VOILÀ! Die Neuen in der AdK Hamburg

Vorgestellt von Isabelle Hofmann

Eine kleine, aber feine Ausstellung ist noch bis 8. Juli 2021 in der Galerie der GEDOK zu sehen: „VOILÀ! Die Neuen in der AdK Hamburg“. Zwölf angewandte Künstler*innen, allesamt Meister*innen ihres Fachs, zeigen hier starke Positionen in fünf Gewerken.

Anna Husemann und Samira Heidari Nami sind die beiden jüngsten unter ihnen und somit „echter Nachwuchs“: Beide haben 2014 ihren Master in Textildesign an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg gemacht und zeigen, was im Textildesign derzeit angesagt ist.

Anna Husemann, Strickmuster-Proben

Anna Husemann entwirft an der Strickmaschine Kleidungsstücke und Rucksäcke, die für Nachhaltigkeit und gegen die schnelllebige Konsumgesellschaft stehen. Ihre gestrickten Rucksäcke und Oberteile, aber auch die Collage von Stickmustern und Stoffexperimenten, verraten hohes Feingefühl für Farbkombinationen und Oberflächentexturen.

Samira Heidari Nami, fragment

Samira Heidari Nami verarbeitet in ihren hochwertigen, mit grellen Farben im Siebdruckverfahren bedruckten Filzteppichen Tradition und Moderne, Orient und Okzident. Man muss schon genau hinsehen, um in den fragmentarischen, abstrakt-minimalistischen Mustern die orientalischen Ursprünge geknüpfter Perserteppiche zu erkennen. Nicht vielmehr als ein Zitat, künden sie von einer Jahrtausende alten Kultur und der Herkunft ihrer Schöpferin als Tochter eines persischen Teppichhändlers.

Natalia-Möller-Pongis, Schal Jaguar

Auch Natalia Möller-Pongis aus Montevideo, Uruguay, verarbeitet in ihren exquisiten Schals, Tüchern und Wandbehängen vielfach abstrakte und geometrische Dekors. Reliefartige Texturen und sensible Farbgebung verleihen den handgewebten Stücken aus Wolle, Baumwolle, Bambus oder Seide eine strenge, zeitlose Eleganz. Dafür entwickelt die Textilkünstlerin immer wieder neue Designs, lässt sich auch von ihrer Umgebung inspirieren. So reflektiert ein Tuch beispielsweise die wabenförmige Struktur der Elbphilharmonie-Fenster. Natalia Möller-Pongis‘ berufliche Laufbahn begann als Autodidaktin. Erst mit Häkel- und Strickprodukten, ab 2004 konzentrierte sie sich auf das Weben – und zwar mit durchschlagendem Erfolg. Ab 2006 nahm sie an nationalen und internationalen Ausstellungen teil, u.a. in Argentinien, Chile, Puerto Rico und Uruguay sowie Finnland, Schweden, Deutschland und Italien. 2010 erhielt Natalia Möller-Pongis den Nationalen Preis der Kunsthandwerker vom Museo de Arte Precolombino e Indígena (MAPI) in Montevideo. Zusammen mit Andreas Möller entwickelte sie zudem Flying8, einen Webstuhl in Leichtbauweise, und 2019 den Fertigbausatz Flying8 Moon Loom.

Kirsten Brinckmann, geklöppelte Spitze

Mit Kirsten Brinckmann stellt eine der besten Spitzenklöpplerinnen Deutschlands ihr Können vor: Wunderbar zarte, filigrane Dekore, inspiriert von der traditionellen Spitzenklöppelei, übersetzt in zeitgemäße Kreationen. Jedes Werk ein Unikat, das ein x-beliebiges Kleidungsstück in ein Kunstwerk verwandelt.
Seit mehr als 35 Jahren hat sich Kirsten Brinckmann diesem Metier verschrieben und hörte nur allzu oft, dass dieser Beruf am Aussterben sei. Ein Irrtum, wie sie betont. Zwar sei in Norddeutschland das Klöppeln weniger präsent als in Frankreich, Italien, oder auch im Oberpfälzer Wald, wo das Kunsthandwerk 2016 von der Deutschen UNESCO Kommission in die Liste Immaterieller Kulturerbe aufgenommen wurde, doch gibt es auch in Hamburg und Umgebung immer mehr Freunde der meditativen Spitzen-Arbeit, die von der Haute Couture als extravagantes Accessoire nach wie vor außerordentlich geschätzt wird.

