Auf der Suche nach einer universellen Harmonie

Zum Tod des Kommunikationsdesigners und Schriftgestalters Hans Weckerle (29. April 1937 – 14. Oktober 2020)

Von Rüdiger Joppien

Ein Freund ist jemand, der es gut mit einem meint, der einen nimmt, wie man ist, der lobt, kritisiert und verzeiht, der manchmal auch nervt, der vor allem nicht nachtragend ist, sondern das Gefühl vermittelt: ich zähle auf Dich.

Hans Weckerle war ein Mensch, dem Freundschaften viel bedeuteten, der die Fähigkeit hatte, Freundschaften zu pflegen und diese mit Aufmerksamkeiten zu bedenken. Hans hatte sehr besondere Freunde, vielfach waren es Künstler, wie Friedrich Einhoff oder Thomas Schleede, die schon vor Hans von uns gegangen sind. Aber ich denke auch an wie Jovica Veljovic, Friedemann von Stockhausen, Susanne und Michael Liebelt, Thomas Grebe, Roland Jaeger und viele andere, die in diesen Tagen die Nachricht von Hansens Tod tief bestürzt erfahren haben.

Hans war nicht nur ein lieber Freund, man sagte ihm auch nach, ein guter Lehrer gewesen zu sein. Über drei Jahrzehnte wirkte er an der Fachhochschule, der heutigen Hochschule für Angewandte Wissenschaften in der Armgartstraße, im Fach Visuelle Kommunikation, wo er Schrift und Plakatkunst unterrichtete. Als Hans nach Hamburg kam, war er gerade um die dreißig, kurz darauf wurde er schon zum Dekan seines Fachbereichs gewählt. Einer seiner Schüler vermittelte mir von ihm das Bild eines Mentors, der seine Schüler ernst nahm, sie förderte und forderte. Er war beliebt. Als Schweizer besaß er Weltläufigkeit und eine besondere Form von Kultiviertheit. Er war einer, der Werte vorlebte und seinen Schülern vermittelte.

Ich lernte Hans um 1990 kennen. Wir waren damals, als das Design immer mehr an Bedeutung gewann, unzufrieden mit der rückständigen Situation in Hamburg. Einige von uns, darunter Alexa Ahlbrand, Hartmut Frank, Schnuppe v. Gwinner, Nils Jockel, Hilde Leiss, Inge Maisch, Ilex Ness, Claudia Schneider-Essleben, meine Wenigkeit und last but not least eben Hans, wir gründeten den Arbeitskreis für Angewandte Kunst, in dem praktisch alle Sparten von angewandter Kunst vertreten waren: Architektur, Design, Mode, Kunsthandwerk, Typographie, usw. Wir kommunizierten regelmäßig und organisierten ein einige Jahre Ausstellungen und Vorträge. Eine Förderung seitens der Kulturbehörde erfolgte meines Wissens seinerzeit nicht, diese erfolgte erst 1999 erst mit Babette Peters und dem Büro von „hamburgunddesign“.

Hans war in unseren Diskussionen eine treibende Kraft. Er, der geborene Flaneur, kannte in Hamburg fast alle Persönlichkeiten auf dem Gebiet angewandter Kunst: ich nenne nur Rudolf Beckmann, Waltraud Bethge, Angela Kurrer, Ingrid Radewald, oder den Buchbinder Christian Zwang. Hans war immer gut informiert. Seine Kontakte erstreckten sich auch auf bildende Künstler und Künstlerinnen; die Arbeiten von Almut Heise und Gisela Bührmann waren ihm vertraut, und er war gut Freund mit Hamburgs inzwischen dienstältester Galeristin Renate Kammer. Durch Hans lernte ich den Verleger Hans Christians und seine Tochter Susanne kennen, denen er erfolgreich vorschlug, einen Typographie-Preis für Nachwuchs-Schüler auszuloben, an dem ich als Juror teilnehmen durfte.

Wie sein großer Landsmann Max Bill war Hans allen Künsten gegenüber aufgeschlossen. Denken in Abgrenzungen war ihm fremd. Eine besondere Faszination verspürte Hans für Architektur. Aufmerksam beobachtete er die Entwicklung Schweizer Architekten wie Mario Botta, Luigi Snozzi oder Peter Zumthor. Als meine Familie einmal im Tessin Urlaub machte, präparierte Hans uns mit Vorschlägen, dass wir unbedingt Bottas Kirchen in Mogna, auf dem Tamaro oder seine Bank in Lugano anschauen müssten. Als 1997 Zumthors Kunsthaus in Bregenz eröffnet wurde, war auch Hans zur Stelle und schrieb mir eine Postkarte mit dem Hinweis, dieses Museums sei „allemal eine Dienstreise wert“. Hans‘ große Tugend war Aufmerksamkeit; er informierte sich, er las und notierte, und er gab seine Erkenntnisse bereitwillig an seine Freunde weiter. Stets war er eine Quelle der Anregung. Dabei hatte er auch Weniger-Bekanntes im Blick. Eines Tages wies er mich auf den kleinen Kiosk der Buchhandlung Stolterfoth an der U-Bahn-Station Hallerstr. hin, in der er gern Bücher bestellte. Der Bau war um 1930 von niemand geringerem als Hamburgs großem Architekten des Neuen Bauens, Werner Kallmorgen, entworfen worden, und seitdem in Vergessenheit geraten.

Nebensächlichkeiten gab es für Hans nicht. Diese gerieten ihm eher zur Hauptsache. Auf seinem ureigensten Arbeitsfeld, der Gestaltung von Schrift, hatte das vermeintlich Unauffällige natürlich besonderes Gewicht. Häufig kritisierte er das Aussehen der Einladungen meines Museums, des Museums für Kunst und Gewerbe, von dem er eine Führungsrolle im Design erwartete. Uneinheitlichkeit und Schlampigkeit waren ihm ein Ärgernis, vielmehr erwartete er von A – Z eine in sich konsequente Gestaltung, ein einheitliches Erscheinungsbild. In dieser Hinsicht war Hans detailversessen, wollte nicht hinnehmen, dass die ästhetische Ordnung vernachlässigt würde. Stets verfolgte er das Ordnungsprinzip eines großen Ganzen. Im Wunsch nach Stimmigkeit offenbarte sich seine Suche nach einer universellen Harmonie.

