Die innere Stimme wies ihr den Weg zu Poesie und Anmut

Ein Nachruf auf die Goldschmiedin Vera von Claer (1922-2019)

Von Rüdiger Joppien

Vera Marie von Claer hat in ihrem Leben als Goldschmiedin vieles, vielleicht alles erreicht, was in ihrem Beruf zu erreichen war. Sie hat über 75 Jahre lang erfolgreich gearbeitet, auf der Mailänder Triennale wie auf der Brüsseler Weltausstellung 1958 international ausgestellt, Preise und Auszeichnungen wie den Bayerischen Staatspreis und den Preis des deutschen Kunsthandwerks erhalten; ihre Arbeiten wurden von Museen angekauft und gingen in zahllose Privatsammlungen ein. Nun ist Vera von Claer am 9. Mai 2019 nach einem erfüllten Leben in Hamburg im 97sten Lebensjahr verstorben.

Vera von Claer wurde 1922 als Vera Marie Crodel in Jena geboren, beide Eltern waren Maler. Ihr Vater, Charles Crodel, war Professor für Malerei an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle/S. und wurde 1933 von den Nationalsozialisten entlassen. Er hat seiner Tochter frühzeitig den Weg in die Kunst gewiesen, indem er zum Beispiel dafür sorgte, dass sie die Emaille-Klasse an der Burg unter Leitung von Lili Schultz besuchen konnte. Ohne ein Studium im Gold- und Silberschmieden aufgenommen zu haben, legte die junge Kunsthandwerkerin 1950 ihre Meisterprüfung im Emaillieren ab. Ihre Fähigkeit auf diesem Gebiet war schon frühzeitig aufgefallen, denn bereits 1942 hatte die Kunsthalle Mannheim unter ihrem Direktor Walter Passarge von der jungen Künstlerin ein emailliertes Kästchen angekauft. Emaillieren wurde zu Veras Paradedisziplin, Drahtemaille war ihr ebenso geläufig wie Grubenschmelz oder émaille de plique à jour. Sie übte dieses Handwerk mit so großer Perfektion aus, dass sie, nachdem sie 1953 mit ihrer Familie von Halle nach Hamburg übergesiedelt war, Aufträge für den Hamburger Juwelier Ferdinand Richard Wilm ausführen konnte.

Eine andere Inspiration auf dem Weg zur Gold- und Silberschmiedin war für Vera von Claer die Freundschaft mit der eine Generation älteren Hildegard Risch, die ebenfalls an der Burg studiert hatte und seitdem auf Eisenschmuck spezialisiert war. Ihre Faszination für Eisen übertrug die Risch, wie sie allgemein genannt wurde, auf ihre junge Kollegin. Erste Arbeiten in diesem Material schuf Vera 1946, indem sie ein altes Offenrohr zersägte und aus den ausgeschnittenen Blechstreifen einen Anhänger und eine Brosche fertigte: Jahrzehnte später sollten die Arbeiten als „Schmuck aus Notzeiten“ bekannt werden.

Ähnlich wie Hildegard Risch einmal bekundete, dass sie im Studium bestimmte Dinge, wie zum Beispiel das Anfertigen von Schlössern, nie gelernt habe, betonte Vera von Claer, dass sie ohne zünftige Ausbildung im Gold- und Silberschmieden bei handwerklichen Herausforderungen ein Leben lang nach Ersatzlösungen gesucht habe. Offenbar waren es dieses Defizit und die Materialarmut der vierziger Jahre, die ihren Einfallsreichtum schulten, ihre Schmuckstücke immer wieder ökonomisch anzugehen. Edelsteine, die sie hätte fassen müssen, standen nach dem Zweiten Weltkrieg in der sowjetisch besetzten Zone nicht zur Verfügung, so kompensierte Vera diesen Mangel mit farbigem Emaille. Bald kam es auch bei Colliers zu vermehrtem Einsatz von Eisendraht und Eisenblech. Eisendraht ließ sich zu Ösen verarbeiten, flechten oder zu Schlaufen biegen; in Verbindung mit gestifteten angehängten Perlen sahen die daraus gefertigten, schwarzen Schmuckstücke überaus nobel aus.

Auch in Hamburg führte Vera von Claer sich mit Eisenschmuck ein. Besucher der Jahresmesse des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg, auf der Vera von Claer von 1954 bis 1976 ausstellte, waren sicherlich nicht wenig überrascht, neben fein emaillierten Colliers, Broschen, Ketten, Armbändern und Broschen immer wieder auch Schmuckstücke aus geschwärztem Eisen zu sehen, in die die Künstlerin neben Perlchen und Korallen auch kleine goldene Partikel setzte. Damit demonstrierte sie quasi zwei Stile: auf der einen Seite die sorgfältige, zeitintensive Emaille-Arbeit, auf der anderen den phantasievollen Umgang mit dem filigran verarbeiteten, schwarzen Eisen. Vera von Claer mag diesen Wechsel in Zeiten großer Anspannung als kreative Abwechslung empfunden haben.