Valentin Alscher, Keramik

Keramiker Valentin Alscher kommt ursprünglich von der Freien Kunst und dreht Becher, Schalen und Teller in einer Perfektion und archaischen Anmutung, wie man sie von den japanischen Meistern dieses Faches kennt. Die Außenhaut der Gefäße bleibt stets unglasiert und lässt so die Materialität der unterschiedlichen Tone im Wortsinn erfassen. Selten sieht man puristisches Geschirr von derartiger Anmut und Kraft.

Nele Zander, offenes Gefäß

Auch Nele Zander ist eine Vertreterin der klassischen, klaren Formensprache. An der Drehscheibe, vor allem aber auch in der keramischen Plastik. Ihre großen, schweren Schalen und Vasen sind mehr Skulptur als Gebrauchsgegenstand. Ausdrucksstarke, architektonisch anmutende Stücke, die auf ihr Studium der freien Kunst in Höhr-Grenzhausen verweisen. Eine Serie von blauen Tellern, die sie in der Koppel vorstellt, verrät aber auch ihre Meisterschaft in Punkto Glasurentwicklung.

Katrin Schober, Keramik

Den Gegenentwurf zum Purismus liefert Katrin Schober mit ihren farbenprächtigen, opulenten Figuren und Gefäßen, die auf Anhieb Lebensfreude verbreiten. Das Studium der Malerei, das die Künstlerin in Italien absolvierte, spiegelt sich in ihren Arbeiten ebenso, wie ungestüme Experimentierfreude und ein unmittelbarer Zugriff auf das Material. Katrin Schober ist gleichsam die Pipi Langstrumpf unter den renommierten Keramiker*innen des Nordens: Bunt, schrill, frech und frauenbewegt – was Wunder, dass ihre märchenhaften Objekte seit Jahrzehnten eine riesige Fangemeinde haben.

Caroline Saltzwedel, Satz Monotype

Freunden der Buchkunst ist der Name Caroline Saltzwedel wohlvertraut. Seit über 20 Jahren vermittelt die gebürtige Engländerin – promovierte Germanistin und studierte Grafikerin – im Museum der Arbeit die „Schwarze Kunst“ und ist ein regelmäßiger Gast der Messe BuchDruckKunst, die in diesem Jahr (hoffentlich) vom 24.-26. September im Barmbeker Museum über die Bühne geht. Ihre Liebe zur bildenden Kunst und zur deutschen Literatur, insbesondere zur Lyrik und zur Poesie, vereint Caroline Saltzwedel in exklusiven Künstlerbüchern, wie Martin Mosebachs „Land der Dichtung“ (2012) oder Robert Crawforts „Fire“ (2017), die seit 1998 in der von ihr gegründeten Hirundo Press erscheinen. Ihr jüngstes Buch „Querschnitt durch die Schwarze Kunst“ ist als Hommage an das Museum der Arbeit schon in der AdK-Ausstellung „Inspiration Hamburg“ zu sehen gewesen.

Susanne Schwarz, Drei Schachteln

Die zweite Papierkünstlerin dagegen bezeichnet sich als Autodidaktin: Susanne Schwarz, studierte Kommunikationsdesignerin, hat erst spät angefangen, sich ihrer Leidenschaft zu widmen. Doch der Erfolg zeigt, dass es nie zu spät für einen Neuanfang ist. Aus coloriertem Seidenpapier und Draht schafft Susanne Schwarz bezaubernde, hauchzarte Schachteln, („Wolkenheime“, wie ihr Label heißt), von denen eine 2020 als Plakatmotiv für die „Inspirations“-Ausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte warb: Die Elbphilharmonie in Pink mit einer kleinen, taktstockschwingenden Elfe obendrauf.