Hans arbeitete auf unterschiedlichen Ebenen daran, die Welt ästhetisch zu verbessern. In seiner unmittelbaren Umgebung, in der Stadt, die ihm nun seit Jahren zur Heimat geworden war, fing er damit an. Schon früh war Hans dem Deutschen Werkbund beigetreten, und dieser hatte ihm das Gefühl vermittelt, für die Gestaltung unserer Umwelt mitverantwortlich zu sein. Hans engagierte sich, indem er Artikel verfasste, Plakate, Einladungen und Briefpapier gestaltete, Kataloge layoutete, Ausstellungen organisierte. Eine besondere Vorliebe hatte Hans für kleine, fein gemachte Editionen; Strenge und Minimalismus in der Formgebung zeichneten diese aus, trugen zur Eleganz der Erscheinung bei. Einmal konnte er seine Ansprüche auch in eine Innenarchitektur übersetzen, als er den Carl von Ossietzky-Lesesaal in der Hamburger Staatsbibliothek entwarf. Hätte Hans sein Berufsleben nicht als Drucker begonnen, wäre er vielleicht liebend gern Architekt geworden.

Besonders in den Jahren nach seiner Pensionierung engagierte sich Hans zunehmend als öffentlich Handelnder. So war es ihm ein großes Anliegen, dass der von der Stadt Hamburg begründete Karl Schneider-Preis für angewandte Kunst, der gerne mal verschleppt wurde, immer wieder abgerufen wurde. Dafür wurde er schon mal in der Kulturbehörde vorstellig. Oder Hans diente für 10 Jahre dem NDR als Rundfunkrat, wo er als einziger unter 58 Mitgliedern die Sache der bildenden und angewandten Kunst vertrat. Für einige Jahre übernahm Hans auch die Leitung des Reemtsma – Tabak-Museums in der ehemaligen Villa von Philip F. Reemtsma in Othmarschen, dem legendären Haus K. in O., über das er mit Roland Jaeger und Hermann Hipp 2005 ein wunderschönes Buch herausbrachte. Nach Schließung des Tabakmuseums übernahm Hans die Aufgabe, dessen Bestände auf einige Hamburger Museen zu verteilen. Wo immer Hans wirkte, tat er dies mit ästhetischem Anspruch. Den Posten eines Design- oder eines Schönheit – Beraters gibt es in Hamburg nicht, aber in dem was er tat und leistete, kam Hans dieser Aufgabenstellung ziemlich nahe, denn das ästhetische Gemeinwohl lag ihm am Herzen.

Ich will nicht verkennen, dass die Maßstäbe, die Hans anlegte, für die Betroffenen mitunter auch anstrengend waren. Ich für meinen Teil hatte Glück, denn Hans war mir und meiner Arbeit eigentlich immer zugetan. Ihn erfreuten meine kleinen Kabinettausstellungen, die ich im Museum an diversen Orten ohne großes Aufsehen präsentierte. Er bemerkte sie, und dafür gab es von ihm immer Sonderlob.

Hans kam zu fast allen Ausstellungseröffnungen ins Museum für Kunst und Gewerbe; nie verpasste er eine Eröffnung unserer sog. Weihnachtsmesse für Kunst und Handwerk. Dort verschaffte er sich Übersicht über innovative Ansätze im Handwerk. Dabei suchte er stets mit Bedacht kleine, feine Trouvaillen aus, mal ein Kästchen aus Holz, eine Schale, einen Ring oder einen Schal. Exquisite Dinge hatten es ihm immer angetan.

Kritik gehört zum Geschäft, und wenn man die Aufgabe hat, annähernd 70 Aussteller möglichst vorteilhaft zu präsentieren, gibt es auch Einwände. Ich muss rückblickend aber sagen, dass ich all die Jahre in Hans einen konstruktiven Freund zur Seite hatte. Wenn Hans eine Messe lobte, wusste ich, dass sie gelungen war.

Meine intensivste Freundschaftsphase mit Hans erlebte ich in den 90er Jahren und den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts. In dieser Zeit schrieb Hans mir zahlreiche Kunst-Postkarten, die meisten vom Urlaub aus der Schweiz, aber auch aus fernen Ländern, darunter aus Ägypten und Malaysia. Reisen gehörten zu Hans‘ besonderen Leidenschaften. Auf den Postkarten referierte er telegrammartig Orte, Kulturdenkmäler oder Reisewege. Dabei notierte er gern die Namen von Hotels mit kolonialer Vergangenheit, deren Atmosphäre er genoss. In dieser Hinsicht gönnte er sich einen dezenten Snobismus. Bezeichnend für Hans‘ Stilsicherheit war dabei, dass er, wo immer möglich, seine Post mit dem Füller schrieb, ansonsten mit dem Bleistift, aber nie mit dem Kugelschreiber. Seinem Prinzip der Sorgfalt war er immer treu.

Rückblickend scheint mir, dass Hans mich mit seinen Postkarten bewusst teilnehmen lassen wollte an seinen Erlebnissen. Auf einigen Karten empfahl er mir Bücher, die ihm aufgefallen waren. Er versorgte mich auch gerne mit Zeitungartikeln seiner geliebten NZZ, von denen er glaubte, dass sie mir bei meiner Arbeit helfen könnten. Gelegentlich ließ er mich teilhaben an für ihn kostbaren Momenten, wie z.B. auf einer Karte aus dem Onsernone Tal aus dem Jahr 1994, als er schrieb: „Nehmen uns die Zeit, zwischen den Jahren. Stapfen durchs Kastanienlaub. Am trocken gemauerten Granit blühen Forsythien; letzte Rosen und Geranien bei den Kapellen. Die Sonnenuhren im gleissenden Vorfrühlingsgrau“. Solche fast heiku- artige Naturbetrachtungen waren typisch für ihn und erscheinen mir besonders aussagekräftig, denn sie zeigen, dass Hans bei all seinen rastlosen Aktivitäten eine empfindsame Seele hatte. Dass Hans für eine postalische Mitteilung einmal ein Vanitas-Stillleben der niederländischen Malerin Rachel Ruysch, mit dem Titel „Rosenzweig mit Käfer und Biene“ von 1741, aus der Kunstsammlung Basel, auswählte, war kein Zufall, denn Hans liebte Stillleben und die ihnen versteckten Hinweise auf die Vergänglichkeit alles Irdischen. Für den Vanitas-Maler Sebastian Stosskopf, einen Maler des Barock, reiste er eigens zu einer Ausstellung nach Straßburg.

