Handwerk ist Wirklichkeit

Nach seinem Aufsatz „Guck mal, was ich kann“ in unserem neuen AdK-Buch „Kunsthandwerk 4.0“ hat die Redaktion Nord Handwerk, das Magazin der Handwerkskammern Flensburg, Hamburg, Lübeck, Schwerin, den Hamburger Kulturwissenschaftler Jürgen Bönig zum Thema Handwerk und Digitalität befragt. Hier sein schönes Interview in der Februar-Ausgabe unter dem Titel: „Handwerk ist Wirklichkeit“.


»Handwerk ist Wirklichkeit« 

Wie geht das zusammen? Alle Welt macht auf digital, gleichzeitig begeistern sich immer mehr Menschen für handgemachte Produkte. Wir fragten den Kulturwissenschaftler Dr. Jürgen Bönig, besuchten fünf Handwerksbetriebe und bekamen Antwort.

Die Digitalisierung erfasst mit großer Dynamik nicht nur die Wirtschaft, sondern alle Lebensbereiche. Gleichzeitig erleben wir eine Renaissance des Analogen. „Handgemacht“ ist ein umsatzträchtiges Markenzeichen. Wie passt das zusammen?

Jürgen Bönig Das passt ganz gut zusammen. Die Begeisterung für das Virtuelle weicht der Erkenntnis, dass die Welt kein zahlenmäßiges Modell ist, sondern zunächst Materie. Der Verlust an Wirklichkeit wird als Mangel erfahren. Von jedem Einzelnen, besonders auch von Ausbildern. Die klagen nicht ohne Grund, dass viele junge Leute mit ausgeprägten motorischen Defiziten ihre Lehre antreten, dass sie nicht sequenziell denken können, ja manchmal nicht einmal mehr wissen, wie man eine umfallende Tonne aufhält.

Die Welt wird mit den Sinnen erfahren. Mit dem Körper lernen wir und entwickeln unsere Fertigkeiten. Das Handwerk ist die Stelle, an der tatsächlich auf die Welt eingewirkt wird. Daher kommt die Wertschätzung der Kunden für handgemachte Produkte. Und deshalb finden es so viele Menschen nach wie vor klasse, als Handwerker zu arbeiten. Handwerk hat immer das Moment, ich mache etwas echt. Handwerker sind keine besseren, aber irgendwie komplettere Menschen.

Trotzdem erscheint das Handwerk seinem Wesen nach als tradierter Gegenentwurf zur digitalen Ökonomie.

Bönig Das erscheint nur so. Tatsächlich ist das Handwerk längst dabei, sich zu öffnen. Das muss es auch. Es eröffnen sich doch großartige Chancen zum Beispiel bei digitalen Steuerungen. Die Herausforderung lautet, digitale Steuerungen und Werkzeuge für die eigene Arbeit zu erobern und zu formen.

Das ist jetzt sehr theoretisch.

Bönig Ein gutes Beispiel ist die Straklatte. Das ist eine biegsame Holzlatte, wie sie vor allem Bootsbauer verwendeten, um harmonische Linien ohne Beulen zu zeichnen. Die Straklatte gibt es als sehr komplexes digitales Werkzeug für den Computer. Vernünftigerweise sollte man dieses Werkzeug verwenden, aber auch kontrollieren können. Damit wird aber die Holzlatte nicht überflüssig. Das Computertool liefert nämlich nur ein numerisches Modell der Wirklichkeit. Ob es aber wirklich stimmt, lässt sich nur mit dem wirklichen Werkzeug prüfen. Um also mit dem digitalen Werkzeug arbeiten zu können, bleibt es notwendig, sich im physischen Raum mit den Dingen auseinanderzusetzen und entsprechende Kompetenzen zu erwerben. Noch deutlicher: Ich muss nicht den Fünf-Kilo-Hammer schwingen, wenn es eine digitale Entsprechung gibt. Ich brauche aber die handwerkliche Erfahrung mit dem echten Hammer, damit die Arbeit klappt.

Wir erleben aber eher, dass der technische Fortschritt Handwerksberufe mit langer Tradition vom Markt drängt.

Bönig Handwerker mit Leidensmiene, das ist für mich das Schlimmste, weil unproduktiv und nostalgisch. Nehmen Sie die Buchdrucker, von denen es ja immer noch einige gibt. Die lamentieren heute nicht mehr. Die haben eher die angemessene Haltung, wir können etwas Besonderes. Sie zeigen in Workshops dem Publikum, dass im Buchdruck Farbqualitäten erreicht werden, die schöner sind als im Offsetdruck. Darum geht es doch: bewahren, was bestimmte Qualitäten hervorbringt; handwerkliche Qualität überzeugend ans Publikum und an den Berufsnachwuchs bringen.

Durch den 3D-Druck werden vormals handgemachte Produkte, Unikate auf Knopfdruck reproduzierbar. Man kann darin eine Entwertung von Arbeit sehen.

Bönig Muss man aber nicht. Im 3D-Druck steckt ein unglaubliches Potenzial. Handwerk ist ja vielfach Einzelarbeit mit standardisierten Materialien. Das bedeutet Beschränkung, die durch CAD und 3D-Druck wegfallen wird. Digitale Steuerung ersetzt riesige Apparate. Aus der Fabrik wird man individuelle Produkte in Stückzahl eins bekommen. Ein Fensterbauer etwa wird nicht mehr gezwungen sein, mit 08/15-Profilen zu arbeiten. Das öffnet, weil ökonomisch und technisch möglich, enorme Gestaltungsräume.

Die Handwerkskunst besteht darin, Antworten auf die Frage zu geben, wie sich die neuen Möglichkeiten technisch und gestalterisch nutzen lassen.

Welche Entwicklung wird das Handwerk nehmen? Werden zukünftig immer mehr Berufe nur noch im Museum erlebbar sein?

Bönig Tradierte handwerkliche Fähigkeiten sind kein Museumsthema. Der Computer ist dümmer als eine Straklatte. Darum und weil die Wirklichkeit eben nicht virtuell ist, wird er Handwerk nicht ersetzen. Überliefern, digitale Technik integrieren und gleichzeitig den Berufsnachwuchs befähigen, aus dem handwerklichen Arbeiten heraus gute Gestaltung zu erreichen: Das ist mein Blick auf das Thema und in die Zukunft.

Jürgen Bönig

Zur Person: Dr. Jürgen Bönig ist Soziologe und Technikgeschichtler. Er arbeitet für die Stiftung Historische Museen Hamburg. Zahlreiche Ausstellungen im Museum der Arbeit, unter anderem zum grafischen Gewerbe und zum Maschinenbau, wurden von ihm eingerichtet.

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