Neustart der MK&G Messe im Museum für Kunst und Gewerbe

Cecile Feilchenfeldt, Preisträgerin 2021. Links: Triple Rope Kette aus Glas und Holzperlen, L 150 cm, Foto links: Aurelie Cenno. Foto rechts: Isabelle Hofmann

Nein, hier sind keine Malerarbeiten im Gange. Die hohen Leitern und die transparenten Zäune sind Konzept, der Baustellen-Charme ist gewollt. Herzlich Willkommen zur Messe 2021 im Museum für Kunst und Gewerbe.

Wie soll sich eine Messe präsentieren, die für sich Weltniveau beansprucht? Zwei Jahre diskutierten die Veranstalter, die Justus Brinckmann Gesellschaft und das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, über ein neues Erscheinungsbild. Im Frühjahr 2020, als alle noch dachten, Corona sei eine Sache von wenigen Wochen, war klar, dass die Messe pausieren würde. Begründung: Man brauche Zeit für ein neues Konzept. Kurator sollte der Berliner Pascal Johanssen sein. Doch sein Gastspiel dauerte nur wenige Wochen. Anfang 2021 erklärte Direktorin Tulga Beyerle den Neustart der Messe zur Chefsache – mit klar definiertem Ziel: „Jünger, frischer, internationaler“.

Insgesamt wirkt die Messe tatsächlich verjüngt und frisch. Und auch die Auswahl der 72 Künstler*innen aus allen Gewerken ist (bis auf Papier) abwechslungsreich und spannend. Schwerpunkte liegen auf Keramik und Schmuck und hier fällt ein Akzent zum Upcycling auf. Nachhaltigkeit ist dem Kunsthandwerk zwar gleichsam ins Erbgut geschrieben, aber die Verarbeitung von Abfallmaterialien, wie sie Jiun You Ou (Schmuck) oder Sybille Homann (Glas) präsentieren, dokumentieren deutlich, wie stark sich angewandte Künstler*innen mit aktuellen Themen auseinandersetzen.

Am Erscheinungsbild allerdings scheiden sich die Geister, sobald man den ersten der drei getrennten Ausstellungsräume betritt. Für die Ausstellungs-Architektur wurde das Berliner Creative Studio Chamara.Rosinke engagiert und die haben sich für eine unkonventionelle Gestaltung entschieden. Die hohen Leitern und Bauzäune erschließen in der Tat neue Sichtachsen und Blickwinkel. Die gewohnt solide (und immer etwas langweilige) Aneinanderreihung der Messepodeste ist einer dynamischen Work-in-Progress-Inszenierung gewichen. Einer Inszenierung, die allerdings Schwächen zeigt: Die optisch dominanten Leitern lassen die darunter präsentierten Exponate verblassen und die Bauzäune erwecken merkwürdige Assoziationen: Künstler*innen und Exponate hinter Gittern in einer Zeit, da man Zäune einreißen will – was wollen uns die Messe-Macher damit sagen? Wirklich überzeugen können nur die hochkant gestellten Gitter, die die Vertikale betonen und prima als transparenter Hintergrund einiger Messestände funktionieren.

Die Beton-Füße, in denen sie stecken, sind jedoch nicht ganz ungefährlich: Achtung, Stolpergefahr! Vielleicht ein Grund, warum die zur Messe geladenen „Design Ambassadors“ aus Prag ihre Exponate sehr kompakt und etwas abseits platziert haben. Die 2010 gegründete tschechische Marke Krehky arbeitet mit Designern aus aller Welt zusammen. In Hamburg stellen sie jetzt interessante Objekte aus Glas, Holz und Porzellan ganz unterschiedlicher Designer-Generationen vor.

Als zentraler Messeraum dient der erst vor einem Jahr eröffnete Freiraum, dessen wuchtigen Tribünen aus Spanplatten (ursprünglich zum Sitzen und Verweilen gedacht) nun den Raum teilen und regelrecht verbauen.

Sei’s drum. Schließlich sind die angewandten Künstler*innen allemal wichtiger als das Ausstellungs-Ambiente. Und deren spannenden Objekte und vielfach experimentellen Positionen dürften die Besucher*innen durch die Bank so stark in den Bann ziehen, dass sie das „Drumherum“ rasch ausblenden. Bestes Beispiel die ungewöhnlich farbenprächtigen, mit der Maschine gestrickten Ketten aus Glas- und Holzperlen der Textildesignerin und Schmuckkünstlerin Cécile Feilchenfeldt. Die in München aufgewachsene Schweizerin, die seit über 20 Jahren in Paris ihr Atelier betreibt, erhielt gleich bei ihrem ersten Auftritt auf der Hamburger Messe den begehrten Justus Brinckmann Preis für zeitgenössisches Kunsthandwerk (7500 Euro). Der Förderpreis der Justus Brinckmann Gesellschaft (2500 Euro) ging an Gina Nadine Müller, die derzeit an der Hochschule Trier in Idar-Oberstein ihren Masterstudiengang in der Fachrichtung Edelstein und Schmuck absolviert. Die junge Schmuckkünstlerin lotet mit organisch-erotischen anmutenden Broschen und Handschmeichlern aus Stein „Berührungspunkte, Grenzflächen und Kontaktbereiche“ Aspekte von Körperlichkeit aus.