Enrique Killinger, Armreif

Mit Caroline Rügge und Enrique Killinger sind in der Metallgestaltung zwei klingende Namen in den Verband gekommen. Enrique Killinger, Sohn der Goldschmiedin Monika Killinger, hat erfolgreich das alteingesessene Geschäft in der Langen Reihe übernommen. Die Spezialität der Werkstatt, Schmuck in einer Kombination aus Silber und Feingold, aus in sich gedrehten Silber- und Goldbändern, führt er in gewohnter Qualität fort. Dabei setzt er mit formschönem „Waben“-Design auch interessante neue Akzente.

Caroline Ruegge, Ensemble aus Dosen Vasen Schmuck

Caroline Rügge gilt als ungewöhnlich vielseitige und experimentierfreudige Gestalterin mit Vorliebe für Unregelmäßigkeiten und rauhe Oberflächen. Immer wieder kombiniert die Gold- und Silberschmiedin Glas, oder Fundstücke wie Holz und Stein, mit ihren Objekten. Ihr Markenzeichen wurde eine silberne Teekanne mit dem dicken Dornenstil einer Rose als Griff. In der Koppel zeigt Caroline Rügge fragile kleine Silberdosen, die an Seeigel erinnern.

Hubert Steffe, Brett aus Hirnholz

Holzgestalter sind in Norddeutschland rar gesät, insbesondere in Hamburg, wo seit Anfang der 1990er Jahre keine Drechsler mehr ausgebildet wurden. In Bremen jedoch ist einer der besten Holzgestalter der Republik zu Hause, vielfach preisgekrönt und international renommiert: Hubert Steffe setzt Schneide- und Servierbretter aus unterschiedlichem Hirn- oder Stirnholz zu so kunstvollen Mosaiken zusammen, dass man kaum wagt, sie als Arbeitsunterlage zu benutzen. Wie die Partitur eines Komponisten zieht sich die Maserung mitunter über ein edles Brett. Die unzähligen Einzelteile sind dabei so exakt und fest verleimt, dass man keine Klebekante erkennt und meint, man habe es mit einem einzigen Stück, mit einem Geniestreich der Natur zu tun. Die Würde des Materials – hier kommt sie ganz besonders zum Ausdruck.

„VOILÀ! Die Neuen in der AdK Hamburg“, bis 8. Juli 2021, Kunstforum der GEDOK, Koppel 66, Lange Reihe 75, 20099 Hamburg, Mi – Fr 13 -18 Uhr, Sa + So 13 – 16 Uhr.

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KUNST SCHAFFEN bei Robbe & Berking in Flensburg – eine Messe mit einzigartigem Konzept

Holzdosen von Richard Schillings vor Triptichon von Friedemann Hahn

Handgewebte Handtücher neben Landschaftsradierungen, Schmuck und Tafelgerät neben Gemälden und Skulpturen. Nirgendwo sonst findet man angewandte und freie Kunst so selbstverständlich vereint, wie bei KUNST SCHAFFEN, der einzigartigen Messe, die im Flensburger Yachting Heritage Centre von Robbe & Berking nun schon zum zweiten Mal stattfindet. Und wieder mit etlichen AdK-Mitgliedern.

KUNST SCHAFFEN hatten sich Esther und Oliver Berking eigentlich als einmalige Aktion gedacht. Entwickelt und realisiert im vergangenen Frühjahr aus dem Impuls heraus, „die Produktion von Kunst auch unter Corona-Bedingungen zu ermöglichen“, wie Oliver Berking sagt, und natürlich auch, um mit Künstlerinnen und Künstlern aller Disziplinen wieder ins Gespräch zu kommen. Rund 60 Künstler*innen folgten damals der Einladung und verlegten ihre Ateliers kurzentschlossen in die gläsernen Werfthallen.

