Nachruf auf Thomas Schleede

12. Dezember 1946 – 2. April 2019

Von Rüdiger Joppien

Bevor ich Anfang 1987 von Köln nach Hamburg an das Museum für Kunst und Gewerbe wechselte, gab mir mein Freund, der Goldschmied  Wilhelm T. Mattar, den Tipp mit auf den Weg: „Du musst gleich mal den Thomas Schleede kennen lernen, das ist ein guter Typ.“

Mattars Empfehlung war Gold wert, denn Thomas und ich wurden Freunde und blieben es für 32 Jahre, bis Thomas am 2. April 2019 nach langer, geduldig ertragener Krankheit verstarb.

Thomas war nicht nur ein Freund, sondern wurde auch für mich ein unentbehrlicher Berater in Sachen Goldschmiedekunst. Einige Jahre saßen wir nebeneinander im Vorstand der Justus Brinckmann Gesellschaft, der Freundesgesellschaft  des Museums für Kunst und Gewerbe, sowie im Kuratorium der Jahresmesse für Kunst und Handwerk. Thomas kannte sich aus, nicht nur in Fragen des Handwerks, sondern auch mit Menschen und in der Geschichte. Er wusste immer, was wo in Hamburg los war. Er las sehr viel, und ging ins Theater, in die Museen sowieso. Er war einer der offensten, interessiertesten Menschen, die ich in Hamburg kennenlernte. Neuen Ideen gegenüber war er stets aufgeschlossen, wenn sie gut begründet waren. An beruflichen Wettbewerben und Herausforderungen hat er gerne teilgenommen, wenn sich ihm die Chance bot, dabei etwas Neues auszuprobieren oder zu erfahren. Thomas war ein wissbegieriger Mensch mit großer Offenheit. Diese Eigenschaft versuchte er auch seinen Lehrlingen zu vermitteln. So erfuhr ich bald nach meiner Ankunft in Hamburg, dass Thomas mit den Lehrlingen gern zu Ausstellungen ins Museum für Kunst und Gewerbe kam, weil ihm Horizonterweiterung überaus wichtig war. Die dortigen kunst- und kulturhandwerklichen Ausstellungen waren für ihn ebenso interessant wie Ausstellungen zum Design. Für Thomas war es selbstverständlich, dass ein Goldschmied sich nicht nur in den Grenzen seines Handwerks auskannte, sondern auch in allgemeinen Themen der Kunst zu Hause war.

Diesen Anspruch hatte Thomas von seinem Vater, dem Gold- und Silberschmied Gustav Schleede, geerbt. Dieser hatte noch einer Handwerker-Generation angehört, in der Bildung nicht selbstverständlich geboten wurde, sondern  mühsam erkämpft werden musste. Gustav Schleede war mit dem Maler Franz Nölken bekannt gewesen, besaß ein Bild dieses Künstlers, das er Thomas vererbte. Gustav Schleede hatte sich 1924 selbständig gemacht und war bald ein bekannter Metallkünstler Hamburgs geworden, der sich auch bildhauerisch betätigte. Nach dem 2. Weltkrieg hatte er die Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks in Hamburg (die AdK Hamburg) mitbegründet; schließlich war er mehrere Jahre Obermeister der Gold- und Silberschmiede gewesen.

Der 1946 geborene Thomas – gegenüber dem elf Jahre älteren Bruder Jens ein Nachzügler –  hat dem Vater nachgeeifert und dessen Aufgeschlossenheit auch für sich nutzbar gemacht. Seine Goldschmiedelehre absolvierte er 1964-1967 bei Hans Kay in Blankenese, bevor er 1969-1970 als Geselle bei Thomas und Ilse Dawo in Düsseldorf arbeitete und 1971 seine Meisterprüfung ablegte.  1974 – 1976 besuchte er die Fachhochschule für Gestaltung in Pforzheim, wo er bei den Professoren Klaus Ullrich und Hans Baschang studierte. Als 1976 Vater Gustav Schleede starb, ging Thomas nach Hamburg zurück, um seiner Mutter beizustehen. 1979 wurde Thomas mit dem großen Preis der Justus Brinckmann Gesellschaft ausgezeichnet.

Thomas hatte bis dahin gute Ausbilder und Meister gehabt. Als er 1978 die Werkstatt des Vaters übernahm (die dieser 1924 gegründet hatte), war ihm klar, dass er etwas  von seiner Erfahrung an die nächste Generation weitergeben würde.