Unkonventionell und frisch wirken auch die Schmuckstücke von Kathleen Hennemann, die 2017 bereits mit ihren ambivalenten Beton-Objekten im MKG faszinierte. Die Hamburgerin gießt Plastikfunde aus dem Meer (kurz: Müll) in Beton und kontrastiert die daraus entstehenden Formen mit edlen Materialien wie Perlen. Mit 45 Jahren gehört sie zu den nicht mehr ganz jungen Messeteilnehmer*innen, doch ihre Arbeiten belegen eindrucksvoll, dass Alter kein Kriterium für junges Kunsthandwerk ist. Das gleiche gilt für den Nürnberger Metallgestalter Paul Müller und seine skulpturalen, farbstarken Leuchter. Für die Gold- und Silberschmiede Ulla und Martin Kaufmann, die bislang über dreißig Mal auf der Messe vertreten waren. Ganz zu schweigen von Wolfgang Skoluda, dem Goldschmiede-Großmeister und Urgestein des ältesten und ehemals größten Marktplatzes für spitzenmäßige Handwerkskunst in Deutschland.

Links: Paul Müller. Großer König der Nacht, Blechtafeln, geschnitten, farbige Pulverbeschichtung. Foto: Paul Müller. Rechts: Ulla und Martin Kaufmann. Ringe DREI MAL PYRIT, DER STURE, STEINBRUCH, WÜRFEL, 750 Gold, Pyrit, montiert, auf dem Mittelfinger zu tragen. Foto: M. Hoffmann

In Sachen Keramik setzen die hierzulande heimisch gewordenen Südkoreaner*innen Maßstäbe: Kap-Sun Hwang und seine Frau Si-Soog Kang aus Kellinghusen, Bokyun Kim und Minsoo Lee aus Diessen am Ammersee, Mi Sook Hwang aus Münchweiler Rodalb und Kiho Kang aus Bad Ems. Ihre Schalen, Vasen und Gefäße bestechen allesamt durch eine streng geometrische Formgebung in einer nicht zu überbietenden Perfektion.

Links: Kiho Kang. Porzellan, aufgebaut in Wulsttechnik. Foto: Kiho Kang. Rechts: Mi Sook Hwang. Keramik_Zylinder. Porzellan, gedreht, bemalt. H 4,00-15,5 cm, Ø 6,00-15,00 cm. Foto: Mi Sook Hwang

Nicht weniger perfekt, dafür aber geradezu barock in der Anmutung die Keramiken von Ute Kathrin Beck aus Stuttgart und Claudia Biehne aus Leipzig. Ihre Werke rufen auf ganz unterschiedliche Weise Assoziationen an die Natur und Pflanzenwelt hervor: Während Becks mit Gold- und Silberlüster überzogenen, schillernden Körper an überdimensionale Fruchtstempel, Kerngehäuse oder Art Deco-Skulpturen erinnern, scheint Claudia Biehne mit ihren mehrfach gebrannten, hauchzarten Porzellan-Objekten in Meerestiefen, zu den Korallenriffs, abgetaucht zu sein. Wie schön, dass es diese ausgezeichnete Künstlerin, die jahrelang schon an den Adventssonntagen im Haus des Kunsthandwerks, Koppel 66, zu Gast war, den Sprung ins MKG geschafft hat.

Links: Ute Kathrin Beck. Doppelhalsvase aus der Serie APOSTEL: ‘ Sputnik’, 2020, 66x14x16cm, chamottiertes Steinzeug, gebaut, poliert, Platin. Mitte: Claudia Biehne, aus „Between the Tides”. Porzellan aus hunderten Segmenten aufgebaut und mehrfach gebrannt, 42 x 53 x 56 cm. Foto: Stefan Passig. Rechts: Jan Wege, Vase, Tombak, montiert. Foto: Heiner Orth

Von den regionalen Künstler*innen haben das in diesem Jahr leider nur wenige geschafft. Anne Andersson, Andreas Möller und Natalia Möller-Pongis (Textil) gehören dazu, die Hutmacher*innen Karin Irmer und Peter de Vries, sowie Metall-Gestalter Jan Wege und Buchmacher Svato Zapletal.
Langjährige Messeteilnehmer*innen wie Karin Bablock (Keramik), Ulrike Isensee (Textil), Claudia Westhaus (Schmuck) und Kira Kotliar (Papier) oder Ragna Gutschow und Hendrike Farenholtz (Holz) fehlen.

Links: Anne Andersson, Handtuch „Elbstrand”, Duschtuch-Picknicktuch-Sporthandtuch, Leinen / Baumwolle, 80 x 150 cm. Foto: Anne Andersson. Rechts: Andreas Möller Gefäßobjekte GRUPPE WARTET AUF DIE NEUE MESSE, 2021, Merinowolle, Biobaumwolle, 100% recyclte Baumwolle, handgesponnen, überdreht. Technik: radically crafted, Flachgewebe, erhitzt, 80 cm x 20 cm. Foto: Sam

Vielleicht ist es ein kleiner Trost für sie zu wissen: An ihrer Qualität liegt es nicht. Im Reigen der internationalen Aussteller*innen können sie durchaus mithalten.

Isabelle Hofmann

MK&G Messe 2021, 24. bis 28. November 2021, Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz, 20099 Hamburg. Mi-So. 10-18 Uhr. Do bis 21 Uhr.

Rahmenprogramm:
Donnerstag, den 25.11.2021, 18.30 Uhr:
„Glänzende Aussichten: Autorenschmuck verstehen und beurteilen.“ Vortrag von Petra Hölscher, Neue Sammlung München.
19.30 Uhr: Design Ambassador Tschechien. Vorstellung tschechischer Kunsthandwerker*innen aus Prag.
Freitag, 26.11.2021,15 Uhr:
Aktuelle textile Positionen an der HAW Hamburg, Studierende im Gespräch mit Renata Brink, HAW Textildesign und Luisa Hilmer, MKG.
Sonntag, 28.11.2021, 12 Uhr:
„Sammeln Sie schon? Kunsthandwerk als Investition“
Eva-Maria Uebach-Kendzia, Auktionshaus Kendzia, im Gespräch mit Marlo Scheder-Bieschin.