Wie Marcel Proust in der „Suche nach der verlorenen Zeit“ versuchen wir einen Menschen, der von uns gegangen ist, zurückzuholen in unsere Gegenwart, um uns seiner liebend zu erinnern. Wie hat er ausgesehen, wie hat er gelacht, oder wie gesprochen? Manche Erinnerungen verwischen im Laufe der Zeit. Trug Hans zu seinen schwarzen Anzügen nicht immer ein makellos weißes Hemd, war seine kleine Ledermappe, in denen er oft kleine Schriften mit sich führte, vom vielfachen Gebrauch an den Seitenflächen nicht abgegriffen? Hätte ich doch nur bewusster hingeschaut, mehr aufgeschrieben. Wir müssen uns trösten mit dem Wenigen, das wir erinnern. Andererseits hat Hans uns, die wir heute um ihn trauern, vieles geschenkt, das unvergessen bleibt: seine Freundschaft, seinen guten Geschmack, seinen Kunstsinn, sein umfassendes Wissen und sein Bewusstsein für Qualität, seine Liebenswürdigkeit und seine Menschlichkeit.

In diesem Sinne möchte ich mit dem Versprechen schließen, dass wir Dich, lieber Hans, nie vergessen werden.

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Mehr als nur eine Hommage an die Stadt am Fluss

„Inspiration Hamburg – Biennale angewandter Kunst der AdK und GEDOK“ im Museum für Hamburgische Geschichte.

Susanne Schwarz, „Elphi”

Mit „Inspiration Hamburg“ zeigt das Museum für Hamburgische Geschichte die erste Biennale angewandter Kunst in der Hansestadt – eine opulente Schau erlesener Dinge und ein Neuanfang in jeder Hinsicht.

Eine Elfe auf der Elbphilharmonie. Schon von Weitem leuchtet das poppige Motiv von Susanne Schwarz an der Fassade des Museums für Hamburgische Geschichte. Eine bezaubernd leichte, verspielte Papierarbeit, die neugierig macht auf rund 300 Arbeiten von 63 vielfach ausgezeichneten Künstlerinnen und Künstler der beiden Hamburger Berufsverbände, der Arbeitsgemeinschaft Kunsthandwerk (AdK) und dem Künstlerinnen-Netzwerk GEDOK, die hier das enorme gestalterische Potenzial Hamburger Kunsthandwerks vor Augen führen.

Hafen, Handel, Herbertstraße. Die Hansestadt bietet ein wahres Füllhorn an Inspirationsquellen und das spiegeln die präsentierten Objekte. So gibt es hier kleine „Pfeffersäcke“ als Ohrhänger (Annette Kutz) zu sehen, schwere Elbbrücken-Anhänger (Babette von Dohnanyi) oder Nadeletuis aus den Federkielen der Alsterschwäne (Caroline Rügge).

„Pfeffersäcke“, Annette Kutz | Elbbrücken-Anhänger, Babette von Dohnanyi | Nadeletuis aus Federkielen, Caroline Rügge

Schmuck, Tafelgerät, Keramik und Textil bilden den Schwerpunkt. Die Gewerke Glas, Holz und Papier machen sich dagegen rar. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Hamburg seit Jahrzehnten keine Drechsler und Glasgestalter mehr ausbildet. Auch die Hochschulen haben diese Gewerke sträflich vernachlässigt. Was dabei an künstlerischen und handwerklichen Fähigkeiten verloren zu gehen droht, zeigen beispielsweise das von Duckdalben inspirierte Dosen-Ensemble von Horst Kontak. Ebenso die raffinierten, Hamburger Backsteinfassaden nachempfundenen Glasreliefs von Hartmann Greb.

Dosen-Ensemble, Horst Kontak | Backsteinfassaden, Hartmann Greb | Speicherstadt als Papierarbeit, Sigrid Vollmer

Oder die skulpturalen Buchschober von Sigrid Vollmer, eine ausgesprochen gelungene Interpretation der Speicherstadt. Die andere stammt von Uwe Krause, einem Keramiker, der heute in der Provence lebt und seine Kindheitserinnerungen zu einer imposanten „Hafenlandschaft“ verarbeitet hat. Uwe Krause ist übrigens einer der diesjährigen Preisträger und zwar erhielt er den Ehrenpreis der Hamburger Hapag Lloyd Stiftung für herausragendes Kunsthandwerk. Der zweite Preis der Hapag Lloyd Stiftung, der „Preis für innovatives Handwerk“, ging an die Hamburger Gold-und Silberschmiedin Silja Böhm für ihre Ketten „Hamburger Bohrprofil“ und „Hamburger Erdschichten“. Beide Arbeiten nehmen Bezug auf die regionale Geologie. Den „Preis für das beste Einzelstück der Handwerkskammer Hamburg“, den die Kammer in diesem Jahr leider zum letzten Mal vergibt, ging an die Textilkünstlerin Ulrike Isensee für ihren raffiniert gearbeiteten, hauchzarten Wandbehang „Stadt am Strom“. Dieses Textilbild hat mit „angewandt“ im eigentlichen Sinne nichts mehr zu tun.

Hamburger Bohrprofil, Silja Böhm | Hafenlandschaft, Uwe Krause | Stadt am Strom, Ulrike Isensee

Überhaupt zeigen etliche Werke dieser Schau, wie überholt das Schubladendenken ist. Das raumgreifende Filz-Mobile von Anja Matzke ist ebenso „frei“, wie die figürlichen Keramiken von Claudia Craemer, Silke Decker und Katharina Ortleb. Mehr Kunstobjekt als Gebrauchsgegenstand sind auch die exquisiten Glas- und Silberarbeiten von Kathrin Heinicke. Die Gold- und Silberschmiedin punzierte historische Straßennamen und Wasserwege in Ringe und hauchzarte Silberblätter, die auf einer Glasschale wie auf einem Fleet zu treiben scheinen.

Filz-Mobile, Anja Matzke | Keramiken von Claudia Craemer, Silke Decker und Katharina Ortleb | Glas- und Silberarbeiten, Kathrin Heinicke

Für die angewandten Künstler*Innen der Stadt wie für das Museum für Hamburgische Geschichte ist diese Ausstellungs-Kooperation ein Glücksfall. Die AdK war gezwungen, sich neu zu orientieren, nachdem die Galerie der Handwerkskammer Hamburger nicht mehr für Ausstellungen zur Verfügung stand und die Kammer überdies die seit 1992 bestehende Zusammenarbeit aufkündigte.

Das Museum für Hamburgische Geschichte wiederum, das in den kommenden Jahren für 36 Millionen Euro sowohl baulich als auch konzeptionell runderneuert wird, ist schon jetzt in Begriff, sich als lebendiger Ort der Vermittlung neu zu positionieren.