Vera von Claer war es gegeben, mit scheinbar geringem handwerklichem Aufwand, ein Schmuckstück zu „zaubern“. Glücklich war sie, wenn sie ohne Lötung auskam, wenn sie ihre Werkstücke schmieden, falten, stecken, stricken oder in ornamentale Muster biegen konnte. Einem Halsschmuck aus Silberösen aus der Zeit um 1950 gab sie das Aussehen eines Netzes, in dem sich kleine goldene Fische und eine Muschel verfangen hatten. Für ein Collier, das 10 Jahre später entstand und vom Museum für Kunst und Gewerbe erworben wurde, faltete sie 11 gleichlange, schmale Blechstreifen zu Zickzackbändern, die mittels kleiner goldener Verbindungselemente und einer Perle einen Halsreif bildeten. Vera von Claer konnte gegenständlich wie abstrakt arbeiten, mal besaßen ihre Schmuckstücke eine Anmutung des Kostbaren, ein anderes Mal erweckte das Material die Assoziation von Arte Povera. Zu Vera von Claers überraschend modernen Arbeiten aus Eisen gehörten auch Colliers, die aus scheinbar ungeordneten Drahtschlaufen bestanden und den Eindruck von Punkschmuck erweckten. Vera von Claer nahm sich immer wieder die Freiheit, zu experimentieren und so zu probieren, wie es ihr Spaß machte.

In den späten 70er, 80er und 90er Jahren wandte Vera von Claer sich einer neuen Ausdrucksform von Schmuck zu, indem sie aus Gold und buntem Emaille, unter Zuhilfenahme von Perlen und Edelsteinen, naturalistisch nachempfundene Insekten, Käfer, Schmetterlinge oder Libellen schuf. Diese erinnerten einerseits an kostbaren Gewandschmuck der Renaissance, andererseits an Preziosen des Jugendstils im Stil eines Carl Fabergé. Auslöser für den Schmuck war ein Gestaltungswettbewerb der Gesellschaft für Goldschmiedekunst „Schmuck aus 10 Gramm Gold“ im Jahr 1976 gewesen, der die Kreativität der Goldschmiedin, mit einem Minimum an Material zu arbeiten, herausfordert hatte.

Um diese Zeit hatte sich Vera von Claer weitgehend vom Ausstellungsbetrieb zurückgezogen, ihre neuen Werke schuf sie mehrheitlich zur eigenen Freude. Als das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe 1997 und die Staatliche Galerie Moritzburg Halle von ihr eine Werkschau aus 50 Schaffensjahren veranstaltete, konnte dieses kostbare Bestiarium erstmals umfangreich vorgestellt werden.

Die Ausstellung fand anlässlich des 75. Geburtstages der Künstlerin statt, sie hätte als Abschluss ihres Lebenswerks und als Rückzug aus dem Berufsleben interpretiert werden können. Doch das war nicht der Fall. Vera von Claer hatte seit den 80er Jahren mit der jungen Goldschmiedekollegin Verena Berger eine Werkstattgemeinschaft geführt und aus der Zusammenarbeit so viel neue Inspiration gewonnen, dass ihr das Schmuckschaffen auch weiterhin Freude machte. Die Wiedervereinigung Deutschlands im Jahr 1989 führte dazu, dass Vera von Claer, wie schon 1947, wieder auf der Leipziger Grassi-Messe ausstellte. Einige Jahre später bewarb sie sich erfolgreich auf der vorweihnachtlichen Zeughaus-Messe im Deutschen Historischen Museum in Berlin und wurde auch dort mehrere Jahre lang eine beliebte Ausstellerin. Mit Verena Berger an ihrer Seite mutete sie sich alle Strapazen zu und genoss es, für ein paar Tage wieder im Mittelpunkt des Ausstellungsgeschehens zu stehen und Gespräche mit dem Publikum zu führen. Dass Werke, die sie selbst im hohen Alter noch realisieren konnte, nach wie vor Anklang fanden und gekauft wurden, erfüllte sie mit Stolz; solche Tage waren für sie ein Elixier des Weiterschaffens. Das Spätwerk war genau so ungewöhnlich und modern wie die Arbeiten früherer Jahre.

Auf die Ausstellungen in Hamburg und Halle 1997 folgte 1999 eine Einzelausstellung im Deutschen Goldschmiedehaus in Hanau. Im Oktober 2008 hatte die Architektur- und Kunstzeitschrift AD (Architectural Digest) das Werk von Vera von Claer in seine Ranking-Liste „Best of Germany. 101 deutsche Glanzlichter“ aufgenommen, und 2013 publizierte das Kunstmagazin Weltkunst einen Essay über ihre Eisenarbeiten. Und vor drei Jahren, 2016, fand im Kunstverein Coburg noch einmal eine letzte große Retrospektive statt.

Eine Würdigung Vera von Claers wäre unvollständig ohne die Erwähnung ihrer Qualitäten als Jurorin, Restauratorin und Kennerin der Schmuckgeschichte. Durch ihren Vater, den Maler Charles Crodel, war Vera von Claer seit Kindesbeinen mit der Welt der Antike vertraut. Für eine Künstlerin ihrer Generation bot die antike Schmuckkunst noch immer wichtige Anregungen. Als 1968 der Kustos der Antikenabteilung im Museum für Kunst und Gewerbe, Herbert Hoffmann, unter dem Titel Antiker Gold- und Silberschmuck einen Bestandskatalog der Hamburger Sammlung, einen der ersten Bestandskataloge für antiken Schmuck in Deutschland überhaupt, veröffentlichte, war Vera von Claer beteiligt. Im Untertitel führte die Publikation den Hinweis: „Katalog mit Untersuchung der Objekte auf technischer Grundlage“, und diese Untersuchung stammte von ihr. Antiker Schmuck wurde auf handwerklicher Ebene nicht nur verständlich erklärt, wichtig war auch die Analyse der Arbeitsweise antiker Goldschmiede, um daraus Erkenntnisse über die Echtheit der Stücke zu gewinnen.