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Schönheit durch Reduktion

Ein Nachruf auf die Schmuckkünstlerin Brigitte Klosowski (1924-2021) von Rüdiger Joppien

Mit der am 11.10. 2021 verstorbenen Schmuckkünstlerin Brigitte Klosowski ist in Hamburg eine Ära der Goldschmiedekunst zu Ende gegangen. Viele Kollegen, besonders aus den Reihen der AdK und der Gedok, betrauern den Tod der Künstlerin, die in beiden Organisationen ein jahrzehntelanges Mitglied war.

Brigitte Klosowski wurde am 30. Oktober 1924 geboren. Ihr Vater war der Münchner Gold- und Silberschmied Otto Stüber (1885-1973), der als Wandergeselle ab 1908 bei dem Hamburger Senatsgoldschmied Alexander Schönauer arbeitete, bis er sich 1910 mit Christoph Kay am Ort selbständig machte. Nach dem Ersten Weltkrieg trennten sich die beiden Künstler, und Stüber eröffnete am Graskeller (in unmittelbarer Nähe der Stadthausbrücke) eine eigene Werkstatt. Hier kam Tochter Brigitte als einzige Tochter des Ehepaars Stüber zur Welt. Von früh an nahm Brigitte Anteil am Werk ihres Vaters. Dieser arbeitete eine Zeit lang nach Entwürfen des aus Wien stammenden Designers Carl Otto Czeschka, was sich für eine Reihe von Jahren an Stübers Schmuckarbeiten und Gefäßen gut ablesen lässt. Gegen Ende der 1920er Jahre wandte er sich dem Stil der Neuen Sachlichkeit zu und schuf Schmuckstücke von einfacher, strenger Formgebung. Neben Josef Arnold war Stüber in den 1930er Jahren der tonangebende, erfolgreichste Gold- und Silberschmied Hamburgs. 1943 fielen Werkstatt und Wohnung dem Bombenkrieg zum Opfer, wobei auch sämtliches Werkzeug, der Metallvorrat und Entwurfszeichnungen verloren gingen. Deprimiert setzte Stüber seine Arbeit aus und begann erst nach Ende des Krieges, mit geliehenem Werkzeug als Gast in der Werkstatt eines Kollegen, wieder die Arbeit aufzunehmen. Derweil hatte sich Tochter Brigitte 1945 an der Landeskunstschule am Lerchenfeld für die Klasse Wandmalerei bei Prof. Theo Ortner eingeschrieben. Dort traf sie auf zahlreiche Kommilitonen wie z.B. Siegfried Assmann, Karl Goris oder Claus Wallner, die später in Hamburg bekannte Glasmaler wurden, sowie auf den Graphiker Alfred Klosowski (1927-2020), ihren späteren Mann, den sie 1952 heiratete. Da hatte sie nicht nur ihr Studium am Lerchenfeld abgeschlossen, sondern auch schon (von 1948-51) eine Silberschmiedelehre bei ihrem Vater absolviert. Da Otto Stüber noch lange Zeit unter dem Trauma des Weltkriegs und dem Verlust seiner Werkstatt litt, hatte Brigitte Klosowski beschlossen, ihre bislang eingeschlagene Laufbahn als Malerin aufzugeben und ihrem Vater beim Aufbau einer neuen Werkstatt zur Seite zu stehen. In Zeiten der Wohnungsnot und des Wiederaufbaus war Schmuck nicht gerade das dringendste Gut, dennoch ließ sich bald eine Kollektion von Silberarbeiten erstellen, wofür Brigitte Klosowski die Entwürfe lieferte. Ihr Gesellenstück, ein goldener Kapselanhänger, errang 1951 als Bundessieger den 1. Preis. 1952 erhielt die Werkstatt den Auftrag zur Anfertigung einer silbernen Weinkanne, in der der Verfasser dieser Zeilen eine typische Arbeit Otto Stübers aus den dreißiger Jahren zu erkennen glaubte. Als solche wurde sie 2001 vom Museum für Kunst und Gewerbe bei Lempertz in Köln zu einem stattlichen Preis ersteigert. Umso größer war die Überraschung, als Brigitte anhand von Zeichnungen belegen konnte, dass der Entwurf von ihr stammte; ihr Vater hatte ihn allerdings ausgeführt.

