWERTER/ODER in der ehemaligen DDR als Untergrundmagazin Furore machte.

Auch zwei Hamburger AdK-Mitglieder gehören zur Kunstbuch-Elite: Sigrid Vollmer aus Holtsee, die unter dem Label Buchwerk nicht nur wunderschöne Einbände aus Unikatpapieren, sowie einzigartige Karten, Kästchen und Schuber fertigt, sondern auch regelrechte Buch-Skulpturen baut, die Ausdruck einer außerordentlichen bildhauerischen Begabung sind. Man kann diese raffiniert konstruierten Objekte zwar als Schatullen benutzen, doch im Grunde sind es veritable Kunstwerke, die auf Sockeln am besten zur Geltung kommen.

Buchwerk Sigrid Vollmer, cubus 1 und 2 | Tita do Rêgo Silva, Empfangskomitee

Die zweite Buchkünstlerin ist erst seit 2019 Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks (AdK), dem Berufsverband angewandter Künstler und Künstlerinnen der Hansestadt, im Museum der Arbeit jedoch seit Jahren regelmäßig zu Gast. Die promovierte Germanistin aus England studierte Druckgrafik in Bonn und Oxford, ehe sie sich 1995 in Hamburg niederließ und hier 1989 die Hirundo Press gründete. Ihre Spezialität sind poetisch und intellektuell anspruchsvolle Künstlerbücher in Zusammenarbeit mit Gegenwarts-Schriftstellern und –Lyrikern wie dem Büchner-Preisträger Martin Mosebach, dem schottischen Dichter Robert Crawford oder dem jungen Lyriker und Essayisten Tobias Roth. Die Holzschnitte von Caroline Saltzwedel sind dabei mehr als bloße Illustrationen der Texte und Gedichte – sie sind ein bildnerisches Pendant, das den geschriebenen Werken eine neue Dimension verleiht.

Arbeit von Caroline Saltzwedel

Der Hamburger Künstler und Verleger Klaus Raasch, der die von Stefan und Wibke Bartkowiak 1998 gegründete BuchDruckKunst seit 2016 leitet, hat das 96 Seiten und über 130 farbige Abbildung umfassende Magazin außerordentlich liebevoll gestaltet und mit einem ausführlichen Ausstellerverzeichnis versehen. Die Leser*Innen erhalten einen guten Überblick über die breitgefächerte Szene all jener angewandten Künstler*Innen, die in Text und Bild Erlesenes auf Papier und aus Papier herstellen. Da alle Homepages und Emails angegeben werden, können sie sich mühelos einen Eindruck davon verschaffen, was das Who is Who aktueller Buchkunst an haptischen, visuellen und intellektuellen Genüssen zu bieten hat.

Vor allem aber ist dieses Buch ein Lesebuch. Raasch und andere Autor*Innen stellen hier etliche Editionen und Projekte vor. Die despalles èdition aus Mainz beispielsweise; Das von Francis van Maele und der Koreanerin Antic-Ham 2005 gegründete Label FRANTICHAM oder das finnische KALEVALA-Projekt. Rainer Schossig schildert „Die fabelhafte Welt der Tita“ do Rego Silva, der begnadeten Holzschneiderin mit brasilianischen Wurzeln, die in ihrem Atelier in der Koppel 66 ein fröhliches, farbenfrohes Pandämonium schafft. Interessant ist auch der Artikel über die WEISSE REIHE der Edition Sonblom. Jährlich gibt sie einen klassischen Text der Weltliteratur aus einem anderen europäischen Land heraus (Auflage 300 Stück), mit jeweils eigens dafür gestalteten Illustrationen. Explizit ausgewiesen als Beitrag zur interkulturellen Verständigung in Europa.

Was für eine ehrenhafte, fast schon rührende Aussage angesichts der aktuellen Lage. Denn dieses Europa hat den Crashtest nicht bestanden. Es ist gerade dabei in sich zusammenzufallen. Ob es sich jemals erholt und tatsächlich zu einer Gemeinschaft zusammen wächst, steht in den Sternen. Was klar ist momentan, ist einzig die bedrohliche aktuelle Situation aller angewandten Künstler*Innen. Der Erwerb des Buches hilft, einige von ihnen zu unterstützen. Auch deshalb ist dieses Magazin so empfehlenswert.

Editon Klaus Raasch: Magazin zur BuchDruckKunst 2020, 96 Seiten, mit über 130 farbigen Abbildungen, vielen Textbeiträgen und einem ausführlichen Ausstellerverzeichnis – gedruckt auf schönstem Naturpapier, fadengeheftet und mit einer Klappenbroschur versehen. 6,00 Euro, online über shop.klaus-raasch.de/product/buchdruckkunst-2020/ zu beziehen. Der Original-Holzschnitt von Franziska Neubert zur BuchDruckKunst 2020 (signiert und nummeriert) ist für 170, 00 Euro ebenfalls für den Online-Shop der Edition Klaus Raasch zu beziehen.

buchdruckkunst.com

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