Im Restaurierungsfach trat Vera von Claer hervor, als sie 1981 die sog. Bergkanne der Stadt Goslar, eine Nürnberger Arbeit der Spätgotik, restaurierte.

Vera von Claer war, obgleich sie nach eigenem Bekunden nie als Goldschmiedin ausgebildet worden war, eine erfahrene Autorin moderner Schmuckkunst. Was sie brauchte, hatte sie sich im Laufe ihres beruflichen Lebens angeeignet. Ihre Werke zeichneten sich immer wieder durch besondere Einfälle und rationelle ökonomische Verarbeitung des Materials aus. Mit ihrer unkonventionellen Art und Weise, Schmuck zu machen, wäre sie für jede Akademie mit einer Schmuckklasse ein Gewinn gewesen. Doch hat sie nie ein Lehrauftrag erreicht. Was hätten Studenten von ihrem Verständnis für Schmuck, seine Geschichte, seine handwerklichen Ausführungen lernen können! Das deutsche Bildungssystem ließ diese Möglichkeit offenbar nicht zu.

Vera von Claer gehörte einer Generation an, die Respekt hatte vor den künstlerischen Errungenschaften der Vergangenheit und lebenslang bemüht war, zu lernen und das eigene Werk zu verbessern. Auch besaß diese Generation keine Starallüren. Wie viele andere Kunsthandwerker ihrer Generation war sie überzeugt, dass es ich nicht schickte, sich selbst allzu wichtig zu nehmen. Sie stellte sich ganz hinter ihre Werke zurück und pflegte das Understatement. Auch glaubte sie an die Solidarität innerhalb ihres Berufsstandes: Vera von Claer war seit Jahrzehnten Mitglied im Deutschen Werkbund, in der Gesellschaft für Goldschmiedekunst und in der Hamburger Sektion der Arbeitsgemeinschaft des deutschen Kunsthandwerks (AdK).

Vera von Claer verfügte über eine heitere Ausgeglichenheit, Pathos war ihr fremd. Näher lag ihr ein leicht spöttisches Reflektieren über menschliche Torheiten, dabei konnte sie wunderbar kokett sein. Dabei wandte sie sich wieder ihrer Arbeit zu. Denn das Arbeiten machte sie glücklich, sie genoss es als Privileg bis ins hohe Alter. Sie beugte sich weder Kundenwünschen noch einem Modediktat. Ihre innere Stimme wies ihr den Weg zu Poesie und Anmut. Schönheit war ihr ein Bedürfnis.

Mit ihrem Schmuck hat Vera von Claer drei Generationen angesprochen. Nun ist ihre Stimme verstummt und ihre Hände ruhen. Wir werden uns ihrer in Hochachtung erinnern und ihr Werk in Ehren halten.

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Tierisch gut!

Die Ausstellung „Holz bewegt“ im Museum der Arbeit öffnet sich auch ganz jungen Baumeistern

Die Baumhäuser des Naturkinderladens Pinocchio erhielten den Umweltpreis 2019

„Kommt vorbei, fasst an, probiert aus, riecht, hört und staunt“ – das werden sich die Besucher der „Tage des Holzes“ am kommenden Wochenende nicht zweimal sagen lassen. Zum sechsten Mal zeigt „Holz bewegt“, der Norddeutsche Nachwuchswettbewerb des holzverarbeitenden Handwerks im Museum der Arbeit, was man mit Holz alles machen kann. Das geht weit über das Tischler- Design hinaus, denn der Schwerpunkt liegt diesmal auf Objekten, die „Sinn und Sinne“ anregen.

Johannes Jürgensen, Initiator von „Holz bewegt“, erklärt bei einer exklusiven Führung AdK-Mitgliedern die Bedeutung von „Sleipnir“ aus Schiffdorf

Sleipnir ist zweifellos der Star der diesjährigen Ausstellung. Benannt nach dem sagenhaften Ross des nordischen Göttervaters Odin, steht das lebensgroße Pferd nach Driftwood-Art (also Treibholz) für ein vereintes Europa. Die Schüler*innen im Berufsvorbereitungsjahr Holz/Agrar der May-Eyth-Schule in Schiffdorf bei Bremerhaven wollten mit ihrem Werk ein starkes pro-europäisches Zeichen setzen und das ist ihnen auch gelungen. Sleipnir hat zwar nur vier Beine und nicht acht wie sein mythologisches Vorbild, doch es wurde in Dänemark von Schüler*innen aus acht weiteren Ländern gemeinsam zusammengebaut. Dafür gab es den Sonderpreis „Sinn & Sinne“ 2019.