Brigitte Klosowski arbeitete während der 1950er Jahre eng mit ihrem Vater zusammen. Ab 1949 wurde es wieder möglich, auf der jährlich stattfindenden, sog. Weihnachtsmesse des Museums für Kunst und Gewerbe auszustellen, wo Brigitte den Stand ihres Vaters betreute. Erst 1961, nachdem ihr Vater sich von der Messe zurückgezogen hatte, stellte sie unter ihrem eigenen Namen aus und setzte diese Praxis bis zum Jahr 2002, mithin 40 Jahre, fort. Ältere Besucher der Messe erinnern sich noch der von Brigitte Klosowski meisterhaft selbst aufgenommen Schmuckphotos, mit denen sie die Rückwand ihres Standes schmückte. Bald war Brigitte Klosowski so anerkannt, dass sie älteren Ausstellern, wie z. B. Wolfgang Tümpel oder Herbert Zeitner, auf Augenhöhe begegnen konnte; ihre zahlreichen Erfolge außerhalb Hamburgs trugen dazu bei. 1974-1981 sowie 1984 stellte sie auf der Schmuckschau der Internationalen Handwerksmesse München aus. 1978, 1981, 1984 und 1987 nahm sie an den Triennale – Ausstellungen des deutschen Kunsthandwerks im Frankfurter Kunstgewerbemuseum teil. 1976 errang sie eine Auszeichnung im internationalen Wettbewerb „10 Gramm Gold“ und 1978 den 1. Preis im Wettbewerb „Der Ring“, den die Gesellschaft für Goldschmiedekunst in Hanau durchgeführt hatte. Nach einer Auszeichnung für den besten Stand auf der Weihnachtsmesse 1978 wurde Brigitte Klosowski 1984 der große Justus Brinckmann Preis zuerkannt, und ein Jahr später Jahr gingen mehrere ihrer Arbeiten auf eine Tournee Norddeutschen Kunsthandwerks nach Japan, China und Australien. Zu Brigitte Klosowskis 70. Geburtstag 1994 organisierte die Abteilung Moderne des Museums für Kunst und Gewerbe in der BAT- Galerie in der Esplanade unter dem Titel: „Drei Generationen Hamburger Goldschmiedekunst“ eine Ausstellung, die Brigitte Klosowski, ihrem Vater Otto Stüber und ihrem Sohn Arnd Kai Klosowski gewidmet war. Der 1954 geborene Sohn Arnd Kai war inzwischen selbst ein bekannter und erfolgreicher Goldschmied geworden. Bei der Eröffnung der Ausstellung verlieh die damalige Kultursenatorin Dr. Christina Weiß Brigitte Klosowski in Anerkennung ihrer Verdienste für die Hamburger Kultur die Senator-Biermann-Ratjen-Medaille.

Anlässlich Brigitte Klosowskis 80. Geburtstag zeigte das Museum für Kunst und Gewerbe eine kleine, feine Ausstellung ihrer Broschen. Obwohl dazu kein Katalog erschien, war die Künstlerin über diese Ausstellung, die parallel zu Jahresmesse im Museum stattfand, besonders glücklich, weil Broschen über Jahrzehnte ihr bevorzugtes Medium im Schmuck gewesen waren. Danach zog Brigitte Klosowski sich allmählich aus dem Berufsleben einer Goldschmiedin zurück. Zu ihrem 95. Geburtstag verfasste Lutz Wendler einen umfassenden, sympathischen Artikel, der am 30./31. 10. 2019 im Hamburger Abendblatt erschien. Die letzten eineinhalb Jahre lebte die Künstlerin mit ihrem Mann Alfred bis zu dessen Tod zusammen und danach allein, in einem betreuten Seniorenheim. Die durch Corona verursachte Einsamkeit, die monatelang dazu zwang, weitgehend kontaktlos in einem Zimmer zu leben, ertrug sie mit stoischer Geduld, ohne zu klagen. Aber sie freute sich über Telefongespräche, die ihr etwas von der Welt vermittelten und über den Besuch ihrer Familie. Am 28. Oktober 2021 vermeldete das Hamburger Abendblatt leicht verspätet ihren Tod, mit einem Artikel, der erneut aus der Feder von Lutz Wendler stammte.

Heute würde man Brigitte Klosowski eine Autoren-Schmuckkünstlerin nennen, weil ihr die künstlerische Aussage eines Schmuckstücks oberstes Anliegen war. Schmuck sollte mehr sein als bloße Dekoration am Körper. Die Künstlerin vermied Edelsteine, bekannte sich aber zu weißen und schwarzen Perlen. Im persönlichen Gespräch betonte sie ihre Affinität zum Design, das einem bewussten Formprozess folgte und Zufälligkeiten ausschloss. Bereits 1957 hatte sie ihre Wohnung mit Sesseln von Harry Bertoia ausgestattet, die sie quasi vom ersten Geld von Knoll International erworben hatte. Gut geformtes Gebrauchsgerät war ihr auch im privaten Leben wichtig, und sie bewunderte Künstler und Designer wie Max Bill, Dieter Rams oder Wilhelm Wagenfeld. Hätten die Lebensumstände es ihr erlaubt, erklärte sie rückblickend, wäre sie gern auf die Hochschule für Gestaltung nach Ulm gegangen. Im Design erkannte sie eine ethische Kategorie, die dem Leben Wert und Schönheit verlieh. Gutes Design war für sie, wenn an einem Objekt nichts mehr wegzulassen oder hinzufügen war, dieses nur noch selbstverständlich war. Das war der intellektuelle Maßstab, mit dem Brigitte Klosowski auch ihre eigenen Werke maß.

Brigitte Klosowskis Schmuckprogramm bestand im Wesentlichen aus Broschen, Anhängern und Ringen, die dem funktionalen Prinzip der Tragbarkeit verpflichtet waren. Ihre Broschen konzipierte sie in dreierlei Gestalt, als rechteckigen oder ovalen Ansteckschmuck, als schmale Nadel und als sog. Überstecker, die sich an ein Revers oder einen Ausschnitt befestigen ließ. In der ersten Gruppe dominierten gewölbte, horizontal und vertikal versetzte Blechabschnitte, die ein bewegtes Spiel reliefierter Oberflächen entfalteten und miniaturhaften Bildhauerarbeiten glichen. Wichtig war der Künstlerin dabei die perfekte Ausgewogenheit aller Teile, die sie zuvor mit Modellen aus Pappe oder Papier sorgfältig ausprobiert hatte. Die endgültige Ausführung erfolgte in Goldblech, gelegentlich auch in Gold- und Silber, unter zusätzlicher Verwendung kleiner Plättchen aus Elfenbein oder Büffelhorn. Die formalen Elemente waren so gewählt, dass sie immer wieder neue Variationen zuließen.