Mit „Inspiration Hamburg“ knüpft das Museum an die stadthistorischen Sammlungsbestände an und schlägt einen großen Bogen von den handwerklich geprägten Anfängen in die unmittelbare Gegenwart – zu jenen Kreativen, die Hamburg heute bereichern. Und zu denen Claudia Horbas, verantwortlich für Ausstellungen im Museum für Hamburgische Geschichte, übrigens großes Vertrauen hatte: Sie ließ den Gästen völlig freie Hand. Konzept und Ausführung der Ausstellung lagen allein bei AdK und GEDOK und die wussten ihr gestalterisches Potenzial hervorragend zu nutzen.

Damit dieser Sprung in die Gegenwart nicht temporär bleibt, möchte Horbas einige Exponate der Ausstellung für die ständige Sammlung erwerben und hat zu Patenschaften aufgerufen. Einer hat den Ruf bereits erhört: Reinhard Bochem, Chef der ältesten Edelmetall-Scheideanstalt nördlich der Elbe, stellte bereits einen großzügigen vierstelligen Betrag für einen Ankauf zur Verfügung.

Fazit: Diese Biennale ist nicht nur eine liebevolle Hommage an Hamburg. Sie rückt im Kontext der Stadtgeschichte auch die kulturhistorische Bedeutung zeitgenössischen Kunsthandwerks ins Bewusstsein. In zwei- dreihundert Jahren wird man all die schönen Dinge, mit denen wir uns und unsere Wohnungen schmücken, ebenso ehrfürchtig betrachten, wie heutzutage die musealen Zeugnisse Althamburger Lebens- und Wohnkultur.

„Inspiration Hamburg – Biennale angewanderter Kunst der AdK und GEDOK, schon jetzt verlängert bis zum 16. November, Museum für Hamburgische Geschichte. Alle Infos unter www.shmh.de.

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Ein Ausnahmemensch und ein Ausnahmekünstler

Zum Tode von Wilfried Moll

Wilfried Moll in seiner Werkstatt in Travemünde, Foto: ©Hofmann

Ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, freundlich, zuvorkommend, immer gut gelaunt. Das war Wilfried Moll. Eine Ehre und ein Vergnügen, diesen Künstler gekannt zu haben. Am 9. Juni 2020 ist Wilfried Moll im Alter von 80 Jahren überraschend gestorben. Die AdK Hamburg trauert um einen der besten Gold- und Silberschmiede Europas – und um einen außergewöhnlich liebenswürdigen Menschen.

Auf der Werkbank steht noch ein unvollendetes Silbergefäß. Überall liegt Werkzeug herum. Das ganze Haus ist von seinem Geist erfüllt. Es ist, als „sei er grad mal eben aus der Tür gegangen“, sagt Gerda Moll. Seine Frau, selbst eine vielfach ausgezeichnete Goldschmiedin, kann noch gar nicht fassen, was passiert ist. Die letzte Silberkanne ist erst wenige Wochen alt. Wilfried Moll hat sie für die bis zum 21. Juni laufende Ausstellung „Kunst Schaffen“ der Robbe & Berking Werft in Flensburg fertiggestellt, bei deren Eröffnung Ende Mai die „Mollies“, wie sie Kollegen liebevoll nennen, selbstverständlich anwesend waren.

Geschaffen hat Wilfried Moll sie in seinem charmanten, kleinen Stadthaus in Travemünde, schräg gegenüber der St. Lorenz Kirche, in der kommenden Freitag die Trauerfeier stattfindet. In dieses Haus zog sich Wilfried Moll in den vergangenen Jahren immer häufiger und länger zurück. In Hamburg hatte er eine gemeinsame Wohnung und Werkstatt mit seiner Frau Gerda, Travemünde jedoch war sein Refugium, sein Kraft- und Kreativzentrum. Dort konnte er Tag und Nacht hämmern und schmieden, ohne dass es jemanden störte.

Vor knapp zwei Jahren durften einige Kollegen und Kolleginnen der Arbeitsgemeinschaft Kunsthandwerk (AdK Hamburg) die „Einsiedelei“ besichtigen. Wilfried Moll hatte zu einem Werkstattbesuch eingeladen. In eine Werkstatt wie aus einem Bilderbuch, groß, hell mit Ausgang in einen verwunschenen, kleinen Garten und überreich an Werkzeugen, die ordentlich sortiert an der Wand hingen. Ein unvergesslicher Nachmittag war das, ausgelassen und lehrreich, mit Getränken aus edlen Silberbechern und guten Gesprächen, bei denen der Meister voller Freude seine Lieblingsstücke vorführte. Eine Kanne mit Stövchen, einen Kirchenleuchter, ein Sahnekännchen. So edel und glänzend, dass man sie selbst mit Handschuhen kaum zu berühren wagte.

Während Gerda Moll in der Schmuckgestaltung zu Hause ist, verschrieb sich Wilfried schon früh dem Tafelgerät. Ob Schalen, Kannen, Bestecke – seine Formsprache seiner Objekte ist klar, funktional und verrät auf den ersten Blick die Liebe zum Bauhaus und zum skandinavischen Design: Würfel, Kugel, Quader, Rechtecke, Zylinder sind stehts die geometrischen Grundkörper seiner vielfach preisgekrönten Arbeiten.

Eine Erfolgsgeschichte für sich sind seine vier Besteckentwürfe für die traditionsreiche Flensburger Silberschmiede Robbe & Berking, „Alta“ (1981), „Atlantic“ (1982) „Riva“ (2001), „Sphinx“ (2008) – bis auf das zweite Besteck in Edelstahl alle in Sterlingsilber gefertigt, „Alta“ wurde sogar vom New Yorker MOMA angekauft.

Besteck „Riva” von 2001

Modelle in Kunststoff oder Holz waren nie seine Sache, erzählte Oliver Berking einmal. Wilfried Moll präsentierte seine Prototypen grundsätzlich in Silber, „seinem Material“. Eine Vorgangsweise übrigens, die den gebürtigen Hamburger mehr in der Freien Kunst, in der Bildhauerei verortet, als im Design. Und bei der sein Studium in Nürnberg zweifellos zum Tragen kommt.

1940 geboren, absolvierte Wilfried Moll im Hamburg der Wirtschaftswunderzeit eine Goldschmiedelehre (1956-1959) und verbrachte anschließend seine Gesellenjahre in Kopenhagen, einer Stadt der er zeitlebens eng, fast familiär verbunden blieb. Als Meisterschüler von Andreas Moritz an der Akademie der bildenden Künste in Nürnberg gewann er dann die gestalterische Reife für seine internationale Karriere als freischaffender Künstler, die ihn u.a. nach Australien, China und Japan führte, wo er nicht nur in großen Ausstellungen brillierte, sondern auch Workshops leitete. In der langen Liste seiner Auszeichnungen seien hier nur der Justus Brinckmann Preis Hamburg, der Bayerische Staatspreis und der Karl Gustav Hansen – Preis Dänemark genannt.