„Tierisch gut“, dieses Prädikat können auch die Siebt- und Neunklässler*innen der Ida-Ehre-Schule, Hamburg, für sich verbuchen. Pfiffig wie die Kids und ihre Kunsterzieherin sind, haben sie auf der Homepage von „Holz bewegt“ entdeckt, dass es für den Nachwuchswettbewerb, der sich explizit an Auszubildende, Studierende, Gesell*innen und Meister*innen von holzverarbeitenden Gewerken richtet, zwar die Obergrenze von 35 Jahren gibt, aber keine Untergrenze. Mit ihren „Insekten“ aus Holz, übergroßen Käfern, Grashüpfern, Libellen und Schmetterlingen, die auf das Aussterben ihrer Art aufmerksam machen sollen, haben die Schüler*innen der Hamburger „Klimaschule“ die strenge „Holz bewegt“-Jury um Initiator Johannes Jürgensen überzeugt. Den Umweltpreis 2019 holten jedoch noch jüngere Teilnehmer, die ebenfalls entdeckt hatten, dass bei dem Nachwuchswettbewerb die Untergrenze fehlt: Der Hamburger Naturkinderladen Pinocchio unter der Leitung von Stefan Orth stellt seine Miniatur-Baumhäuser namens „TipiTopis“ im Barmbeker Museum vor, die ihren Titel wirklich zurecht tragen: Diese nachhaltigen Spielzeuge sind bezaubernd – einfach tipptopp!

Übergroße Holzinsekten der Schüler*innen der Ida-Ehre-Schule Hamburg

Kein Zweifel: „Holz bewegt“ ist insgesamt spielerischer geworden, das zeigt auch der Innovationspreis für das Surfboard „Treibholz“ von Bootsbaulehrling Henri Jesper Petterson oder das Holztrike „Schrödinger TR1“, das holzbasierte Liegefahrrad auf drei Rädern des Lübecker Fahrradbauers Kilian Kreuzinger.

Johannes Jürgensen demonstriert das Holztrike „Schrödinger TR1“ aus Lübeck …

Aber natürlich sind auch diesmal wieder hervorragendes Design und handwerkliche Meisterwerke zu entdecken: Allen voran der „Hocker“ von Jasper Kreft aus Oldenburg, der den Designpreis 2019 erhielt. Oder „Spin It“, der runde Phonotisch, mit dem Patrick Opitz aus Ostholstein seinen Meister machte. Er wird alle Fans der guten alten Schallplatte erfreuen, die mit ihren 33 1/3 Umdrehungen pro Minute der musikalische Gegenentwurf zu einer Welt ist, die sich immer schneller dreht. Entsprechend „Retro“ kommt auch der attraktive Phonotisch aus Kirschbaum-Vollholz/ -Funier und schwarz verzinktem Messing daher – er scheint geradewegs den 1950er Jahren entsprungen zu sein.

Klasse auch das Weinkarussel „Dolio“ (André Stenkolk, Mauritz Lilischkis und Michael Dierkes, Fachschule Holztechnik Hamburg) und die in Sachen „Innovative Furnieranwendung“ ausgezeichnete Schaukelliege Lia von Tobias Schauhoff aus Kiel.

… sowie die ausgezeichnete Anrichte „Firmament“ des Hamburger Tischlermeisters Tim Jessen © alle Fotos von Isabelle Hofmann

Unübertroffen in Punkto „Sinn und Sinne“ jedoch ist das mit dem Sonderpreis für Produktqualität geehrte Meisterstück des Hamburgers Tim Jessen, eine japanisch anmutende Anrichte mit dem schönen Titel „Firmament“. Der Name spielt an auf das filigran gearbeitete Sprossen-Ornament der Drehtüren, das hinterrücks mit Reispapier bespannt ist und sich somit als filigranes Sternenmuster abhebt. Doch Vorsicht: Ein Stich mit Gabel, Schere oder Messer und das Ornament (und damit auch die Tür) hat ein Loch – also nichts für Familien mit kleinen Kindern. Wesentlich robuster ist da schon das Wandmöbel „Lingo“, ebenfalls ein Meisterstück aus Hamburg. Auf den ersten Blick schaut das Möbel eher aus wie ein Stück Baumstamm, halbiert und an die Wand genagelt. Das ist es auch – nur dass Tobias Steinhagen den Baumstamm von innen ausgehöhlt und mit einer raffinierten seitlichen Schublade versehen hat. „Warum den Rohstoff Holz in seiner natürlichsten Form verändern?, dachte sich der junge Tischlermeister. Er wolle eine „harmonische Verbindung von Wohn- und Lebensraum schaffen: Das Unterbewusstsein anregen, die Natur wieder bewusster wahrzunehmen“. So einfach – und so gut!

„Holz bewegt“, bis 13. Mai 2019 im Museum der Arbeit, Wiesendamm 3, 22305 Hamburg. Mo 10-21 Uhr, Di geschlossen, Mi-Fr 10 – 17 Uhr, Sa/So 10-18 Uhr
8,50 Euro, erm. 5 Euro Eintritt. Bis 18 Jahren frei.

„Tage des Holzes“, 26. Und 27. April 10-19 Uhr, Eintritt frei. Es erwarten Sie Vorführungen und Workshops.