Brigitte Klosowski ging es stets um formale Schönheit durch Reduktion. Beispielhaft sind dafür auch ihre geriffelten Wellblechbroschen und in besonderer Weise ihre stabförmig geraden, gewellten und sichelartig geschwungenen Nadeln; sie alle sind dem Minimalismus verpflichtet, ohne dass Brigitte Klosowski sich auf diese Stilrichtung explizit berufen hätte. Auch ihre u-förmig kantigen Überstecker sind Teil ihrer strengen Formenwelt.

Eine Neuheit entwickelte Brigitte Klosowski Mitte der 1980er Jahre mit ihrem „variablem Halsschmuck“, der erlaubte, auf einen einfachen Goldreif Elemente aus Edelmetall sowie Kugeln aus farbigen Halbedelsteinen aufzuziehen. Alle Teile waren austauchbar und gaben der Trägerin je nach Anlass und Stimmung die Möglichkeit, ihren Schmuck selbständig zu gestalten. Ausgehend von ein oder zwei Elementen ließ sich der Anhängerschmuck bis zu einem wirkungsvollen Collier steigern. Bei dieser Schmuckform ließ die Künstlerin auch farbige Steine zu, um die Trägerin zu animieren, immer wieder neue Zusammenstellungen zu erfinden. Damit wollte Brigitte Klosowski ein demokratisches Prinzip im Schmuckschaffen etablieren.

Brigitte Klosowski strebte in ihrem Schmuck nach Zeitlosigkeit; er sollte keiner Mode unterworfen, vielmehr gestalterisch unverwechselbar sein. Auf dieser Grundlage entwickelte die Künstlerin in ihrem 50jährigen Schaffen eine besondere Form von Qualität, mit der sie der deutschen Schmuckkunst der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts neue Wege wies.

Lebenslang engagierte sie sich für die Anerkennung des Kunsthandwerks in ihrer Vaterstadt und wurde dafür von Kollegen und Kolleginnen geschätzt und geehrt. Zum Beispiel übernahm sie viele Jahre die Rolle einer kritischen Beobachterin der Jahresmesse des Museums für Kunst und Gewerbe, indem sie mit Hilfe von Fragebögen die Stimmung der Messeteilnehmer erkundete und nach Ende der Messe die Ergebnisse ihrer Befragung mit entsprechenden Verbesserungsvorschlägen im Museum vortrug.

Wer mit Brigitte Klosowski Umgang hatte, erlebte eine stets freundliche und unaufgeregte Persönlichkeit. Eine Retrospektive ihres Werkes hat die Künstlerin nie angemahnt; sie war zu bescheiden, um sich aufzudrängen. Sie missbilligte Künstler, die sich zu wichtig nahmen und schätzte maßvolle Zurückhaltung. Über ihren eigenen Lebensweg und ihr Verhältnis zum Schmuck sagte sie mit leisem Understatement: „Es war nicht so, dass ich unbedingt Schmuck machen musste, aber es ist mein Weg geworden.“

Brigitte Klosowski war eine bemerkenswerte künstlerische Persönlichkeit. Uns allen, die wir sie kannten, wird sie fehlen.

Rüdiger Joppien

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VOILÀ! Die Neuen in der AdK Hamburg

Vorgestellt von Isabelle Hofmann

Eine kleine, aber feine Ausstellung ist noch bis 8. Juli 2021 in der Galerie der GEDOK zu sehen: „VOILÀ! Die Neuen in der AdK Hamburg“. Zwölf angewandte Künstler*innen, allesamt Meister*innen ihres Fachs, zeigen hier starke Positionen in fünf Gewerken.

Anna Husemann und Samira Heidari Nami sind die beiden jüngsten unter ihnen und somit „echter Nachwuchs“: Beide haben 2014 ihren Master in Textildesign an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg gemacht und zeigen, was im Textildesign derzeit angesagt ist.

Anna Husemann, Strickmuster-Proben

Anna Husemann entwirft an der Strickmaschine Kleidungsstücke und Rucksäcke, die für Nachhaltigkeit und gegen die schnelllebige Konsumgesellschaft stehen. Ihre gestrickten Rucksäcke und Oberteile, aber auch die Collage von Stickmustern und Stoffexperimenten, verraten hohes Feingefühl für Farbkombinationen und Oberflächentexturen.

Samira Heidari Nami, fragment

Samira Heidari Nami verarbeitet in ihren hochwertigen, mit grellen Farben im Siebdruckverfahren bedruckten Filzteppichen Tradition und Moderne, Orient und Okzident. Man muss schon genau hinsehen, um in den fragmentarischen, abstrakt-minimalistischen Mustern die orientalischen Ursprünge geknüpfter Perserteppiche zu erkennen. Nicht vielmehr als ein Zitat, künden sie von einer Jahrtausende alten Kultur und der Herkunft ihrer Schöpferin als Tochter eines persischen Teppichhändlers.