1997 veranstaltete das Museum für Kunst und Gewerbe eine Ausstellung von Thomas Schleede und seinen bisherigen Schülern (Andreas Gehring, Arnd K. Klosowski,  Annette Lowsky, Jochen Möller, Friederike Rohse, Winfried Sommer, Jan Wege etc.). Zurückhaltend, wie es Thomas‘ Art war, präsentierte er sich zwischen seinen Schülern  als primus inter pares. Der Katalog und die Ausstellung trugen einen von Benvenuto Cellini übernommenen Titel: „von jeglicher Art und Kunst, … Stücke in Gold und Silber herzustellen.“ Erst der Innentitel „Neun Gold- und Silberschmiede der Werkstatt Schleede“ verriet dem Leser und Besucher, um was es eigentlich ging.

Thomas war nicht nur ein höchst engagierter Lehrer, er war auch ein solidarischer Freund vieler Goldschmiedekollegen. Wenn das Museum für Kunst und Gewerbe Ausstellungen veranstaltete, z.B. Werke von Otto Baier, Rudolf Bott, Hermann Jünger, Horst Stauber  oder Gerd Rothmann zeigte, bot Thomas eine Schlaf- und Wohnunterkunft in seinem denkmalgeschützten, reetgedeckten Ständer-Haus in Billwerder an.

Andererseits: verreiste Thomas selbst, nach München zur Internationalen Handwerksmesse, nach Hochheim zur Galerie von Rosi Jäger, nach Nürnberg oder Pforzheim, so schlug ihm überall die gleiche Freundschaft entgegen. Stellten die Schüler in Galerien oder Museen aus, besuchte Thomas nicht selten ihre Ausstellungen und besah sich die Ergebnisse ihrer Arbeit. So und anders hielt er immer Kontakt mit ihnen.

Thomas war ein lebhafter Geist, der anderen gerne zur Seite stand und sie bei ihrem Fortkommen beriet. Als sein Schüler Jan Wege Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes wurde, nahm Thomas dies befriedigt zur Kenntnis. Den Weg des Silberschmiedens, den Jan Wege eingeschlagen hatte, wäre auch Thomas gerne noch intensiver gegangen; ihn reizte es, sich mit dem Gefäß auseinanderzusetzen. Mal schmiedete er einen Silberbecher, mal einen Leuchter oder eine Dose, Objekte, die er vorher genauestens auf ihre Machbarkeit und Funktionalität konzipierte. Dass eine handwerkliche Arbeit zuverlässig, gut durchdacht, nachhaltig produziert werden musste, gehörte für ihn zur DNA eines guten Handwerkers, für ihn gab es keinen wesentlichen Unterschied zwischen dem (Kunst-) Handwerker und dem Designer.  Entsprechende Gedanken förderte er in seinen Schülern. Was dazu führte, dass Jochen Möller Kerzenleuchter herstellte oder Arnd Kai Klosowski und Andreas Gehring sich dem Design von Armbanduhren widmeten. Thomas selbst hat für den Schweizer Hersteller Ventura einen  Kugelschreiber entworfen, der 1992 mit einem begehrten Design-Plus-Preis ausgezeichnet wurde.

Im März 1997 schrieb die Handwerks-Zeitung Nord-Handwerk anlässlich der Ausstellung der Werkstatt Schleede im Museum für Kunst und Gewerbe: „zum Silberschmied wird (in Hamburg) gar nicht mehr ausgebildet.“ Diese Aussage stimmte nur insofern, als es zu dem Zeitpunkt in Hamburg keine ausbildungsfähige, professionelle Silberschmiedewerkstatt mehr gab. Aber immerhin versuchte Thomas in seiner Werkstatt das Bewusstsein für das Silberschmieden noch aufrecht zu erhalten.

1990 übernahm Thomas als Nachfolger von Wilfried Moll für sechs Jahre den Vorsitz der Arbeitsgemeinschaft der Kunsthandwerker Hamburgs (AdK) und erarbeitete kurz darauf einen bemerkenswert umfassenden, durchgehend farbig illustrierten Katalog vom Schaffen Hamburger Kreativer und sorgte für Vor-und Geleitworte des Präses der Kulturbehörde, Ingo von Münch, bzw. des Direktors des Museums für Kunst und Gewerbe, Wilhelm Hornbostel.