In die Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks Hamburg ist Wilfried Moll bereits 1965, mit 25 Jahren (!) eingetreten – zeitgleich mit seiner ebenso alten Frau Gerda wohlgemerkt, die er bereits Ende der 1950er Jahre bei der gemeinsamen Goldschmiedelehre kennen und lieben lernte. Beide halten der AdK seitdem die Treue und beiden hat der Verein viel zu verdanken.

So hat Wilfried Moll als langjähriger Vorsitzender der AdK Hamburg (1978-1990) den Kooperationsvertrag mit der Handwerkskammer Hamburg auf den Weg gebracht, der unter dem Vorsitz seines geschätzten Kollegen Thomas Schleede (1943-2019) 1992 dann in Kraft trat.

Mit Wilfried Moll hat die AdK nun wieder einen wunderbaren Kollegen und herausragenden Gold- und Silberschmied verloren. Wir werden unser Ehrenmitglied auch über seinen Tod in Ehren halten! Vermissen tun wir ihn jetzt schon.

Bitte lesen Sie auch die wunderbare Trauerrede seines langjährigen Freundes und Weggefährten Dr. Rüdiger Joppien, Kunsthistoriker und ehemals Kustos der Moderne am Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg:

Für Wilfried Moll – Trauerfeier in St. Lorenz, Travemünde, 19.6.2020

Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal hier stehen würde, um über meinen Freund Wilfried Moll zu sprechen. Es gibt Menschen, bei denen man einfach nicht in Betracht zieht, dass sie sterben könnten, weil sie so hell und klar im Diesseits stehen und so viel Präsenz ausstrahlen.

Wenn der Moment des Unfassbaren eintritt, fragt man sich, was weiß ich von dem Menschen, dem wir nun das letzte Geleit geben? Habe ich, haben wir, sein Leben mit genug Aufmerksamkeit begleitet, um zu wissen, wer er war? Wilfried war für mich nicht nur ein bewunderter Künstler, ein Silberschmied, der „voll im Leben stand “, und mir schrieb: „Wer lebt, spürt: was wir nicht mit unseren Sinnen wahrnehmen können, verblasst, verflüchtigt sich, löst sich auf in Erinnerung, Wunsch, Traum…“. Der Tod war Wilfried nicht fremd. In einem Brief vom 15. Januar 2003 beklagte er den Verlust seines bewunderten Vorbilds, des dänischen Silberschmieds Karl Gustav Hansen: „Karl Gustav Hansen ist gestorben. Er schmiedete so viele Begriffe der Ethik ins Silber. Die Bilder meines Besuches kreisen mir im Kopf. Wir wünschen uns Nachsicht und erhalten Fürsorge in einer humanen Gesellschaft, doch unsere Biologie bleibt unerbittlich. Mein Freund Hein, so nannte Horst Janssen den Tod“. Und dann schloss Wilfried den Brief mit einigen Zeilen aus Dantes „Göttlicher Komödie“.

Für mich sticht aus diesem Briefzitat der Satz: „Er schmiedete so viele Begriffe der Ethik ins Silber“ heraus, denn er verdeutlicht, was Wilfried selbst wichtig war: Ethik als ein Bestandteil des Handwerks.

Wilfrieds Leben begann vor 80 Jahren in Altona an der Elbe. Altonaer zu sein, war für ihn sehr wichtig. Als ich 1987 nach Hamburg zog, erklärte er mir, dass das Tor im Altonaer Stadtwappen, anders als das Hamburgische, immer offenstand. Wilfried war stolz auf die Geschichte seiner Vaterstadt, die vielen Glaubensflüchtlingen in vergangenen Jahrhunderten Zuflucht gewährt hatte. Mit Altona verband er Freiheit und Toleranz.

Nach der mittleren Reife, im Alter von 16 Jahren, entschied Wilfried sich für den Beruf des Goldschmieds, und damals schon lernte er Gerda, seine spätere Ehefrau, kennen, als diese bei einem anderen Goldschmied in die Lehre ging. Gerda wurde neben der gemeinsamen Tochter Regine die wichtigste Person in Wilfrieds Leben, als Lebensgefährtin, Werkstattpartnerin und Beraterin.

Vor zehn Jahren, als Wilfried 70 wurde, richteten ihm das Museum für Kunst und Gewerbe und die Justus Brinckmann Gesellschaft einen Abend in der Destille des Museums ein. Als damals verantwortlicher Kustos plante ich mit Wilfried eine Vitrine ein, in der einige seiner Arbeiten für alle sichtbar sein sollten. Wilfried stellte die Objekte auf, sie sahen wunderbar aus, und dann hatte Wilfried eine Idee: Er wollte noch ein Collier von Gerda mit hineinlegen und sagte: „ohne das Collier von Gerda hätten sich meine Werke einsam gefühlt.“ Eine Liebeserklärung an seine Frau, aber auch ein Hinweis darauf, dass er den Werken ein Eigenleben, ja sogar Gefühle, zusprach. Eine Teekanne, die er für gelungen hielt, bezeichnete er einmal als „Primadonna“. Jede Arbeit betrachtete Wilfried als ein Geschöpf, dem eine Beseelung innewohnte.

Doch ich bin vorausgeeilt, und gehe zurück nach Altona. Nach der Freisprechung ging Wilfried für ein Jahr auf Wanderschaft nach Kopenhagen, wie es seinerzeit für Handwerksgesellen noch üblich war. Wilfrieds Großvater war Däne gewesen, und so fühlte er sich halb als Däne, ein Umstand, der noch großen Einfluss auf sein Selbstverständnis als Künstler haben sollte. In Kopenhagen erwachte seine Liebe fürs Silberschmieden; Dänemark verfügte in der Zeit über die besten Silberschmiede Europas. Als besondere Ehre empfand Wilfried es in späteren Jahren, in den Verband dänischer Silberschmiede aufgenommen zu werden, was ihm erlaubte, gemeinsam mit den dänischen Kollegen auszustellen. Karl Gustav Hansen und Allan Scharff wurden damals persönliche Freunde.