Natalia-Möller-Pongis, Schal Jaguar

Auch Natalia Möller-Pongis aus Montevideo, Uruguay, verarbeitet in ihren exquisiten Schals, Tüchern und Wandbehängen vielfach abstrakte und geometrische Dekors. Reliefartige Texturen und sensible Farbgebung verleihen den handgewebten Stücken aus Wolle, Baumwolle, Bambus oder Seide eine strenge, zeitlose Eleganz. Dafür entwickelt die Textilkünstlerin immer wieder neue Designs, lässt sich auch von ihrer Umgebung inspirieren. So reflektiert ein Tuch beispielsweise die wabenförmige Struktur der Elbphilharmonie-Fenster. Natalia Möller-Pongis‘ berufliche Laufbahn begann als Autodidaktin. Erst mit Häkel- und Strickprodukten, ab 2004 konzentrierte sie sich auf das Weben – und zwar mit durchschlagendem Erfolg. Ab 2006 nahm sie an nationalen und internationalen Ausstellungen teil, u.a. in Argentinien, Chile, Puerto Rico und Uruguay sowie Finnland, Schweden, Deutschland und Italien. 2010 erhielt Natalia Möller-Pongis den Nationalen Preis der Kunsthandwerker vom Museo de Arte Precolombino e Indígena (MAPI) in Montevideo. Zusammen mit Andreas Möller entwickelte sie zudem Flying8, einen Webstuhl in Leichtbauweise, und 2019 den Fertigbausatz Flying8 Moon Loom.

Kirsten Brinckmann, geklöppelte Spitze

Mit Kirsten Brinckmann stellt eine der besten Spitzenklöpplerinnen Deutschlands ihr Können vor: Wunderbar zarte, filigrane Dekore, inspiriert von der traditionellen Spitzenklöppelei, übersetzt in zeitgemäße Kreationen. Jedes Werk ein Unikat, das ein x-beliebiges Kleidungsstück in ein Kunstwerk verwandelt.
Seit mehr als 35 Jahren hat sich Kirsten Brinckmann diesem Metier verschrieben und hörte nur allzu oft, dass dieser Beruf am Aussterben sei. Ein Irrtum, wie sie betont. Zwar sei in Norddeutschland das Klöppeln weniger präsent als in Frankreich, Italien, oder auch im Oberpfälzer Wald, wo das Kunsthandwerk 2016 von der Deutschen UNESCO Kommission in die Liste Immaterieller Kulturerbe aufgenommen wurde, doch gibt es auch in Hamburg und Umgebung immer mehr Freunde der meditativen Spitzen-Arbeit, die von der Haute Couture als extravagantes Accessoire nach wie vor außerordentlich geschätzt wird.

Valentin Alscher, Keramik

Keramiker Valentin Alscher kommt ursprünglich von der Freien Kunst und dreht Becher, Schalen und Teller in einer Perfektion und archaischen Anmutung, wie man sie von den japanischen Meistern dieses Faches kennt. Die Außenhaut der Gefäße bleibt stets unglasiert und lässt so die Materialität der unterschiedlichen Tone im Wortsinn erfassen. Selten sieht man puristisches Geschirr von derartiger Anmut und Kraft.

Nele Zander, offenes Gefäß

Auch Nele Zander ist eine Vertreterin der klassischen, klaren Formensprache. An der Drehscheibe, vor allem aber auch in der keramischen Plastik. Ihre großen, schweren Schalen und Vasen sind mehr Skulptur als Gebrauchsgegenstand. Ausdrucksstarke, architektonisch anmutende Stücke, die auf ihr Studium der freien Kunst in Höhr-Grenzhausen verweisen. Eine Serie von blauen Tellern, die sie in der Koppel vorstellt, verrät aber auch ihre Meisterschaft in Punkto Glasurentwicklung.

Katrin Schober, Keramik

Den Gegenentwurf zum Purismus liefert Katrin Schober mit ihren farbenprächtigen, opulenten Figuren und Gefäßen, die auf Anhieb Lebensfreude verbreiten. Das Studium der Malerei, das die Künstlerin in Italien absolvierte, spiegelt sich in ihren Arbeiten ebenso, wie ungestüme Experimentierfreude und ein unmittelbarer Zugriff auf das Material. Katrin Schober ist gleichsam die Pipi Langstrumpf unter den renommierten Keramiker*innen des Nordens: Bunt, schrill, frech und frauenbewegt – was Wunder, dass ihre märchenhaften Objekte seit Jahrzehnten eine riesige Fangemeinde haben.

Caroline Saltzwedel, Satz Monotype

Freunden der Buchkunst ist der Name Caroline Saltzwedel wohlvertraut. Seit über 20 Jahren vermittelt die gebürtige Engländerin – promovierte Germanistin und studierte Grafikerin – im Museum der Arbeit die „Schwarze Kunst“ und ist ein regelmäßiger Gast der Messe BuchDruckKunst, die in diesem Jahr (hoffentlich) vom 24.-26. September im Barmbeker Museum über die Bühne geht. Ihre Liebe zur bildenden Kunst und zur deutschen Literatur, insbesondere zur Lyrik und zur Poesie, vereint Caroline Saltzwedel in exklusiven Künstlerbüchern, wie Martin Mosebachs „Land der Dichtung“ (2012) oder Robert Crawforts „Fire“ (2017), die seit 1998 in der von ihr gegründeten Hirundo Press erscheinen. Ihr jüngstes Buch „Querschnitt durch die Schwarze Kunst“ ist als Hommage an das Museum der Arbeit schon in der AdK-Ausstellung „Inspiration Hamburg“ zu sehen gewesen.

