Lange Reihe 47 – Drei Monate Gestaltung außer der Reihe

Das Konzept klingt verrückt, doch es funktioniert: „Kunst in der Eisdiele“ feiert in diesem Herbst sein zehnjähriges Jubiläum.

Die wohl ungewöhnlichste Messe-Location der Stadt befindet sich nur ein paar Schritte vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt – in der Langen Reihe 47. Das Entree ist so schmal, dass man es leicht übersieht, doch im Inneren wird es überraschend geräumig. Wie ein langgezogenes Handtuch erstreckt sich die Eisdiele durch das gesamte Erdgeschoss. Das heißt: Eis wird ab Oktober gar nicht mehr verkauft. Dann lautet das Motto: „Drei Monate Gestaltung außer der Reihe“ und der Laden verwandelt sich in einen Hotspot angewandter Kunst.

Blick in den Laden. Foto: Isabelle Hofmann

Blick in den Laden. Foto: Isabelle Hofmann

Schon beim ersten Schritt durch die Tür ziehen farbenfrohe Kreaturen die Blicke auf sich: Über dem Eis-Tresen hängen langrüsselige, skurrile kleine „Monster“ in Orange, Grün und Blau, flankiert von ebenso bunten „Ei-Catchern“: Langstielige Eierbecher in Blumenform, die schon die Vorfreude auf Ostern wecken.

Die Vitrine selbst ist dekoriert mit einem mattweißen, farblich dezent akzentuierten Gebrauchsgeschirr, das ebenso schlicht und formschön wie extravagant wirkt.

Keramikfigur von Cornelia Woitun. Foto: Isabelle Hofmann

Keramikfigur von Cornelia Woitun. Foto: Isabelle Hofmann

Keramikerin Cornelia Woitun ist eine von zwanzig angewandten Künstlerinnen und Künstlern, die in der Langen Reihe 47 bis Mitte Januar zu Gast sind. Allesamt hervorragende Gestalter, deren Werke auch schon im Museum für Kunst und Gewerbe oder im Haus für Kunst & Handwerk, Koppel 66, zu sehen waren.

Helmut Wiederhold mit seinen mundgeblasenen Gläsern. Foto: Isabelle Hofmann

Helmut Wiederhold mit seinen mundgeblasenen Gläsern. Foto: Isabelle Hofmann

Helmut Wiederhold, St. Georgs letzter Glasbläser, war vor zehn Jahren Mit-Initiator der Galerie. Er präsentiert elegant geschwungene Gläser und Karaffen mit farblich abgesetzten Rändern oder Punkten aus Borsilikatglas. Sie sind hauchdünn – und dennoch erstaunlich unempfindlich. Spülmaschinenfest obendrein. „Das besondere Glas für den alltäglichen Gebrauch“, wie er sagt. Denn keines gleicht dem anderen – und genau das macht den besonderen Charme hand- bzw. mundgefertigter Dinge aus.

Pappschachteln von Nina Bhatty. Foto: Isabelle Hofmann

Pappschachteln von Nina Bhatty. Foto: Isabelle Hofmann

Zum Konzept der Messe gehören jedes Jahr wechselnde Aussteller, die jedes Mal juriert werden. Wiederhold legt Wert auf hohe Qualität, ebenso schätzt er die Vielfalt der Angebote und die intime Atmosphäre des Ladens, in dem der Kontakt zu den Kunden wie selbstverständlich entsteht. Gut die Hälfte der Aussteller sind Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Kunsthandwerk (AdK) – und dieser Name bürgt für Spitzenklasse. Die Bandbreite der Exponate reicht von Buchbinderei (Nina Bhatty) und Fotografie (Angelika Ackermann) bis zu den formschönen Holzdosen und Schalen von Hermann Savary. Die Grenze zwischen Kunst, Handwerk und Design ist dabei fließend. „Handweberei Purpur“ oder „Kleidung 180°“ bieten auch Multiples, die Taschen-Manufaktur Olbrish aus Berlin hat es mit ihrer geometrischen Formensprache bereits zum mehrfach ausgezeichneten Markenprodukt geschafft.

Ledertaschen von Olbrish. Foto: Isabelle Hofmann

Ledertaschen von Olbrish. Foto: Isabelle Hofmann

Schmuck ist traditionell stark vertreten und wie man sieht, geht der Trend wieder zur kleinen Form. Das gilt sowohl für die maritim inspirierten Anhänger und Silberringe von Michaela Paula Alt, wie für die fröhlich-feingliedrigen Ketten aus Silber und selbstgefertigten Glasperlen von Silja Böhm und erst recht für die bezaubernden, nostalgisch anmutenden Pretiosen aus Porzellan, Silber und Edelsteinen von Marjon Reinsberger.

Seidenschmuck von Ula Dahm. Foto: Isabelle Hofmann

Seidenunikate von Ula Dahm. Foto: Isabelle Hofmann

Auch die Hamburger Textildesignerin und Schmuckgestalterin Ula Dahm präsentiert in ihrer neuen Kollektion auffällig viele kleine einfarbige Seidenbänder. Ihr Markenzeichen jedoch sind aufwendig gearbeitete, farbig changierende Colliers aus Seidenstäbchen, die – zu regelrechten Gespinsten verknotet und vernäht – außerordentlich attraktiv und raumgreifend wirken. Dabei jedoch so luftig leicht, dass man sie kaum auf der Haut spürt. Ihre Trägerinnen beweisen in jedem Fall „Mut zum eigenen Geschmack“ – und der, so Helmut Wiederhold, würde der kaufkräftigen jungen Generation heute leider zunehmend fehlen: „Viele kaufen lieber, was in den Lifestyle-Magazinen steht, die haben nicht den Mut, etwas Individuelles zu kaufen“. Gott sei Dank gibt es noch Ausnahmen.

Isabelle Hofmann

„Drei Monate Gestaltung außer der Reihe“, Lange Reihe 47, bis 16 Januar 2016, Di-Sa 12-19 Uhr (bis Weihnachten: Di-So 12-19 Uhr), ab 30.11. auch montags geöffnet.

 

 

 

 

 

 

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