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Nachruf auf Thomas Schleede

12. Dezember 1946 – 2. April 2019

Von Rüdiger Joppien

Bevor ich Anfang 1987 von Köln nach Hamburg an das Museum für Kunst und Gewerbe wechselte, gab mir mein Freund, der Goldschmied  Wilhelm T. Mattar, den Tipp mit auf den Weg: „Du musst gleich mal den Thomas Schleede kennen lernen, das ist ein guter Typ.“

Mattars Empfehlung war Gold wert, denn Thomas und ich wurden Freunde und blieben es für 32 Jahre, bis Thomas am 2. April 2019 nach langer, geduldig ertragener Krankheit verstarb.

Thomas war nicht nur ein Freund, sondern wurde auch für mich ein unentbehrlicher Berater in Sachen Goldschmiedekunst. Einige Jahre saßen wir nebeneinander im Vorstand der Justus Brinckmann Gesellschaft, der Freundesgesellschaft  des Museums für Kunst und Gewerbe, sowie im Kuratorium der Jahresmesse für Kunst und Handwerk. Thomas kannte sich aus, nicht nur in Fragen des Handwerks, sondern auch mit Menschen und in der Geschichte. Er wusste immer, was wo in Hamburg los war. Er las sehr viel, und ging ins Theater, in die Museen sowieso. Er war einer der offensten, interessiertesten Menschen, die ich in Hamburg kennenlernte. Neuen Ideen gegenüber war er stets aufgeschlossen, wenn sie gut begründet waren. An beruflichen Wettbewerben und Herausforderungen hat er gerne teilgenommen, wenn sich ihm die Chance bot, dabei etwas Neues auszuprobieren oder zu erfahren. Thomas war ein wissbegieriger Mensch mit großer Offenheit. Diese Eigenschaft versuchte er auch seinen Lehrlingen zu vermitteln. So erfuhr ich bald nach meiner Ankunft in Hamburg, dass Thomas mit den Lehrlingen gern zu Ausstellungen ins Museum für Kunst und Gewerbe kam, weil ihm Horizonterweiterung überaus wichtig war. Die dortigen kunst- und kulturhandwerklichen Ausstellungen waren für ihn ebenso interessant wie Ausstellungen zum Design. Für Thomas war es selbstverständlich, dass ein Goldschmied sich nicht nur in den Grenzen seines Handwerks auskannte, sondern auch in allgemeinen Themen der Kunst zu Hause war.

Diesen Anspruch hatte Thomas von seinem Vater, dem Gold- und Silberschmied Gustav Schleede, geerbt. Dieser hatte noch einer Handwerker-Generation angehört, in der Bildung nicht selbstverständlich geboten wurde, sondern  mühsam erkämpft werden musste. Gustav Schleede war mit dem Maler Franz Nölken bekannt gewesen, besaß ein Bild dieses Künstlers, das er Thomas vererbte. Gustav Schleede hatte sich 1924 selbständig gemacht und war bald ein bekannter Metallkünstler Hamburgs geworden, der sich auch bildhauerisch betätigte. Nach dem 2. Weltkrieg hatte er die Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks in Hamburg (die AdK Hamburg) mitbegründet; schließlich war er mehrere Jahre Obermeister der Gold- und Silberschmiede gewesen.

Der 1946 geborene Thomas – gegenüber dem elf Jahre älteren Bruder Jens ein Nachzügler –  hat dem Vater nachgeeifert und dessen Aufgeschlossenheit auch für sich nutzbar gemacht. Seine Goldschmiedelehre absolvierte er 1964-1967 bei Hans Kay in Blankenese, bevor er 1969-1970 als Geselle bei Thomas und Ilse Dawo in Düsseldorf arbeitete und 1971 seine Meisterprüfung ablegte.  1974 – 1976 besuchte er die Fachhochschule für Gestaltung in Pforzheim, wo er bei den Professoren Klaus Ullrich und Hans Baschang studierte. Als 1976 Vater Gustav Schleede starb, ging Thomas nach Hamburg zurück, um seiner Mutter beizustehen. 1979 wurde Thomas mit dem großen Preis der Justus Brinckmann Gesellschaft ausgezeichnet.

Thomas hatte bis dahin gute Ausbilder und Meister gehabt. Als er 1978 die Werkstatt des Vaters übernahm (die dieser 1924 gegründet hatte), war ihm klar, dass er etwas  von seiner Erfahrung an die nächste Generation weitergeben würde.

1997 veranstaltete das Museum für Kunst und Gewerbe eine Ausstellung von Thomas Schleede und seinen bisherigen Schülern (Andreas Gehring, Arnd K. Klosowski,  Annette Lowsky, Jochen Möller, Friederike Rohse, Winfried Sommer, Jan Wege etc.). Zurückhaltend, wie es Thomas‘ Art war, präsentierte er sich zwischen seinen Schülern  als primus inter pares. Der Katalog und die Ausstellung trugen einen von Benvenuto Cellini übernommenen Titel: „von jeglicher Art und Kunst, … Stücke in Gold und Silber herzustellen.“ Erst der Innentitel „Neun Gold- und Silberschmiede der Werkstatt Schleede“ verriet dem Leser und Besucher, um was es eigentlich ging.

Thomas war nicht nur ein höchst engagierter Lehrer, er war auch ein solidarischer Freund vieler Goldschmiedekollegen. Wenn das Museum für Kunst und Gewerbe Ausstellungen veranstaltete, z.B. Werke von Otto Baier, Rudolf Bott, Hermann Jünger, Horst Stauber  oder Gerd Rothmann zeigte, bot Thomas eine Schlaf- und Wohnunterkunft in seinem denkmalgeschützten, reetgedeckten Ständer-Haus in Billwerder an.