Wohl niemand hätte sich Mai 2020 ausmalen können (und wollen), dass die Gesellschaft ein Jahr später immer noch im Krisenmodus läuft. Vor allem: Dass die Existenz der freischaffenden Künstler*innen nach zwölfmonatigen „Dauer-Wellen“ und ständigem Hin- und Her von Lockdowns und Lockerungen bedrohter ist als je zuvor.

Keine Frage für das Unternehmerpaar also, das zweite große KUNST SCHAFFEN auf die Beine zu stellen, obwohl es für alle Beteiligten ein „enormer Kraftakt war“, wie Esther Berking unumwunden zugibt. Schließlich galt es 1800 Quadratmeter Ausstellungsfläche, auf der normalerweise die Yachtsportgeschichte gezeigt wird, für die Kunst freizuräumen.

Nach rund 60 Künstler*innen aus Hamburg und Schleswig-Holstein im vergangenen Jahr ist die Zahl nun auf fast 80 Teilnehmer*innen gestiegen und mit Beteiligungen aus ganz Deutschland, sowie Dänemark und England deutlich nationaler, sogar ein wenig international ausgerichtet. Sicher auch ein Verdienst von Kurator Thomas Gädeke, dem ehemals langjährigen Leiter der grafischen Sammlung Schloss Gottorf und kommissarischem Direktor des Landesmuseums 2011-2013.

So sind neben etlichen Norddeutschen Realisten, da wären Friedel Anderson, Frauke Gloyer, Mathias Meinel und Nikolaus Störtenbecker (er war schon im vergangenen Jahr dabei), diesmal auch Arbeiten von Klaus Fußmann, Friedemann Hahn und Wolfgang Werkmeister zu sehen. Von Künstlern also, die weit über Landesgrenzen bekannt sind. Während die meisten Gemälde im Kunterbunt der riesigen Werfthallen jedoch um Aufmerksamkeit kämpfen müssen, sind die monumentalen, abstrakt-kubischen Bronze- und Stahl-Plastiken des Bildhauers Jörg Blickat für die Hallen wie geschaffen. Seine Arbeiten gehören zweifellos zu den Highlights der Messe 2021. Publikumslieblinge allerdings dürften die lebensgroßen, teils humoristisch angelegten Holzfiguren von Clemens Heinl sein, einem Bildhauer aus Schwabach, der Stephan Balkenhol nachzueifern scheint.

Aber auch unter den lokalen Künstler*innen gibt es spannende Entdeckungen zu machen. Die zarten Radierungen von Augustin Martin Noffke gehören dazu, die filigranen, an Giacometti erinnernden Drahtfiguren auf Buchstelen von Wübke Rohlfs Grigull oder die Lampen- und Wandobjekte von Astrid Schessner, Leiterin der Holzwerkstatt der Muthesius Kunsthochschule in Kiel.

Überhaupt ist der Übergang von „frei“ zu „angewandt“ fließend. Beispiele dafür sind die delikaten japanischen Schriftkunstwerke von Hanako C. Hahne oder die Konzeptarbeiten von Tina Schwichtenberg und Lena Kaapke. Beide arbeiten mit alltäglichen Gebrauchsgegenständen als Metaphern für gesellschaftspolitische Aussagen. So hat die Kielerin Lena Kaapke eine höchst eindrucksvolle Bodeninstallation realisiert, in der 1500 gleichgroße, selbstgedrehte Keramikschälchen die Bevölkerungsdichte sämtlicher Länder dieser Erde visualisieren.