Als 2002 das Museum für Kunst und Gewerbe sein 125jähriges Jubiläum feierte, ersannen Thomas und der Verfasser dieser Zeilen eine Jubiläumsedition unter der Schirmherrschaft der Justus Brinckmann Gesellschaft. Dreizehn angewandte Künstler, allesamt Mitglieder der Fördergesellschaft, schufen ausgesuchte Objekte, die zur Herstellung in limitierten Kleinserien bestimmt waren. In einer eigenen von Nils Jockel gestalteten Broschüre wurden sie in Text und Bild vorgestellt und zum Kauf angeboten. Jedes Objekt enthielt einen Hinweis auf das Museum.

Thomas war ein Freund der Gemeinschaft. Sein Naturell war den Menschen zugewandt, den Berufskollegen, den Schülern, aber auch den Kunden. Von seinem Vater hatte er am Winterhuder Marktplatz ein Goldschmiedegeschäft übernommen, das er bis 2012 führte, bevor sein Schüler Matthias Bendtfeld es von ihm übernahm. Unter der Woche wurde Thomas mehr als zwei Jahrzehnte lang von Jutta von Diepenbroich vertreten, samstags stand er selbst im Laden. Änderungen oder Reparaturen führte er in der hauseigenen Werkstatt aus. Dass Thomas seine Kunden gut beriet, sicherte ihm ein langjähriges Renommee, so dass das Geschäft von einer Generation zur nächsten empfohlen wurde. Auf den vorweihnachtlichen Jahresmessen im Museum für Kunst und Gewerbe ließ sich gut beobachten, wie zugewandt Thomas den Kunden gegenüber auftrat. Stets lagen Zeichenblock und Bleistift in Reichweite, um nach den Vorstellungen des Kunden erste Entwürfe zu skizzieren und mit diesem ein konstruktives Gespräch anzufangen. Jeder Kunde bekam so das Gefühl, es mit einem aufmerksamen, gewissenhaften Meister zu tun zu haben.

Hatte Thomas einen guten Messeabschluss gehabt, nutzte er die Gunst der Stunde zum Essen gehen. Da  er ungern allein war, konnte die von ihm eingeladene Gruppe mitunter über reichlich viele Personen verfügen. Cuneo auf St. Pauli war sein bevorzugtes Stammlokal, kleinere Trinkrunden ließen sich auch bei Nagel in der Kirchenallee durchführen. Seinen 70. Geburtstag feierte Thomas mit gewohnter Großzügigkeit bei Cuneo mit ca. 50 Personen. Dass Thomas sich mit gutem Essen und gutem Wein auskannte, erhöhte das Vergnügen.

Bei aller Neigung zu Geselligkeit hatte Thomas nach Kenntnis des Verfassers wenige Freunde, die ihm ganz persönlich nahestanden. Manfred Mahn war einer von ihnen (Max und Gustav, die Väter Manfreds und Thomas‘ waren schon eng befreundet gewesen). Ebenso der Goldschmied Andreas Killinger, den Thomas noch aus dem Studium in Pforzheim kannte und sein Mitbewohner am Billwerder Billdeich, Gerald Böhnel, mit dem Thomas jahrelang erlebnisreiche Radtouren unternahm; schließlich auch der Graphiker Hans Weckerle, dessen  Gestaltungsideen wesentlichen Anteil an der Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe 1997 hatten.

Die wohl allerwichtigsten Personen in Thomas‘ Leben waren  seine beiden Söhne Johannes und Martin, sowie seine beiden Ehefrauen, die gelernte Buchhändlerin Kristin (die tragischer Weise und gänzlich unerwartet 2008 verstarb) und die Goldschmiedin Sabine Klarner, mit der Thomas die letzten zehn Jahre glücklich verlebte. Dass Thomas seit mehreren Jahren das Damoklesschwert der Krankheit über sich spürte, machte ihre Liebe nur umso intensiver; Sabine und Thomas erlebten ihr Zusammensein als ein großes Geschenk, besonders nachdem Thomas sich aus dem Beruf weitgehend zurückgezogen hatte und seine Zeit intensiver einteilen konnte. Nach Thomas‘ Tod sagte Sabine: so einen wunderbaren Mann hätte sie auch für drei Monate geheiratet.