Andererseits: verreiste Thomas selbst, nach München zur Internationalen Handwerksmesse, nach Hochheim zur Galerie von Rosi Jäger, nach Nürnberg oder Pforzheim, so schlug ihm überall die gleiche Freundschaft entgegen. Stellten die Schüler in Galerien oder Museen aus, besuchte Thomas nicht selten ihre Ausstellungen und besah sich die Ergebnisse ihrer Arbeit. So und anders hielt er immer Kontakt mit ihnen.

Thomas war ein lebhafter Geist, der anderen gerne zur Seite stand und sie bei ihrem Fortkommen beriet. Als sein Schüler Jan Wege Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes wurde, nahm Thomas dies befriedigt zur Kenntnis. Den Weg des Silberschmiedens, den Jan Wege eingeschlagen hatte, wäre auch Thomas gerne noch intensiver gegangen; ihn reizte es, sich mit dem Gefäß auseinanderzusetzen. Mal schmiedete er einen Silberbecher, mal einen Leuchter oder eine Dose, Objekte, die er vorher genauestens auf ihre Machbarkeit und Funktionalität konzipierte. Dass eine handwerkliche Arbeit zuverlässig, gut durchdacht, nachhaltig produziert werden musste, gehörte für ihn zur DNA eines guten Handwerkers, für ihn gab es keinen wesentlichen Unterschied zwischen dem (Kunst-) Handwerker und dem Designer.  Entsprechende Gedanken förderte er in seinen Schülern. Was dazu führte, dass Jochen Möller Kerzenleuchter herstellte oder Arnd Kai Klosowski und Andreas Gehring sich dem Design von Armbanduhren widmeten. Thomas selbst hat für den Schweizer Hersteller Ventura einen  Kugelschreiber entworfen, der 1992 mit einem begehrten Design-Plus-Preis ausgezeichnet wurde.

Im März 1997 schrieb die Handwerks-Zeitung Nord-Handwerk anlässlich der Ausstellung der Werkstatt Schleede im Museum für Kunst und Gewerbe: „zum Silberschmied wird (in Hamburg) gar nicht mehr ausgebildet.“ Diese Aussage stimmte nur insofern, als es zu dem Zeitpunkt in Hamburg keine ausbildungsfähige, professionelle Silberschmiedewerkstatt mehr gab. Aber immerhin versuchte Thomas in seiner Werkstatt das Bewusstsein für das Silberschmieden noch aufrecht zu erhalten.

1990 übernahm Thomas als Nachfolger von Wilfried Moll für sechs Jahre den Vorsitz der Arbeitsgemeinschaft der Kunsthandwerker Hamburgs (AdK) und erarbeitete kurz darauf einen bemerkenswert umfassenden, durchgehend farbig illustrierten Katalog vom Schaffen Hamburger Kreativer und sorgte für Vor-und Geleitworte des Präses der Kulturbehörde, Ingo von Münch, bzw. des Direktors des Museums für Kunst und Gewerbe, Wilhelm Hornbostel.

Als 2002 das Museum für Kunst und Gewerbe sein 125jähriges Jubiläum feierte, ersannen Thomas und der Verfasser dieser Zeilen eine Jubiläumsedition unter der Schirmherrschaft der Justus Brinckmann Gesellschaft. Dreizehn angewandte Künstler, allesamt Mitglieder der Fördergesellschaft, schufen ausgesuchte Objekte, die zur Herstellung in limitierten Kleinserien bestimmt waren. In einer eigenen von Nils Jockel gestalteten Broschüre wurden sie in Text und Bild vorgestellt und zum Kauf angeboten. Jedes Objekt enthielt einen Hinweis auf das Museum.

Thomas war ein Freund der Gemeinschaft. Sein Naturell war den Menschen zugewandt, den Berufskollegen, den Schülern, aber auch den Kunden. Von seinem Vater hatte er am Winterhuder Marktplatz ein Goldschmiedegeschäft übernommen, das er bis 2012 führte, bevor sein Schüler Matthias Bendtfeld es von ihm übernahm. Unter der Woche wurde Thomas mehr als zwei Jahrzehnte lang von Jutta von Diepenbroich vertreten, samstags stand er selbst im Laden. Änderungen oder Reparaturen führte er in der hauseigenen Werkstatt aus. Dass Thomas seine Kunden gut beriet, sicherte ihm ein langjähriges Renommee, so dass das Geschäft von einer Generation zur nächsten empfohlen wurde. Auf den vorweihnachtlichen Jahresmessen im Museum für Kunst und Gewerbe ließ sich gut beobachten, wie zugewandt Thomas den Kunden gegenüber auftrat. Stets lagen Zeichenblock und Bleistift in Reichweite, um nach den Vorstellungen des Kunden erste Entwürfe zu skizzieren und mit diesem ein konstruktives Gespräch anzufangen. Jeder Kunde bekam so das Gefühl, es mit einem aufmerksamen, gewissenhaften Meister zu tun zu haben.