Kalligraphie von Hanako C. Hahne, Konzeptarbeit von Lena Kaapke

Die angewandte Kunst ist, dafür bürgt schon der Name Robbe & Berking, durch die Bank Spitzenklasse – egal ob im Schmuck, in den Sparten Keramik, Papier, Tafelsilber, Textil oder Tischlerhandwerk. Die Verbindung zu den Berufsverbänden in Hamburg und Schleswig-Holstein ist traditionell eng, dementsprechend stark sind Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks Hamburg (AdK) und des Berufsverbands angewandte Kunst Schleswig-Holstein (BAK-SH) auf dieser Messe vertreten. Eine gemeinsame Vitrine von Gerda und Wilfried Moll erinnert an den fantastischen Silberschmied, der im vergangen Jahr noch selbst in Flensburg ausgestellt hatte und kurz danach, am 9. Juni 2020 im Alter von 80 Jahren völlig überraschend starb. Nun thront eine seiner wunderschönen silbernen Teekannen über dem kongenialen Schmuck seiner Frau. Gleich daneben ist das streng geometrische Tafelgerät von Claudia Christl zu sehen, nicht zu vergessen die international ausgezeichneten und weltweit gesammelten Werke von Ula und Martin Kaufmann, die im Eingangsbereich ihresgleichen suchen. Im Bereich Buch und Papier hat Caroline Satzwedel einen starken Auftritt, im Bereich Textil die Weberei Hamburg (Natalia Möller-Pongis und Andreas Möller), im Bereich Holz stechen der minimalistische Schreibtisch von Ragna Gutschow heraus, die Holzdosen von Richard Schillings und die meisterhaften Bretter in Hirnholztechnik des Bremer Tischlers Hubert Steffe.

Holzfigur von Clemens Heinl, Tafelgerät von Ula und Martin Kaufmann, im Hintergrund Keramik der Dänin Birgit Marie Kjaer, Künstlerbücher von Caroline Saltzwedel und Keramische Plastik mit Kröte von Inke und Uwe Lerch. © für alle Fotos: Isabelle Hofmann

Was für hervorragende Keramiker Norddeutschland hervorgebracht hat, beweisen die Präsentationen von Karin Bablok, Inke und Uwe Lerch, Eva Koj, Gundula Sommerer, Roswitha Winde-Pauls. Und hier lassen sich auch noch vielfach erlesene Stücke für den kleinen Geldbeutel finden. Denn auch das ist wichtig: Diese Messe ist eine Verkaufsmesse und soll dazu beitragen, das die Künstler in dieser schwierigen Zeit finanziell über die Runden kommen.

Also: Auf nach Flensburg! KUNST SCHAFFEN hat das Zeug, eine Institution zu werden. Vielleicht ist sie das ja auch schon.

KUNST SCHAFFEN, bis 30. Mai 2021
Yachting Heritage Centre, Harniskai 13, 24 937 Flensburg
Di – So 11 – 18 Uhr, Eintritt 4 Euro

Derzeit müssen alle Besucher*innen einen negativen Corona-Test, der nicht älter als 24 Stunden ist, vorweisen. Eine kostenfreie Corona-Teststation steht direkt vor dem Eingang.

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Zum Tode von Christian Farenholtz

Von Isabelle Hofmann

Immer freundlich, immer zugewandt, immer interessiert. Wer unter den älteren Handwerkskünstler*innen erinnert sich nicht an Christian Farenholtz (27.2.1923 – 3.5.2021), den langjährigen Präsidenten der Justus Brinckmann Gesellschaft?! Ein Jahr, nachdem Wilhelm Hornbostel 1988 die Leitung des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe übernommen hatte, trat Christian Farenholtz sein Amt als Vorsitzender der JBG an, und er blieb es bis 2002, fast die ganze „Hornbostel-Ära“ lang. Es ist sicher nicht übertrieben zu behaupten, dass der 20 Jahre ältere Architekt, Stadtplaner und emeritierte Hochschulprofessor der wichtigste Ratgeber des Museumsdirektors war. Christian Farenholtz prägte während seiner langjährigen Präsidentschaft nicht nur die Justus Brinckmann Gesellschaft, er prägte das ganze Haus am Steintorplatz. „Mit seiner umfassenden Bildung, kunstsinnigen Aufgeschlossenheit, entschiedenen Tatkraft und großen Sachkenntnis hat er sich für die Belange des Museums eingesetzt, die strukturelle Modernisierung und die bauliche Erweiterung vorangetrieben und das Programm der Justus Brinckmann Gesellschaft gestaltet“, schreibt Sebastian Giesen, der heutige Präsident der Justus Brinckmann Gesellschaft, in seinem Nachruf auf den renommierten Vorgänger. Und weiter: „Besondere Verdienste hat er sich beim Bau des „Schümann-Flügels“ erworben“.