Thomas Schleede war ein „kompletter“ Mensch, wie es nur wenigen gegeben ist: Handwerklich geschult, belesen und gebildet, gemeinschaftlich denkend, liebevoll und aufmerksam, aber auch meinungsstark und richtungsweisend, wenn es ein musste. Und er war  ein treuer Freund für all denjenigen, die ihm nahestanden. Wir alle werden ihn sehr vermissen.

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Gehäkelte Nester und Blütengerippe – der ungewöhnliche Schmuck von Svea Imholze

Svea Imholze an ihrer Werkbank. © Fotos: Isabelle Hofmann

Abstrahierte Blüten, Kapseln und Knospen, Samen, Stempel und Stiele: Aus hauchfeinen Silberblechen und dünnen Drähten entwickelt Svea Imholze einen ebenso spröden wie faszinierenden Schmuck. Er wirkt zwar minimalistisch kühl konstruiert, ist aber eindeutig von der Natur inspiriert. Was Wunder: Die Liebe zu den Blumen wurde der 35jährigen Gold- und Silberschmiedin gleichsam in die Wiege gelegt – Svea Imholzes Mutter ist Floristin.

Ohrringe von Svea Imholze

Paul-Roosen-Straße 30. Eine illustre Adresse. Nur ein paar Schritte weiter befindet sich die Affenfaust Galerie, um die Ecke hat Glaskünstlerin Sybille Hohmann ihr Atelier und gar nicht weit ist die Werkstatt der Textilkünstlerin Ulrike Isensee zu finden. Seit Jahren schon wächst und gedeiht die Kunstszene in den kleinen Nebenstraßen rund um die Reeperbahn – und die Paul Roosen-Straße ist nun um eine Attraktion reicher: Im November 2018 eröffnete Svea Imholze gemeinsam mit Kathleen Hennemann ihr neues Atelier.

Schon von außen wirkt der Laden außerordentlich einladend. Die Fenster sind sparsam dekoriert, jedes Stück ist mit Bedacht platziert. Svea Imholze ist Perfektionistin, das spiegelt der minimalistisch eingerichtete Galerieraum auf Anhieb. Im hinteren Bereich sind zwei schöne Arbeitsplätze eingerichtet, im vorderen Bereich ziehen elegante Vitrinen aus Glas und geschwärztem Eisen die Blicke auf sich. Auch sie sind aus dem Hause Imholze. Sveas Bruder Jöran ist Metallgestalter und arbeitet in Berlin im Studio von Olafur Eliasson. (Eliasson gehört zu den international gefragtesten Künstlern der Gegenwart. Seine Großprojekte, wie die vier künstlichen Wasserfälle rund um die Südspitze Manhattans, haben weltweit für Furore gesorgt).

Svea Imholze vor den Vitrinen ihrers Bruders

Die Liebe zum Werkstoff Metall teilt Svea Imholze mit ihrem Bruder seit einem Praktikum bei Edda Sandstede in Oldenburg. Bei der Kunstschmiede-Meisterin baute sie nach dem Abitur ihre ersten Schmuckstücke, lernte, was für ausdrucksstarke, attraktive Ringe, Ketten oder Broschen aus unedlen Metallen, eigenen Legierungen und selbstgebranntem Glas entstehen können.

„Edda Sandstede war prägend für mich“, sagt die gebürtige Bremerin rückblickend. „Sie hat mich auf eine ganz unkonventionelle Art an die Schmuckgestaltung herangeführt und die Begeisterung für das Handwerk und die Auseinandersetzung mit dem Metall erweckt.“

Nach dem Praktikum stand dann auch der Berufswunsch fest. Svea Imholze schrieb sich an der Hochschule für angewandte Künste in Hildesheim ein, Studiengang Metallgestaltung. Dort wurden die unterschiedlichsten Materialstudien gemacht und dort hat sich auch ihre „Leidenschaft für das Experimentieren entwickelt“, nicht zuletzt durch Ihren Lehrer, Professor Georg Dobler, einem der bedeutendsten Schmuckkünstler der Gegenwart, dessen innovative Mischung aus Konstruktivismus und Naturalismus eine ganze Generation von SchmuckgestalterInnen beeinflusste. Doch unterm Strich war Hildesheim eher enttäuschend. Svea Imholze fühlte sich alleingelassen, kam nicht weiter mit ihren Experimenten, weil ihr fundamentale Grundlagen in der Metallverarbeitung fehlten. Also brach sie das Studium ab und ging 2005 zurück nach Bremen, zu Kerstin und Michael Falk in den Handwerkerhof der Böttcherstraße. Bei dem Goldschmiede-Ehepaar lernte Svea Imholze den Umgang mit dem Metall von der Pike auf, vor allem „das sehr präzise Arbeiten“.