Um sich in der Silberschmiedekunst weiter zu bilden, besuchte Wilfried von 1962-65 die Kunstakademie in Nürnberg, wo er bald Meisterschüler von Prof. Andreas Moritz wurde. Es wurden prägende Jahre, denn Moritz war ein unerbittlicher Lehrer, der handwerkliche Vollkommenheit forderte, diese als unerlässliche Grundlage jeglicher Gestaltung betrachtete und darin ein Vorbild für das Industriedesign sah. Moritz verlangte angesichts der langen Tradition der Silberschmiedekunst von seinen Schülern Selbstbewusstsein und lehrte sie, ihr historisches Erbe zu reflektieren. Gleichzeitig eröffnete er geistige Türen in andere Epochen der Menschzeit, zur griechischen Antike und nach Japan. Wichtig wurde für Wilfried aber auch das Miteinander der Künste an der Akademie. Einige Jahre später resümierte er: „Eine gute Ausbildung fürs Kunsthandwerk kann ich mir nur zusammen mit Malern, Bildhauern, Architekten vorstellen. Man kann so viel voneinander lernen…“. Diese tiefe, gelebte Überzeugung hat ihn von früh an vor Einseitigkeit bewahrt.

1965 kehrte Wilfried zurück nach Hamburg. Gerda und er heirateten und gründeten ein gemeinsames Atelier für Schmuck und Gerät. 1967 stellte Wilfried erstmals auf der Jahresmesse des Kunsthandwerks im Museum für Kunst und Gewerbe aus, damals wurde der Kustos der Messe, Heinz Spielmann, ein lebenslanger Freund. Schließlich konnte er 1972 als jüngster Silberschmied Deutschlands, eine Einzelausstellung in der Neuen Sammlung, München, dem Mekka der „guten Form“ abhalten. Innerhalb weniger Jahren war er auf den Olymp der Silberschmiedekunst hinaufgestiegen.

1981 lernte Wilfried den Inhaber der Flensburger Silberwarenmanufaktur Robbe & Berking, Robert Berking, kennen, der für sein weiteres Wirken eminent wichtig wurde. Wilfried konnte Berking davon überzeugen, der etwas veralteten Kollektion der Manufaktur mit einem modernen Besteck ein Gegengewicht entgegen zu setzen. Es war die Geburtsstunde des „Alta“-Bestecks, das ein Welterfolg wurde und heute in keiner wichtigen internationalen Designsammlung fehlt. Das Besteck wurde in drei Größen, als Menu-, als Tafel-, und als Dessertbesteck gefertigt und enthielt auch Sonderformen wie Marklöffel, Hummerstiel oder Kaviarlöffel, um für alle Erfordernisse der gehobenen Gastronomie gerüstet zu sein. Dass es nicht nur in Sterlingsilber, sondern auch als versilberte Auflage lieferbar war, machte es allgemein erschwinglich. Jedes einzelne Teil wurde von Wilfried als Prototyp entwickelt und funktional getestet, bevor es mit besonderen Werkzeugen produziert wurde. Der handwerklich geschulte Silberschmied wurde zum Impulsgeber der Produktkultur, wie Andreas Moritz es gefordert hatte. Wilfried hat einmal erzählt, dass er, um den Sonderformen des Bestecks gerecht zu werden, mit Gerda Hamburger Spitzenlokale wie Schümanns Austernkeller aufgesucht und den Umgang mit den nicht so alltäglichen Esswerkzeugen probiert habe.

An dieser Stelle kommt ein bisher unbekannter Wesenszug Wilfrieds zum Vorschein: seine Freude an gutem Essen und gutem Rotwein. Doch konnte der Genuss des Essens nur dann richtig erfahren werden, wenn auch das Ambiente stimmte. Gemeinsam überlegten Wilfried und Robert Berking, nach dem Besteck auch noch ein Korpuswarenprogamm aufzulegen, das neben klassischen Gefäßen, wie Tee- und Kaffeekannen, auch Leuchter, Platzteller, Tabletts, Kasserollen, Obst- und Gemüseschalen und sogar Fleisch- und Fischplatten enthalten solle. Erneut schuf Wilfried wieder handgeschmiedete Modelle, um auch zu klären, mit welchen technischen Mitteln sich die Prototypen in Serienstücke umsetzen ließen. Robbe & Berking musste dazu eigens neue Tiefziehpressen anschaffen. Aber das Ergebnis lohnte den Aufwand: keine andere deutsche Manufaktur hatte ein so modernes Gefäßprogramm aufzuweisen, das alle Wünsche nach einer perfekt gedeckten Tafel erfüllte. Wilfried leistete damit einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des deutschen Designs – auch wenn ihm das Wort Design nie behagte, weil er es für zu unverbindlich hielt.

Unter Berkings Sohn Oliver entwarf Wilfried im Laufe der nächsten 20 Jahre mit „Riva“ und „Sphinx“ zwei weitere Besteckserien. Daneben kam es im Laufe der neunziger Jahre zu einer neuen Ausrichtung seines Werks, die u.a. auf Wilfrieds zunehmende Begeisterung für dänische Korpuswaren zurückging. Er wandte sich wieder seiner ursprünglichen Liebe, dem Entwurf von Tee – und Kaffeekannen zu. Diese waren seit jeher die Grundmelodie in seinem Schaffen gewesen und hatten ihn in plastischer wie in architektonischer Hinsicht immer wieder herausgefordert. Es beschäftigte ihn, wie ein durch die Tradition fest gelegter Gegenstand so subtil variiert und modifiziert werden könne, dass dieser zwar seine klassische Form behält, aber auch neue gestalterische Freiheiten zulässt: etwa durch leichte Abwandlungen der Proportionen, veränderte Durchmesser, neue Schnaupen- und Grifflösungen, oder eigenwillige Konzeptionen von Deckeln und Knäufen – kleine Veränderungen, die jeder Kanne einen unverwechselbaren Charakter gaben. Lutz Wendler hat 2010 in einem wunderbaren Aufsatz Wilfrieds Werk charakterisiert, seine Stilsicherheit und Phantasie, aber auch „seine Kühnheit und seinen Humor“ hervorgehoben und darauf hingewiesen, dass Wilfried einzelne Teile seiner Kannen, wie er es nannte, „überzeichnet“ habe. Dieses Element war charakteristisch für Wilfrieds im Alter zunehmendes Streben nach gestalterischer Freiheit, die immer noch funktional sein musste, aber auch Sinnlichkeit ausstrahlen sollte. Ein Hauch von Exzentrik, von Unangepasstheit war dabei zu spüren, doch der Anspruch auf Perfektion war ungebrochen. „Jeden Morgen“, so sagte Wilfried einmal, „stehe ich auf und nehme mir vor, heute die beste Kanne herzustellen.“ Die Suche nach der gültigen, sinnlichen Form hatte etwas Utopisches.