Dieser, von der Hans-Otto und Engelke Schümann-Stiftung finanzierte und von dem Hamburger Architekten Jan Störmer entworfene „Flügel“ war ein gewaltiger Kraftakt für das MKG. Ein halbgläserner Gebäudekomplex, der seit seiner Einweihung im Jahr 2000 die historische Tasteninstrumente-Sammlung von Andreas Beurmann beherbergt und gleichsam für diese Sammlung geschaffen wurde. Bauherr war damals die Justus Brinckmann Gesellschaft, im Grunde also Christian Farenholtz, doch er spielte sich nie in den Vordergrund. Schümann, Beurmann und Störmer waren damals die Medienhelden. Wilhelm Hornbostel natürlich auch. Von der Justus Brinckmann Gesellschaft und ihrem Präsidenten dagegen war erstaunlich wenig die Rede.

Ich erinnere mich noch gut an ein Gespräch mit Wilhelm Hornbostel, bei dem Christian Farenholtz zugegen war. Ich weiß nicht mehr, ob er später hinzukam oder schon im Zimmer war, als ich eintrat. Ich wußte damals nicht, welch enorme Bedeutung dieser Mann als Architekt und Stadtplaner für Hamburg und weit darüber hinaus gehabt hatte.

Der gebürtige Magdeburger und Vater von fünf Kinder (unter ihnen AdK Mitglied Hendrike Farenholtz) war von 1954 bis 1965 im Landesplanungsamt Hamburg maßgeblich an der Stadtentwicklung von Neu Altona und der City Nord beteiligt. Er gilt als „Erfinder der City Nord“, wie das Hamburger Abendblatt schrieb. Als Baubürgermeister in Stuttgart (1965 – 1973) war er Mitglied im Deutschen Rat für Stadtentwicklung und brachte das Städtebauförderungsgesetz mit auf den Weg, das später im Baugesetzbuch verankert wurde. Seine Vision von menschenfreundlichem Städtebau, einer offenen Anordnung von Wohnquartieren mit viel Grünfläche, sozialer Durchmischung und Bürgerbeteiligung (was damals revolutionär war) setzt heute noch Maßstäbe in der Stadtentwicklung, insbesondere im Studiengang Städtebau/Stadtplanung der TU Harburg, den er 1980 als einer der Gründungsprofessoren einrichtet hatte.

Das alles wusste ich als junge Journalistin nicht, als ich Christian Farenholtz 1989 zufällig im Zimmer des MKG-Direktors traf. Ich erinnere mich aber noch genau, wie ehrfurchteinflößend diese große Gestalt mit dem markant geschnittenen Gesicht und den durchdringenden Augen auf mich wirkte. Christian Farenholtz füllte einen Raum, ohne ein Wort zu verlieren. Er besaß eine natürliche Autorität, die mit zunehmendem Alter von großer Güte begleitet war, wie mir schien. Zwischen 1990 und 2002 haben wir uns oft bei Ausstellungseröffnungen getroffen und es war immer eine Freude, sich mit diesem so überaus kenntnisreichen und kunstinteressierten Mann zu unterhalten.

Auch nach der Stabübergabe der JBG-Präsidentschaft an Peter Voss-Andreae hielt Christian Farenholtz „seinem“ Museum bis zuletzt die Treue. Selbst der Rollstuhl, in den ihn das hohe Alter zwang, war für ihn kein Hindernis, am Kulturleben teilzunehmen und Ausstellungseröffnungen zu besuchen – liebevoll umsorgt von seiner zweiten Ehefrau, der GEDOK- Vorsitzenden Sabine Rheinhold. So ließ er sich auch die Ausstellungs-Eröffnung zum 60. Geburtstag der AdK Hamburg nicht nehmen. Im Rollstuhl, in der ersten Reihe, verfolgte er geduldig die viel zu langen Reden und dankte anschließend freundlichst für die Einladung. Lieber Professor Farenholtz, wir haben zu danken! Es war eine Ehre, Sie kennengelernt zu haben!