Vier Jahre später hatte sie ihren Gesellenschein in der Tasche und technisch alles drauf, was man in Punkto Metall draufhaben muss. Anstellungen als Goldschmiedin in Hamburg und Bremen folgten, doch als Angestellte ließen sich eigene Vorstellungen kaum verwirklichen – und diesen Ehrgeiz hatte die junge Goldschmiedin unbedingt. Ein Leben lang Auftragsarbeiten? Konventionellen Schmuck? Unvorstellbar!

Imholzes Ziel war Autorenschmuck, Schmuck an der Schnittstelle von bildender Kunst und Kunsthandwerk, der von einer individuellen gestalterischen Handschrift geprägt ist. Also bewarb sie sich noch einmal an einer Hochschule, diesmal an der staatlichen Zeichenakademie in Hanau. Dort war es Thomas Dierks, der sie unterstützte und sie zu immer neuer Auseinandersetzung mit Materialien und Motiven herausforderte.

In Hanau machte Svea Imholze 2015 ihren Abschluss als Gold- und Silberschmiedemeisterin, sowie als staatlich geprüfte Produktdesignerin mit Schwerpunkt Schmuck, Gerät und Accessoire. Danach entschied sie sich für Hamburg als Lebensmittelpunkt, mietete ein kleines Hinterzimmer-Atelier in einer Boutique in der Marktstraße und bewarb sich 2017 um eine Mitgliedschaft in der AdK Hamburg. Mit ihren ungewöhnlich fragilen Objekten aus „schmuckfernen“ Materialien – gehäkelte Körper, aus dünnem Stahldraht, die an Nester erinnern. Ketten aus Baumwollfäden, Ohrringe, die Blütengerippen gleichen und intensiv farbigen Broschen aus Reparaturschaum und Edelstahlgittern – war es nicht schwer, die Jury von der künstlerischen Qualität ihrer Arbeiten zu überzeugen.

Mittlerweile, so erzählt Svea Imholze, habe der Reiz unedler Materialien etwas nachgelassen. „Zurzeit experimentiere ich mehr mit Formen und Oberflächen. Wobei ich die Silberbleche oft unscheinbar und unedel erscheinen lasse“.

Kette aus gehäkelten Nestern und Blütengerippen

In der Natur findet die junge Schmuckkünstlerin „ganz viele kleine Dinge, die mich inspirieren und die ich auch sammle“. So tauchen seit drei Jahren immer wieder abstrakte Blumenmotive in ihrer Kollektion auf. Ab und zu verarbeitetet sie ihre Fundstücke auch direkt. Eukalyptuskapseln beispielsweise, oder kleine Knochen und Korallenstücke: „ Was die Natur hervor bringt, begeistert mich unendlich. Das können noch so einfache Dinge sein. Bei mir erhalten alle Dinge ihre Wertschätzung“.

Zurzeit dominieren zwar die Blumenmotive, „aber wer weiß, was sich daraus noch entwickelt“, sagt Svea Imholze lächelnd. „Ideen für neue Serien sind immer da, deshalb bin ich manchmal auch etwas sprunghaft in meiner Arbeit. So gesehen wird es mir nie langweilig neue Dinge auszuprobieren aber auch die erlernten Techniken auszureifen und weiterzuentwickeln“.

Noch arbeitet die Gold- und Silberschmiedin weitgehend allein in ihrem Atelier, aber in Zukunft möchte sie auch Lehrlinge ausbilden: „Ich finde es sehr wichtig, handwerkliches Wissen weiterzugeben. Das Kunsthandwerk übermittelt Werte, die in unserer Gesellschaft nicht verloren gehen dürfen. Aber das Ausbilden ist auch eine große Herausforderung. Es braucht noch etwas Zeit, bis ich diese Verantwortung auf mich nehmen möchte.“

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Isgard Moje-Wohlgemuth – Ein Nachruf

Sie gehörte zu den bedeutendsten ihrer Zunft und war über Jahrzehnte der AdK Hamburg eng verbunden: Die Glaskünstlerin Isgard Moje-Wohlgemuth (1941-2018) starb, wie wir erst jetzt erfuhren, im Alter von 77 Jahren in diesem Herbst in den Vierlanden.