Im Dezember 2002 hielt Wilfried im Museum für Kunst und Gewerbe einen Vortrag zum Thema „Beschwingte Hämmer“. Der Titel signalisierte Lebensfreude und eine starke Beziehung zum Arbeitsgerät. Wilfried hütete seine Hämmer mit einer Liebe wie ein Violinist seine Geige. Wie seine Freunde Thomas Schleede und Jan Wege war er fasziniert von der Vielseitigkeit von Hämmern, deren Funktionsweise, wie bei einzelnen Barockeisen, man schon gar nicht mehr kannte. Das Wissen dazu war bereits verloren gegangen.

Eine Spezialität des Silberschmiedens, die Wilfried fast in Verzückung versetzen konnte, war das sog. Warmschmieden, eine technische Besonderheit im Umformungsprozess, den Wilfried bei einem Workshop im Norden Thailands in Chiang Mai noch angewandt fand. Warmschmieden war in Europa nicht üblich; es verlangte eine schnelle Hand, entschädigte aber durch das molekulare Verhalten des Silbers, das sich im heißen Zustand, wie Wilfried gern sagte, „wie Butter“ schmieden lässt. Noch in den letzten Jahren in seiner Einsiedelei in Travemünde (seit 2003) blieb Wilfried dem Schmieden verbunden, er hatte einen alten Kunstschmied aus der ehemaligen DDR kennengelernt und mit diesem Leuchter aus geschmiedetem Eisen geschaffen.

Besondere Aufmerksamkeit schenkte Wilfried auch den Oberflächen seiner Gefäße, die je nach Behandlung ganz unterschiedliche Qualitäten aufweisen konnten. Andreas Moritz hatten seinen Schülern die Vorzüge englischer Oberflächen nahegebracht, die besonders hervortraten, wenn das Silber ständig in Benutzung war. Oft habe ich von Wilfried gehört, dass das Handfett der beste Schutz vor dem Anlaufen sei, dann bleibe die Oberfläche schön seidig. Es sind dies für den Laien kaum bemerkbare Nuancen, die aber in der Summe die Besonderheit von Wilfrieds Gefäßen bestimmten.

Wilfried Moll war ein Künstler, der in die Schönheit der Dinge verliebt war und gerne darüber reflektierte. Er gehörte zu den wenigen Gold- und Silberschmieden seiner Generation, die sich zu ihrem Tun äußerten und dabei offensiv für das Handwerk warben. Handwerkliches Können war für ihn ein Kulturerbe, das nicht aufgegeben werden durfte. Und er war überzeugt, dass das Handwerk als „Baustein“ in einer zukünftigen Welt noch gebraucht würde. Dass unsere Gesellschaft dieses Erbe allmählich aufgibt und das Handwerk, speziell das Kunsthandwerk, marginalisier, bedauerte er; umso entschiedener setzte er dieser Entwicklung sein eigenes Werk entgegen.

Wilfried betonte, dass Schmieden für ihn keine Arbeit, sondern ein Privileg sei, weil er das Material so sehr liebe. Dann verspürte er den glücklichen, inspirierenden Moment, den wir Kairos nennen, in dem sich die Arbeit am Werkstück in Mediation verwandelt. Wenn Wilfried über den Schaffensprozess sprach, betonte er die Gleichwertigkeit von Kopf und Hand und brachte dies auf die Formel „Der Kopf lernt durch die Hände“. Er war überzeugt von der „Intelligenz der Hand“, die unter Ausschaltung des Intellekts genau weiß, was sie tut, weil sie durch lange Übung und Erfahrung ein Gefühl der Sicherheit besitzt. Richard Sennett hat in seinem Buch „Handwerk“ diese Erfahrung ausführlich dargestellt.

Zum Thema Hand muss ich noch eine Begebenheit erzählen. 1995 stellte ich dem Ankaufskommittee der Justus Brinckmann Gesellschaft eine 13 cm große Plastik eines gefalteten Händepaars, eine Arbeit des baskischen Bildhauers Eduardo Chillida, vor. Ich sagte, das Werke habe mich beim Anblick in meinem Herzen getroffen. Die Resonanz war, besonders bei einem Mitglied unserer Runde, eher ablehnend, zumal der Preis in Schweizer Franken für unsere Verhältnisse recht stattlich war. In diesem Moment griff Wilfried in die Debatte ein und sagte: „Meine Herren, wenn der Kustos der Moderne sagt, ein Werk habe ihn so stark ins Herz getroffen, ist das nicht ein Beweis für die Kraft des Kunstwerks? Schöner kann man die Qualität eines Werks doch gar nicht benennen.“ Das Eis war gebrochen, und das Werk wurde angekauft. Wilfrieds Leidenschaft hatte es gerettet.
Schließen möchte ich mit den Zeilen aus Dantes „Göttlicher Komödie“, die, wie Wilfried in seinem Brief vom 15. Januar 2003 erwähnte, aus dem fünften Gesang des Paradieses stammen. Dort sagt Beatrice: „Das herrlichste Geschenk in Gottes Schöpfung, das angemessenste für seine Güte, das reichste, das ER über alles schätzt, es war und ist der freie Wille, den ER allen vernünftigen Geschöpfen, und nur diesen, mitgegeben hat ins Dasein.“

Wilfried war für die Dichtkunst sehr empfänglich. Und stets hat er durch seine Äußerungen, durch sein Werk und seine Persönlichkeit, Kunst und Leben miteinander verbunden und uns, die wir ihn kannten, damit inspiriert. Dafür schulden wir ihm Dank und eine liebevolle Erinnerung.

Ich gestehe heute, dass ich im Moment meines Ankaufsvorschlags nicht wusste, dass Chillida sich seit 1948 mit dem Phänomen Hände beschäftigt hatte und den Zwischenraum zwischen ihnen in vielen Zeichnungen untersucht hatte. Meine Wahl für das Objekt war rein aus der Intuition entstanden, und auch Wilfried hatte ganz aus der Intuition argumentiert. Der Kraft eines Kunstwerks zu erliegen, das sprach ihn an.
Wilfried konnte mit kleinen Gesten sehr berührend sein, er war ein nobler Mensch. Wenn er vermocht hätte, seiner lieben Gerda und seiner Tochter Regina das Leid des heutigen Abschieds zu ersparen, ich bin sicher, er hätte es getan. Nun ist er von uns gegangen, uns bleiben viele Erinnerungen, und natürlich Wilfrieds Werke. Ich denke, sie sind alle auf ihre jeweils eigene Art und Weise perfekt.