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Ein Konzept, das Schule machen wird

Wie die Leipziger Grassimesse mit der Pandemie umging

Keramiken von Betty Montarou vor Steinzeug aus dem 16. Jhd.

Von „AHA-Regeln“ und „Balkonklatscher“ bis zu „Schnutenpulli“ und „Zoomparty“ – die Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden hat diesmal reichlich Auswahl für das „Wort des Jahres“. Rund 1000 neue Begriffe haben die Sprachforscher 2020 zum Thema Corona zusammengetragen. Doch nicht nur die Sprache ist erfinderisch. Überall in der Welt entwickeln Kreative während der Pandemie neue Formate. In Sachen Messe war in diesem Oktober die Leipziger Grassimesse Vorreiter, eine der wichtigsten Plattformen für Design und Kunsthandwerk in Europa.

Während alle anderen Märkte und Messen in Deutschland bereits im Frühjahr 2020 abgesagt wurden, dachte das Grassimuseum gar nicht daran, sich den 100. Messe-Geburtstag durch Corona vermiesen zu lassen. Museumsdirektor Olaf Thormann zog die Planung unbeirrt durch – mit einem bemerkenswerten Hygienekonzept, das auch nach der Pandemie weiter Schule machen dürfte: Zum ersten Mal öffnete das Haus die Räume der ständigen Ausstellung angewandter Kunst und präsentierte etwa ein Drittel der rund 100 Ausstellenden aus zwölf europäischen Ländern sowie aus Taiwan, Japan, Südkorea und den USA zwischen den Exponaten ihrer ständigen Sammlung.

Man fragt sich, warum es erst eine Krise brauchte, um so ein Konzept zu entwickeln und umzusetzen. Die Verteilung der Messestände auf den zwei Etagen des Museums für Angewandte Kunst war nicht nur in Punkto Abstandsvorschriften ein Gewinn, sondern auch für die Aussteller*innen, für die Objekte – und nicht zuletzt für die Besucher. Statt sich, wie in den vergangenen Jahren, in der Großen Galerie im Erdgeschoss zu drängen, konnte man ganz entspannt (mit Maske, versteht sich) durch die sehenswerte Sammlung von der Antike bis zum Historismus bummeln und dabei die Artefakte der jeweiligen Epochen mit der Angewandten Kunst von heute vergleichen. Das war überaus spannen und erhellend, denn ganz klar, mit der unmittelbaren Gegenüberstellung geht auch ein Kräftemessen einher: Bei jedem Messestand stellte sich erneut die Frage, „können die Künstler*innen, können die Objekte vor den Alten Meistern bestehen?“ Um es gleich vorweg zu nehmen: Ja, sie konnten, und zwar mit Bravour!

So korrespondieren die irdenfarbigen zylindrischen Vasen und Schalen der Keramikerin Betty Montarou aus Frankfurt am Main beispielsweise hervorragend mit den braunen Bartmannkrügen (mit bärtigen Gesichtern verzierte Krüge aus glasiertem Steinzeug) des 16. Jahrhunderts. Die konischen Gefäße aus weißem Porzellan von Susan Heise (Leipzig) standen in wohltuendem Kontrast zu den überreich verzierten Fayencen der italienischen Renaissance. Und die organisch reduzierte Formsprache der Holzschalen von Ulrike Scriba (Gengenbach) setzte einen klaren Kontrapunkt zu den opulenten Prunkschlössern der Renaissance und des Barock.

Holzschalen von Ulrike Scriba vor Prunkschlössern des 16. und 17. Jhd., Kabinettschrank von Martin Wilmes vor klassizistischer Bildtapete, gusseisernes Kochgeschirr von Berthold Hoffmann vor Meissner Porzellan.