Ihre Gläser sind einfach unverwechselbar, zumal jene, die zu ihrem Markenzeichen wurden: Einfache, vergleichsweise dickwandige, kleine Zylinder, deren Oberflächen in allen Regenbogenfarben schillern und funkeln, von gelblich-grün über rot-orange bis hin zu tiefem blau und violett, manchmal mit Goldstreifen kontrastiert, aber auch ohne so kostbar in ihrer Anmutung, dass man sich kaum traut, die Pretiosen in die Hand zu nehmen.

Auf der Jahresmesse Kunst und Handwerk im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe leuchteten einem diese Gläser schon von weitem entgegen. Jahre, wenn nicht Jahrzehnte gehörte Isgard Moje-Wohlgemuth mit ihren wie Seide schimmernden Objekten zu den Highlights der Ausstellung für angewandte Kunst. Viele ältere AdK-Mitglieder werden sich gern an die sympathische Kollegin erinnern, die immer recht still und zurückhaltend war, aber überaus freundlich und zugewandt im persönlichen Gespräch.

Bereits als Kind, so erzählte sie einmal, hätte sie gewusst, dass sie schöne und kostbare Dinge herstellen wollte. Mit den eigenen Händen natürlich. Die Voraussetzungen dazu, Geduld und Durchhaltevermögen, gehörten zu den Tugenden des hochbegabten Mädchens.

Geboren im Zweiten Weltkrieg im ostpreußischen Gumbinnen und mit ihrer Familie auf der Flucht vor den Russen in den Westen verschlagen, begann Isgard Wohlgemuth mit 15 Jahren eine dreijährige Ausbildung an der Staatlichen Glasfachschule im hessischen Hadamar. Sie spezialisierte sich dort auf Glasmalerei und lernte wenig später ihren Mann Klaus Moje (1936-2016) kennen. Ihm folgte sie 1961 nach Hamburg, wo sie gemeinsam in St. Georg eine Glaswerkstatt aufbauten. Das war ziemlich mutig und ungewöhnlich zu jener Zeit, denn die Studioglas-Bewegung steckte damals noch in den Kinderschuhen und Glaskünstler, wie wir sie heute kennen, gab es noch nicht. Bis Anfang der 1960er Jahre galt Glas ausschließlich als industrieller Werkstoff, Entwurf und Herstellung waren strickt getrennt. Die Designer zeichneten am Reißbrett und schickten ihre Entwürfe in die Glashütten, wo sie von erfahrenen Glasmachern ausgeführt wurden. Auch Mojes arbeiteten anfangs für Manufakturen. Doch sie wollten mehr. Sie suchten den individuellen Ausdruck des Glases, die unverkennbare Handschrift des angewandten Künstlers und untermauerten ihre Position mit ihrem Eintritt in die AdK Hamburg.

Nach Geburt der beiden Kinder, Jonas Moje (1962), Möbel-Designer und seit 1992 ebenfalls AdK-Mitglied, sowie Mascha Moje, (1964), Schmuckkünstlerin in Melbourne, begann Isgard Moje- Wohlgemuth mit Metallsalz-Malerei auf Hohlgläsern zu experimentieren. Die Ergebnisse stellte sie erstmals 1967 bei der Jahresmesse Kunsthandwerk im Museum für Kunst und Gewerbe vor: Schlichte Zylinder, deren ungeheuer delikate, vielfarbige und ineinander übergehende Farbgebung an die Ringe des Saturns erinnern.

Der Erfolg war überwältigend! Innerhalb kürzester Zeit folgten internationale Ausstellungen, zahlreiche Preise und Ankäufe großer Museen. Wenige Jahre später war „Moje-Glas“ international ein Begriff. 1970 entstanden die ersten diamantgestippten Gläser, ein Jahr später der erste Glas-Schmuck in Verbindung mit Gold und Silber. Ende der 1970er Jahre folgten Gastdozenturen in den USA, den Niederlanden und Deutschland.

Doch der Erfolg forderte auch seinen Tribut: 1980 trennte sich das Ehepaar. Klaus Moje ging nach Australien, an die Canberra School of Art, wo er eine Klasse für Glaskunst aufbaute. Isgard Moje-Wohlgemuth fand ihr Glück auf dem Siedscheljer Hof im niedersächsischen Mayenburg, nördlich von Bremen. Ganz abgeschieden und umgeben von Feldern und Wiesen, lebte und arbeitete sie hier mit ihrem zweiten Mann, dem Gürtlermeister und Metallbildhauer Michael Harjes (1926-2006), mit dem sie regelmäßig zu Atelierausstellungen einlud.

Ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes, erkrankte auch die Glaskünstlerin so schwer, dass sie wieder nach Hamburg, in die Nähe ihres Sohnes zog. Doch bis dahin entwickelte sie in ihrer großzügigen Werkstatt, einem ehemaligen Schweinestall, immer neue Facetten der Glaskunst: Große, raumgreifende Objekte wie den würfelförmigen „Kimono“ (1987), auch humorvolle Glas-Plastiken, wie die „Heiligen Kühe“ (1993) und die „Komischen Vögel“ (in Zusammenarbeit mit dem Metallgestalter Reinhard Ose). Oder die an prähistorische Amulette erinnernden „Scheibenanhänger“ in Zusammenarbeit mit der Glashütte Fischer in Bramsche.

Doch wenn man an Isgard Moje-Wohlgemuth zurückdenkt, diese wunderbare Künstlerin, die so prägend in ihrem Metier war, dann kommen einem als erstes die kleinen, formal schlichten Becher in den Sinn. Diese hinreißenden irisierenden Objekte, aus denen man zwar trinken kann, die im Grunde aber doch nur ein Trägermaterial bilden – einen angenehm in den Händen liegenden Körper für ein stupendes Farbenspiel zwischen Abstraktion und Informel. Bezaubernd schön und von einzigartiger Qualität.

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Weihnachtszeit – Messezeit

Was, schon wieder Weihnachten? Jedes Jahr das gleiche Erstaunen, der innere Kalender will mit dem äußeren einfach nicht zusammenpassen. Doch wenn mit einem Schlag zahlreiche Ausstellungen der Kunsthandwerker/Innen eröffnen, wird es Zeit, sich auf den Advent einzustellen.

Das Angebot ist riesig, doch welche Messen und Märkte sind empfehlenswert? Die alten Hasen setzen da auf das Gütesiegel AdK. Wo Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks Hamburg ausstellen, ist das Niveau erfahrungsgemäß top. In der Hamburger Innenstadt sind das drei Orte: Die Messe Kunst und Handwerk im MKG am Steintorplatz (bis 9.12.); die Adventsmesse in der Koppel 66 (bis 23.12., jeweils Fr-So 11-19 Uhr) und die Ausstellung „Drei Monate Gestaltung außer der Reihe“, Lange Reihe 47 (bis 23.12. täglich 11-19 Uhr, danach bis 12.1.19, Di-Sa 12-19 Uhr).

Blick in die Galerie Lange Reihe 47 mit Keramiken von Jerry Johns

Die Messe im Museum für Kunst und Gewerbe, schräg gegenüber vom Hamburger Hauptbahnhof, ist traditionell der Platzhirsch. Gegründet von Justus Brinckmann 1879 zur Förderung junger Hamburger Talente und später als Leistungsschau angewandter KünstlerInnen aus Norddeutschland etabliert (plus Sonderausstellung aus einem Gastland), versteht sich die Messe seit 2012 als internationales Forum für aktuelle Entwicklungen. Junges Autoren-Design und Hochschul-Nachwuchs aus dem In- und Ausland rückte seitdem verstärkt in den Fokus. Das brachte in den vergangenen Jahre zwar erfrischende Impulse, bedeutete für etliche Lokalmatadore jedoch das Ende einer langen Tradition.

Seit 2017 zeichnet Caroline Schröder als neue Leiterin der Abteilung Kunst und Design für die Messe verantwortlich und sie ringt offenbar genauso sehr mit Platzproblemen wie ihre Vorgänger. Waren im vergangenen Jahr 67 Teilnehmer zu Gast im MKG, so sind es diesmal (nur) 51 Ausstellerinnen und Aussteller, die ihre hervorragenden Produkte in der ehemaligen Turnhalle und in der Belle Etage des Museums am Steintorplatz präsentieren.

Den renommierten Justus Brinckmann Preis erhielt in diesem Jahr die Weberin Anne Andersson.