Susanne Schwarz, Drei Schachteln

Die zweite Papierkünstlerin dagegen bezeichnet sich als Autodidaktin: Susanne Schwarz, studierte Kommunikationsdesignerin, hat erst spät angefangen, sich ihrer Leidenschaft zu widmen. Doch der Erfolg zeigt, dass es nie zu spät für einen Neuanfang ist. Aus coloriertem Seidenpapier und Draht schafft Susanne Schwarz bezaubernde, hauchzarte Schachteln, („Wolkenheime“, wie ihr Label heißt), von denen eine 2020 als Plakatmotiv für die „Inspirations“-Ausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte warb: Die Elbphilharmonie in Pink mit einer kleinen, taktstockschwingenden Elfe obendrauf.

Enrique Killinger, Armreif

Mit Caroline Rügge und Enrique Killinger sind in der Metallgestaltung zwei klingende Namen in den Verband gekommen. Enrique Killinger, Sohn der Goldschmiedin Monika Killinger, hat erfolgreich das alteingesessene Geschäft in der Langen Reihe übernommen. Die Spezialität der Werkstatt, Schmuck in einer Kombination aus Silber und Feingold, aus in sich gedrehten Silber- und Goldbändern, führt er in gewohnter Qualität fort. Dabei setzt er mit formschönem „Waben“-Design auch interessante neue Akzente.

Caroline Ruegge, Ensemble aus Dosen Vasen Schmuck

Caroline Rügge gilt als ungewöhnlich vielseitige und experimentierfreudige Gestalterin mit Vorliebe für Unregelmäßigkeiten und rauhe Oberflächen. Immer wieder kombiniert die Gold- und Silberschmiedin Glas, oder Fundstücke wie Holz und Stein, mit ihren Objekten. Ihr Markenzeichen wurde eine silberne Teekanne mit dem dicken Dornenstil einer Rose als Griff. In der Koppel zeigt Caroline Rügge fragile kleine Silberdosen, die an Seeigel erinnern.

Hubert Steffe, Brett aus Hirnholz

Holzgestalter sind in Norddeutschland rar gesät, insbesondere in Hamburg, wo seit Anfang der 1990er Jahre keine Drechsler mehr ausgebildet wurden. In Bremen jedoch ist einer der besten Holzgestalter der Republik zu Hause, vielfach preisgekrönt und international renommiert: Hubert Steffe setzt Schneide- und Servierbretter aus unterschiedlichem Hirn- oder Stirnholz zu so kunstvollen Mosaiken zusammen, dass man kaum wagt, sie als Arbeitsunterlage zu benutzen. Wie die Partitur eines Komponisten zieht sich die Maserung mitunter über ein edles Brett. Die unzähligen Einzelteile sind dabei so exakt und fest verleimt, dass man keine Klebekante erkennt und meint, man habe es mit einem einzigen Stück, mit einem Geniestreich der Natur zu tun. Die Würde des Materials – hier kommt sie ganz besonders zum Ausdruck.

„VOILÀ! Die Neuen in der AdK Hamburg“, bis 8. Juli 2021, Kunstforum der GEDOK, Koppel 66, Lange Reihe 75, 20099 Hamburg, Mi – Fr 13 -18 Uhr, Sa + So 13 – 16 Uhr.

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KUNST SCHAFFEN bei Robbe & Berking in Flensburg – eine Messe mit einzigartigem Konzept

Holzdosen von Richard Schillings vor Triptichon von Friedemann Hahn

Handgewebte Handtücher neben Landschaftsradierungen, Schmuck und Tafelgerät neben Gemälden und Skulpturen. Nirgendwo sonst findet man angewandte und freie Kunst so selbstverständlich vereint, wie bei KUNST SCHAFFEN, der einzigartigen Messe, die im Flensburger Yachting Heritage Centre von Robbe & Berking nun schon zum zweiten Mal stattfindet. Und wieder mit etlichen AdK-Mitgliedern.

KUNST SCHAFFEN hatten sich Esther und Oliver Berking eigentlich als einmalige Aktion gedacht. Entwickelt und realisiert im vergangenen Frühjahr aus dem Impuls heraus, „die Produktion von Kunst auch unter Corona-Bedingungen zu ermöglichen“, wie Oliver Berking sagt, und natürlich auch, um mit Künstlerinnen und Künstlern aller Disziplinen wieder ins Gespräch zu kommen. Rund 60 Künstler*innen folgten damals der Einladung und verlegten ihre Ateliers kurzentschlossen in die gläsernen Werfthallen.

Wohl niemand hätte sich Mai 2020 ausmalen können (und wollen), dass die Gesellschaft ein Jahr später immer noch im Krisenmodus läuft. Vor allem: Dass die Existenz der freischaffenden Künstler*innen nach zwölfmonatigen „Dauer-Wellen“ und ständigem Hin- und Her von Lockdowns und Lockerungen bedrohter ist als je zuvor.

Keine Frage für das Unternehmerpaar also, das zweite große KUNST SCHAFFEN auf die Beine zu stellen, obwohl es für alle Beteiligten ein „enormer Kraftakt war“, wie Esther Berking unumwunden zugibt. Schließlich galt es 1800 Quadratmeter Ausstellungsfläche, auf der normalerweise die Yachtsportgeschichte gezeigt wird, für die Kunst freizuräumen.

Nach rund 60 Künstler*innen aus Hamburg und Schleswig-Holstein im vergangenen Jahr ist die Zahl nun auf fast 80 Teilnehmer*innen gestiegen und mit Beteiligungen aus ganz Deutschland, sowie Dänemark und England deutlich nationaler, sogar ein wenig international ausgerichtet. Sicher auch ein Verdienst von Kurator Thomas Gädeke, dem ehemals langjährigen Leiter der grafischen Sammlung Schloss Gottorf und kommissarischem Direktor des Landesmuseums 2011-2013.