Wie hervorragend sich skulpturale Möbel des 21. Jahrhunderts vor einer bemalten Tapetenwand des Klassizismus machen, zeigte die Präsentation des Möbelgestalters Martin Wilmes. Der Bremer, der für seine handwerklich perfekten, mit farbigen Fronten versehenen Kabinettschränke und Kommoden den diesjährigen Grassipreis der Carl und Anneliese Goedeler-Stiftung erhielt (3000 Euro), bespielte den halben „Römischen Saal“, benannt nach ihren hinreißenden Piranesi-Motiven „Vedute di Roma“, die Mitte der 1780er Jahre für Schloss Eythra bei Leipzig entstanden. Ihm gegenüber stand mit Metallgestalter Berthold Hoffmann aus Nürnberg ein Schwergewicht der Koch- und Tischkultur, dessen massiven, schwarzen Gusseisernen Geräte einen reizvollen Gegensatz zu den Vasen und Amphoren des Klassizismus bildeten – insbesondere zur prunkvollen, halbvergoldeten Kratervase des Meissner Meisters Carl Gotthelf Habe (1800-1894).

Am beeindruckendsten aber war die Präsentation des italienischen Drechslers und Autodidakten Lorenzo Franceschinis. Auf den Spuren des vom ihm verehrten, international vielfach ausgezeichneten Großmeisters Ernst Gamperl, fertigt der Italiener urtümliche Holzobjekte, mal bauchig rund wie ein Nest, mal lang und dünn wie eine Baumrinde. Objekte, die den Betrachter unweigerlich in den Bann ziehen. Ein Genuss, diese faszinierenden Gebilde unter der prachtvollen niederländischen Kanzel des späten 17. Jahrhundert zu sehen. So spannungsgeladen und gleichermaßen fast schon unheimlich stimmig wie dieses Zwiegespräch zwischen barockem Kirchenrelikt und moderner Archaik wünschte man sich mehr Präsentationen.

Gut möglich, dass es auch ein Vorbild für Pascal Johanssen wird, den Gast-Kurator der Messe Kunst und Handwerk im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe kommendes Jahr. Der Gründer des Direktorenhauses Berlin will die Hamburger Messe international stärker öffnen, dabei aber gleichzeitig einen regionalen Schwerpunkt setzen. Eigentlich sei das eine „eierlegende Wolfsmilchsau“, scherzte er selbstkritisch bei seiner Vorstellung per Zoom Anfang Dezember vor den Mitgliedern der Justus Brinckmann Gesellschaft. Doch so illusorisch, wie es sich zunächst anhört, ist es vielleicht gar nicht.

Holzobjekte von Lorenzo Franceschinis vor barocker Kanzel. Düstere Schmuckversionen aus den USA von Lee Masterson, die Kettenglieder sind aus leeren Pillenformen gegossen. Objekte des keramischen 3D-Drucks von Babette Wiezorek, Berlin und rechts Glaskünstler Cornelius Reer, er erhielt den Grassipreis der Sparkasse Leipzig. © 2020 alle Fotos von Isabelle Hofmann

Die Grassimesse macht es ja vor. Mit Teilnehmern aus insgesamt 14 Nationen, darunter Dänemark, die Niederlande, Japan, Österreich, Schweiz und die USA, nicht zu vergessen das Gastland Litauen, das in der Pfeilerhalle des Museums seine interessante Kunst und Designszene konzentriert vorstellte, präsentiert sich die Messe so absolut international – und bietet dennoch mit 20 Aussteller*innen aus dem Raum Leipzig, Dresden, Halle einen unübersehbaren regionalen Schwerpunkt.

Mit Anne Andersson (Textil), Sybille Homann (Glas), Ulrike Isensee (Textil), Ulla und Martin Kaufmann (Schmuck), Andreas Möller (Textil) und Richard Schillings (Holz) waren übrigens auch sieben Mitglieder der AdK Hamburg in diesem Herbst in Leipzig vertreten.

Und wieder ging ein Preis an AdK-Künstler: Ulla und Martin Kaufmann, die 2020 ihr 50jähriges Jubiläum als freischaffende Schmuckkünstler feiern und seit 1997 kontinuierlich auf der Grassimesse vertreten sind, erhielten den diesjährigen Ehrenpreis für ihr Lebenswerk. Die AdK Hamburg gratuliert sehr herzlich!

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