Tischbänder von Anne Andersson

In der Begründung der zehnköpfigen Fachjury heißt es: „Das klare, puristische Design und die hohe handwerkliche Fertigkeit von Anne Andersson begeisterten die Jury. Alltägliche, jedem vertraute Objekte wie zum Beispiel Hand- und Geschirrtücher überzeugen durch gute Gestaltung, hochwertige Haptik und schöne Farben. Auf den ersten Blick zurückhaltend sind die aus Leinen-Baumwoll-Mischungen gefertigten Textilien eine gelungene Verbindung von modernen und klassischen Webtechniken und zelebrieren das traditionelle Handwerk“.

JBG Vorsitzende Antonia Aschendorf mit Preisträgerin Anne Andersson

Mit Anne Andersson ist zum zweiten Mal hintereinander ein Mitglied der Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks Hamburg (AdK) ausgezeichnet worden. Überhaupt sind erfreulich viele AdK-Mitglieder (und Ex-AdK-Mitglieder) in diesem Jahr dabei. So zeigen im Bereich Textil Anne Andersson, Ulrike Isensee und Katja Stelz grafisch extravagante Tücher, Decken und Schalobjekte. Natürlich ist auch der Weber Andreas Möller dabei, der 2017 den Justus Brickmann Preis erhielt und diesmal in der Jury saß. Möller stellt übrigens erstmals gemeinsam mit seiner Frau Natalia aus. Hendrike Farenholtz und Ragna Gutschow sind mit ihren hervorragenden Möbeln immer ein Highlight der Messe, ebenso Hutmacher Peter de Vries und Kira Kotliar, deren bezaubernde Pappmaché-Figuren jeder Messe etwas Märchenhaftes verleihen. Im Bereich Schmuck und Silber glänzen die Arbeiten von Claudia Christl, Babette von Dohnanyi, Ulla und Martin Kaufmann, Claudia Westhaus und Großmeister Wolfgang Skoluda, dem die Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek München im kommenden Frühjahr eine große Sonderausstellung widmet.

Neuentdeckungen auf der MKG-Messe 2018: Corinna Petra Friedrich und Susann Sting, zwei hochinteressante Keramikerinnen, die mit grafischen Elementen und der bewussten Brechung von Perfektion experimentieren. Der Bremer Joachim Manz, dessen Lampenobjekte und Kleinmöbel zwischen Design und Skulptur oszillieren, sowie Alena Willroth mit Schmuck aus Polyethylen-Folie und die junge AdK-Künstlerin Svea Imholze, die mit dünnen Blechen und Drähten vegetativ anmutende Schmuckkörper konstruiert.

Oft ähnlich hochwertig, aber meist nicht ganz so hochpreisig, präsentiert sich die angewandte Kunst wenige Schritte weiter in Richtung Alster. Unter den zahlreichen Ausstellern aus dem In- und Ausland im Haus des Kunsthandwerks (Koppel 66) sind etliche AdK-Mitglieder und erfreuen mit Dingen, die den Alltag verschönern. Die edlen Hüte von Silvia Bundschuh beispielsweise oder die Aquarelle und kleinen Keramiken von Daniel Vogler. Gunter König, der seine formschönen Möbel bislang im MKG präsentierte, ist dieses Jahr ebenfalls in der Koppel zu Gast, genau wie die beiden Schmuckgestalterinnen Ilka Bruse und Anke Gralfs.

goldene Ohrringe mit Porzellan von Marjon Reinsberger

Gleich nebenan, in der Langen Reihe 47, verwandelt sich eine Eisdiele seit nunmehr 13 Jahren während der Wintermonate in einen Showroom der Extraklasse. Hier zeigen rund 20 KunsthandwerkerIinnen ausgewählte Arbeiten, unter ihnen Ula Dahm (Seidenschmuck), Anna-Karin Garbe (Filz-Taschen) Jerry Johns (Keramik), und Hermann Savary (Holzschalen und -Stifte), die sich wunderbar auch als kleine Geschenke und Mitbringsel eignen. Gleich eingangs fallen die bezaubernd-verspielten Anhänger von Marjon Reinsberger aus Edelsteinen, Porzellan und Perlen ins Auge, das fröhliche Bestiarium der Keramikerin Cornelia Woitun und der hinreißende Papierschmuck von Andrea Meyer – eine Entdeckung für alle, die ihn noch nicht kennen. Eigens zum Weihnachtsfest kreierte die Buchbinderin aus Schleswig-Holstein zarte Himmelsboten, deren Flügel handgeschnittene Klöppelspitzen-Muster zieren: „Spitzenengel“ in jeder Hinsicht.

Spitzenengel von Andrea Meyer

 

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