Hatte Thomas einen guten Messeabschluss gehabt, nutzte er die Gunst der Stunde zum Essen gehen. Da  er ungern allein war, konnte die von ihm eingeladene Gruppe mitunter über reichlich viele Personen verfügen. Cuneo auf St. Pauli war sein bevorzugtes Stammlokal, kleinere Trinkrunden ließen sich auch bei Nagel in der Kirchenallee durchführen. Seinen 70. Geburtstag feierte Thomas mit gewohnter Großzügigkeit bei Cuneo mit ca. 50 Personen. Dass Thomas sich mit gutem Essen und gutem Wein auskannte, erhöhte das Vergnügen.

Bei aller Neigung zu Geselligkeit hatte Thomas nach Kenntnis des Verfassers wenige Freunde, die ihm ganz persönlich nahestanden. Manfred Mahn war einer von ihnen (Max und Gustav, die Väter Manfreds und Thomas‘ waren schon eng befreundet gewesen). Ebenso der Goldschmied Andreas Killinger, den Thomas noch aus dem Studium in Pforzheim kannte und sein Mitbewohner am Billwerder Billdeich, Gerald Böhnel, mit dem Thomas jahrelang erlebnisreiche Radtouren unternahm; schließlich auch der Graphiker Hans Weckerle, dessen  Gestaltungsideen wesentlichen Anteil an der Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe 1997 hatten.

Die wohl allerwichtigsten Personen in Thomas‘ Leben waren  seine beiden Söhne Johannes und Martin, sowie seine beiden Ehefrauen, die gelernte Buchhändlerin Kristin (die tragischer Weise und gänzlich unerwartet 2008 verstarb) und die Goldschmiedin Sabine Klarner, mit der Thomas die letzten zehn Jahre glücklich verlebte. Dass Thomas seit mehreren Jahren das Damoklesschwert der Krankheit über sich spürte, machte ihre Liebe nur umso intensiver; Sabine und Thomas erlebten ihr Zusammensein als ein großes Geschenk, besonders nachdem Thomas sich aus dem Beruf weitgehend zurückgezogen hatte und seine Zeit intensiver einteilen konnte. Nach Thomas‘ Tod sagte Sabine: so einen wunderbaren Mann hätte sie auch für drei Monate geheiratet.

Thomas Schleede war ein „kompletter“ Mensch, wie es nur wenigen gegeben ist: Handwerklich geschult, belesen und gebildet, gemeinschaftlich denkend, liebevoll und aufmerksam, aber auch meinungsstark und richtungsweisend, wenn es ein musste. Und er war  ein treuer Freund für all denjenigen, die ihm nahestanden. Wir alle werden ihn sehr vermissen.

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Gehäkelte Nester und Blütengerippe – der ungewöhnliche Schmuck von Svea Imholze

Svea Imholze an ihrer Werkbank. © Fotos: Isabelle Hofmann

Abstrahierte Blüten, Kapseln und Knospen, Samen, Stempel und Stiele: Aus hauchfeinen Silberblechen und dünnen Drähten entwickelt Svea Imholze einen ebenso spröden wie faszinierenden Schmuck. Er wirkt zwar minimalistisch kühl konstruiert, ist aber eindeutig von der Natur inspiriert. Was Wunder: Die Liebe zu den Blumen wurde der 35jährigen Gold- und Silberschmiedin gleichsam in die Wiege gelegt – Svea Imholzes Mutter ist Floristin.

Ohrringe von Svea Imholze

Paul-Roosen-Straße 30. Eine illustre Adresse. Nur ein paar Schritte weiter befindet sich die Affenfaust Galerie, um die Ecke hat Glaskünstlerin Sybille Hohmann ihr Atelier und gar nicht weit ist die Werkstatt der Textilkünstlerin Ulrike Isensee zu finden. Seit Jahren schon wächst und gedeiht die Kunstszene in den kleinen Nebenstraßen rund um die Reeperbahn – und die Paul Roosen-Straße ist nun um eine Attraktion reicher: Im November 2018 eröffnete Svea Imholze gemeinsam mit Kathleen Hennemann ihr neues Atelier.

Schon von außen wirkt der Laden außerordentlich einladend. Die Fenster sind sparsam dekoriert, jedes Stück ist mit Bedacht platziert. Svea Imholze ist Perfektionistin, das spiegelt der minimalistisch eingerichtete Galerieraum auf Anhieb. Im hinteren Bereich sind zwei schöne Arbeitsplätze eingerichtet, im vorderen Bereich ziehen elegante Vitrinen aus Glas und geschwärztem Eisen die Blicke auf sich. Auch sie sind aus dem Hause Imholze. Sveas Bruder Jöran ist Metallgestalter und arbeitet in Berlin im Studio von Olafur Eliasson. (Eliasson gehört zu den international gefragtesten Künstlern der Gegenwart. Seine Großprojekte, wie die vier künstlichen Wasserfälle rund um die Südspitze Manhattans, haben weltweit für Furore gesorgt).

Svea Imholze vor den Vitrinen ihrers Bruders

Die Liebe zum Werkstoff Metall teilt Svea Imholze mit ihrem Bruder seit einem Praktikum bei Edda Sandstede in Oldenburg. Bei der Kunstschmiede-Meisterin baute sie nach dem Abitur ihre ersten Schmuckstücke, lernte, was für ausdrucksstarke, attraktive Ringe, Ketten oder Broschen aus unedlen Metallen, eigenen Legierungen und selbstgebranntem Glas entstehen können.