So sind neben etlichen Norddeutschen Realisten, da wären Friedel Anderson, Frauke Gloyer, Mathias Meinel und Nikolaus Störtenbecker (er war schon im vergangenen Jahr dabei), diesmal auch Arbeiten von Klaus Fußmann, Friedemann Hahn und Wolfgang Werkmeister zu sehen. Von Künstlern also, die weit über Landesgrenzen bekannt sind. Während die meisten Gemälde im Kunterbunt der riesigen Werfthallen jedoch um Aufmerksamkeit kämpfen müssen, sind die monumentalen, abstrakt-kubischen Bronze- und Stahl-Plastiken des Bildhauers Jörg Blickat für die Hallen wie geschaffen. Seine Arbeiten gehören zweifellos zu den Highlights der Messe 2021. Publikumslieblinge allerdings dürften die lebensgroßen, teils humoristisch angelegten Holzfiguren von Clemens Heinl sein, einem Bildhauer aus Schwabach, der Stephan Balkenhol nachzueifern scheint.

Aber auch unter den lokalen Künstler*innen gibt es spannende Entdeckungen zu machen. Die zarten Radierungen von Augustin Martin Noffke gehören dazu, die filigranen, an Giacometti erinnernden Drahtfiguren auf Buchstelen von Wübke Rohlfs Grigull oder die Lampen- und Wandobjekte von Astrid Schessner, Leiterin der Holzwerkstatt der Muthesius Kunsthochschule in Kiel.

Überhaupt ist der Übergang von „frei“ zu „angewandt“ fließend. Beispiele dafür sind die delikaten japanischen Schriftkunstwerke von Hanako C. Hahne oder die Konzeptarbeiten von Tina Schwichtenberg und Lena Kaapke. Beide arbeiten mit alltäglichen Gebrauchsgegenständen als Metaphern für gesellschaftspolitische Aussagen. So hat die Kielerin Lena Kaapke eine höchst eindrucksvolle Bodeninstallation realisiert, in der 1500 gleichgroße, selbstgedrehte Keramikschälchen die Bevölkerungsdichte sämtlicher Länder dieser Erde visualisieren.

Kalligraphie von Hanako C. Hahne, Konzeptarbeit von Lena Kaapke

Die angewandte Kunst ist, dafür bürgt schon der Name Robbe & Berking, durch die Bank Spitzenklasse – egal ob im Schmuck, in den Sparten Keramik, Papier, Tafelsilber, Textil oder Tischlerhandwerk. Die Verbindung zu den Berufsverbänden in Hamburg und Schleswig-Holstein ist traditionell eng, dementsprechend stark sind Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks Hamburg (AdK) und des Berufsverbands angewandte Kunst Schleswig-Holstein (BAK-SH) auf dieser Messe vertreten. Eine gemeinsame Vitrine von Gerda und Wilfried Moll erinnert an den fantastischen Silberschmied, der im vergangen Jahr noch selbst in Flensburg ausgestellt hatte und kurz danach, am 9. Juni 2020 im Alter von 80 Jahren völlig überraschend starb. Nun thront eine seiner wunderschönen silbernen Teekannen über dem kongenialen Schmuck seiner Frau. Gleich daneben ist das streng geometrische Tafelgerät von Claudia Christl zu sehen, nicht zu vergessen die international ausgezeichneten und weltweit gesammelten Werke von Ula und Martin Kaufmann, die im Eingangsbereich ihresgleichen suchen. Im Bereich Buch und Papier hat Caroline Satzwedel einen starken Auftritt, im Bereich Textil die Weberei Hamburg (Natalia Möller-Pongis und Andreas Möller), im Bereich Holz stechen der minimalistische Schreibtisch von Ragna Gutschow heraus, die Holzdosen von Richard Schillings und die meisterhaften Bretter in Hirnholztechnik des Bremer Tischlers Hubert Steffe.

Holzfigur von Clemens Heinl, Tafelgerät von Ula und Martin Kaufmann, im Hintergrund Keramik der Dänin Birgit Marie Kjaer, Künstlerbücher von Caroline Saltzwedel und Keramische Plastik mit Kröte von Inke und Uwe Lerch. © für alle Fotos: Isabelle Hofmann

Was für hervorragende Keramiker Norddeutschland hervorgebracht hat, beweisen die Präsentationen von Karin Bablok, Inke und Uwe Lerch, Eva Koj, Gundula Sommerer, Roswitha Winde-Pauls. Und hier lassen sich auch noch vielfach erlesene Stücke für den kleinen Geldbeutel finden. Denn auch das ist wichtig: Diese Messe ist eine Verkaufsmesse und soll dazu beitragen, das die Künstler in dieser schwierigen Zeit finanziell über die Runden kommen.

Also: Auf nach Flensburg! KUNST SCHAFFEN hat das Zeug, eine Institution zu werden. Vielleicht ist sie das ja auch schon.

KUNST SCHAFFEN, bis 30. Mai 2021
Yachting Heritage Centre, Harniskai 13, 24 937 Flensburg
Di – So 11 – 18 Uhr, Eintritt 4 Euro

Derzeit müssen alle Besucher*innen einen negativen Corona-Test, der nicht älter als 24 Stunden ist, vorweisen. Eine kostenfreie Corona-Teststation steht direkt vor dem Eingang.

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