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„Kunst Schaffen“ aller Sparten in Flensburg

Die Robbe & Berking Werft lädt zu einer ungewöhnlichen Ausstellung, an der auch neun Mitglieder der AdK Hamburg teilnehmen

Theater-Livestream, Konzert-Livestream, Poetry-Slam-Livestream. Oliver Berking, Gründer und Inhaber der Flensburger Robbe & Berking Werft, hatte genug von Kultur via Bildschirm. Im werfteigenen Museum eröffnet er heute Abend die Ausstellung „Kunst Schaffen 2020 – Begegnungen mit Kunst und Künstlern“ – unter ihnen neun Mitglieder der AdK Hamburg.

Keine Spur von Stillstand. Oliver Berking steht unter Strom, das merkt man beim ersten Satz unseres Telefonats. Die Zeit drängt, in wenigen Stunden wird er eine in mehrfacher Hinsicht ungewöhnliche Ausstellung eröffnen. In der Werfthalle warten bereits Künstler und Journalisten, Karin Prien, Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein hat die Schirmherrschaft übernommen, auch die Oberbürgermeisterin Simone Lange hat zugesagt. „Die Künstler sind ganz high“, sagt der Chef der international renommierten Flensburger Silbermanufaktur, der 2008 das Familienunternehmen mit dem Bau von klassisch-eleganten Holz-Yachten um ein neues Geschäftsfeld erweiterte. „Wir haben die Ausstellung wirklich aus dem Boden gestampft und sicher viele vergessen, aber es sollte schnell gehen und es wird bestimmt toll“.

Werftchef Oliver Berking

Bestimmt! Normalerweise haben Gruppenausstellungen diese Güte einen monatelangen, wenn nicht jahrelangen Vorlauf. Schließlich ist es auch ohne Corona ein logistischer Kraftakt, rund 60 Künstler*innen zusammenzubringen – im Gepäck ihre Werkbänke und Staffelleien, denn sie sollen in der Flensburger Werft nicht nur ausstellen, sondern wochenlang vor Ort arbeiten und verkaufen – auf 1800 Quadratmeter Ausstellungsfläche in einer riesigen gläsernen Halle. Andererseits: Eine solche Schau in gerade mal vier Wochen auf die Beine zu stellen, ist vielleicht nur in Corona-Zeiten möglich, in denen der „normale“ Ausstellungsbetrieb am Boden liegt, lang geplante Ausstellungen abgesagt wurden und viele Termin-Löcher klaffen. Denn eines ist klar, nach zwei Monaten „Corona-Winter“: Künstler wie Kunstkonsumenten „dürsten nach analogem Kulturgenuss“ (Karin Prien).

Foto Claudia Westhaus, Blick in die Ausstellung

Es war noch mitten im Lockdown, als sich Oliver Berking den Kopf darüber zerbrach, wie er Kunstschaffenden in der Krise helfen könnte. Nicht unter der Dusche, bei einer Fahrradtour kam ihm die Idee, so bald wie erlaubt eine „Initialveranstaltung“ in Sachen analoger Kunstgenuss zu starten. Als die ersten Lockerungen in Sicht waren, begann er „bei einem Kaffeetrinken“ mit Thomas Gädeke, dem früheren Direktor des Landesmuseums Schloss Gottorf, eine Liste von 60 Künstler*innen zusammenzustellen. Erklärtes Ziel: Die Auswahl soll das gesamte norddeutsche Kunstgeschehen präsentieren – alle Sparten, wohlgemerkt! So ist nun die angewandte Kunst in der Ausstellung ebenso stark vertreten, wie Bildhauerei, Malerei und Grafik. Und in allen Bereichen sind bekannte Namen dabei: Die Bildhauerin Almut Heer beispielsweise, ebenso die „Norddeutschen Realisten“, vertreten durch Johannes und Tobias Duwe, Erhard Göttlicher, Andre Krigar, Meike Lipp, Lars Möller und Nikolaus Störtenbecker.

Werke von Tobias Duwe, Andre Krigar, Nikolaus Störtenbecker, Johannes Duwe, Meike Lipp, Lars Möller, Almut Heer und Erhard Göttlicher v.l.o.n.r.u.

Unter den angewandten Künstler*innen fallen die Keramiker*innen Eva Koj, Inke und Uwe Lerch, ins Auge, der Holzgestalter Hubert Steffe aus Bremen, sowie neun Künstler*innen der Hamburger Arbeitsgemeinschaft Kunsthandwerk (AdK Hamburg).

Werke von Eva Koj, Hubert Steffe und Uwe und Inke Lerch v.l.o.n.r.u.

Hutmacher Peter de Vries ist dabei, Tischlerin Ragna Gutschow, sowie Svea Imholze, Ulla und Martin Kaufmann, Gerda und Wilfried Moll, Wolfgang Skoluda und Claudia Westhaus. Alle sieben sind Gold- und Silberschmiede-Meister*innen, also Vertreter jener Sparte, in der sich Oliver Berking bestens auskennt.

Für Wilfried Moll ist die Fahrt nach Flensburg übrigens etwas wie ein Heimspiel. Vor Jahren hat Moll für Robbe & Berking das vielfach ausgezeichnete Besteck „Alta“ entworfen, einen „Klassiker der Moderne“, der es sogar ins New Yorker Museum of Modern Art geschafft hat.

Werke von Gerda und Wilfried Moll, Claudia Westhaus, Peter de Vries, Svea Imholze, Ragna Gutschow, Martin und Ulla Kaufmann v.l.o.n.r.u.

Moll ist einer der ältesten Aussteller von „Kunst Schaffen“, doch Angst vor dem Virus braucht er nicht zu haben, denn das Hygienekonzept ist genaustens durchdacht: „Wir haben den Boden mit 1,50 mal 1,50 Meter großen Feldern abgeklebt, damit jeder Besucher ein Gefühl für den notwendigen Abstand bekommt“, sagt Berking. Wer keinen Mundschutz dabei hat, bekommt einen gestellt. Außerdem bekommt jeder Besucher ein Paar weiße Silberschmiede-Handschuhe. So können die Exponate in die Hand genommen werden, ohne dass das Objekt hinterher desinfiziert werden muss. Aber sicher werden die Besucher nicht alle Objekte wieder aus der Hand geben. Schließlich darf man sie auch käuflich erwerben.

„Kunst Schaffen“, 27. Mai – 21. Juni 2020, ROBBE & BERKING, YACHTING HERITAGE CENTRE, Harniskai 13/Ecke Am Industriehafen 5, 24937 Flensburg, Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11:00 – 18:00 Uhr, Montag (außer Pfingstmontag) geschlossen. Der Eintritt ist frei!

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