„Edda Sandstede war prägend für mich“, sagt die gebürtige Bremerin rückblickend. „Sie hat mich auf eine ganz unkonventionelle Art an die Schmuckgestaltung herangeführt und die Begeisterung für das Handwerk und die Auseinandersetzung mit dem Metall erweckt.“

Nach dem Praktikum stand dann auch der Berufswunsch fest. Svea Imholze schrieb sich an der Hochschule für angewandte Künste in Hildesheim ein, Studiengang Metallgestaltung. Dort wurden die unterschiedlichsten Materialstudien gemacht und dort hat sich auch ihre „Leidenschaft für das Experimentieren entwickelt“, nicht zuletzt durch Ihren Lehrer, Professor Georg Dobler, einem der bedeutendsten Schmuckkünstler der Gegenwart, dessen innovative Mischung aus Konstruktivismus und Naturalismus eine ganze Generation von SchmuckgestalterInnen beeinflusste. Doch unterm Strich war Hildesheim eher enttäuschend. Svea Imholze fühlte sich alleingelassen, kam nicht weiter mit ihren Experimenten, weil ihr fundamentale Grundlagen in der Metallverarbeitung fehlten. Also brach sie das Studium ab und ging 2005 zurück nach Bremen, zu Kerstin und Michael Falk in den Handwerkerhof der Böttcherstraße. Bei dem Goldschmiede-Ehepaar lernte Svea Imholze den Umgang mit dem Metall von der Pike auf, vor allem „das sehr präzise Arbeiten“.

Vier Jahre später hatte sie ihren Gesellenschein in der Tasche und technisch alles drauf, was man in Punkto Metall draufhaben muss. Anstellungen als Goldschmiedin in Hamburg und Bremen folgten, doch als Angestellte ließen sich eigene Vorstellungen kaum verwirklichen – und diesen Ehrgeiz hatte die junge Goldschmiedin unbedingt. Ein Leben lang Auftragsarbeiten? Konventionellen Schmuck? Unvorstellbar!

Imholzes Ziel war Autorenschmuck, Schmuck an der Schnittstelle von bildender Kunst und Kunsthandwerk, der von einer individuellen gestalterischen Handschrift geprägt ist. Also bewarb sie sich noch einmal an einer Hochschule, diesmal an der staatlichen Zeichenakademie in Hanau. Dort war es Thomas Dierks, der sie unterstützte und sie zu immer neuer Auseinandersetzung mit Materialien und Motiven herausforderte.

In Hanau machte Svea Imholze 2015 ihren Abschluss als Gold- und Silberschmiedemeisterin, sowie als staatlich geprüfte Produktdesignerin mit Schwerpunkt Schmuck, Gerät und Accessoire. Danach entschied sie sich für Hamburg als Lebensmittelpunkt, mietete ein kleines Hinterzimmer-Atelier in einer Boutique in der Marktstraße und bewarb sich 2017 um eine Mitgliedschaft in der AdK Hamburg. Mit ihren ungewöhnlich fragilen Objekten aus „schmuckfernen“ Materialien – gehäkelte Körper, aus dünnem Stahldraht, die an Nester erinnern. Ketten aus Baumwollfäden, Ohrringe, die Blütengerippen gleichen und intensiv farbigen Broschen aus Reparaturschaum und Edelstahlgittern – war es nicht schwer, die Jury von der künstlerischen Qualität ihrer Arbeiten zu überzeugen.

Mittlerweile, so erzählt Svea Imholze, habe der Reiz unedler Materialien etwas nachgelassen. „Zurzeit experimentiere ich mehr mit Formen und Oberflächen. Wobei ich die Silberbleche oft unscheinbar und unedel erscheinen lasse“.

Kette aus gehäkelten Nestern und Blütengerippen

In der Natur findet die junge Schmuckkünstlerin „ganz viele kleine Dinge, die mich inspirieren und die ich auch sammle“. So tauchen seit drei Jahren immer wieder abstrakte Blumenmotive in ihrer Kollektion auf. Ab und zu verarbeitetet sie ihre Fundstücke auch direkt. Eukalyptuskapseln beispielsweise, oder kleine Knochen und Korallenstücke: „ Was die Natur hervor bringt, begeistert mich unendlich. Das können noch so einfache Dinge sein. Bei mir erhalten alle Dinge ihre Wertschätzung“.

Zurzeit dominieren zwar die Blumenmotive, „aber wer weiß, was sich daraus noch entwickelt“, sagt Svea Imholze lächelnd. „Ideen für neue Serien sind immer da, deshalb bin ich manchmal auch etwas sprunghaft in meiner Arbeit. So gesehen wird es mir nie langweilig neue Dinge auszuprobieren aber auch die erlernten Techniken auszureifen und weiterzuentwickeln“.

Noch arbeitet die Gold- und Silberschmiedin weitgehend allein in ihrem Atelier, aber in Zukunft möchte sie auch Lehrlinge ausbilden: „Ich finde es sehr wichtig, handwerkliches Wissen weiterzugeben. Das Kunsthandwerk übermittelt Werte, die in unserer Gesellschaft nicht verloren gehen dürfen. Aber das Ausbilden ist auch eine große Herausforderung. Es braucht noch etwas Zeit, bis ich diese Verantwortung auf mich nehmen möchte.“

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