„An die Flasche geraten und hängengeblieben“- Portrait der Glaskünstlerin Sybille Homann

An die Flasche geraten und hängengeblieben“ – so fasst Sybille Homann ihre Biografie zusammen und meint es damit durchaus ernst. Die gebürtige Bremerin verarbeitet Altglas, vorwiegend Weinflaschen, zu puristisch-schönen Gebrauchsgegenständen, vom Leuchtobjekt bis zum Raumteiler. Seit 2016 ist die Glaskünstlerin Mitglied der AdK.

Das Zeug kannst Du vielleicht mal im Bioladen verkaufen“. Sybille Homann erinnert sich nur zu gut an die abschätzige Bemerkung eines HfbK-Professors, als sie Mitte der 1990er Jahre begann, in der Kunsthochschule am Lerchenfeld Flaschen zu zerschneiden und neu zusammenzusetzen.

An der Schleifmaschine

Doch sie ließ sich nicht beirren, schließlich war sie bereits eine gestandene Designerin, hatte nach dem Abitur in Bremen eine Tischlerlehre absolviert und fünf Semester Industriedesign an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel hinter sich. Doch das Studium in Kiel war ihr „zu verschult“, Sybille Homann wollte frei arbeiten, auch interessierte sie Glas mittlerweile mehr als Holz, gerade weil die Verarbeitung so schwierig ist: „Glas ist ein faszinierendes Material, aber man braucht lange, bis man es versteht“. Als die international renommierte Glaskünstlerin Ann Wolff 1993 nach Hamburg kam, um an der HfbK eine Professur anzunehmen, war für die Studentin klar, dass auch sie nach Hamburg musste. Bei Ann Wolff konnte sie endlich nach Lust und Laune experimentieren – leicht hatten es die Glaskünstler an der Kunsthochschule jedoch nicht. „Wir hatten keinen eigenen Ofen und haben deshalb nachts heimlich unsere Arbeiten in der Keramik gebrannt“, erinnert sich Sybille Homann. Und davon wären die Keramiker „gar nicht begeistert“ gewesen.

Blick in die Galerie

Eine Werkstattbeteiligung in Hohenhorst, unweit der Haseldorfer Marsch, folgte, auch einige Praktika in schwedischen Glashütten, wo Sybille Homann die Kunst des Glasschmelzens lernte, Wachsmodelle und verlorene Formen baute – doch ihren eigenen, unverwechselbaren Stil verdankt sie einer „Notlösung“, wie sie erzählt: „Ich brauchte irgendwann mal einen Messbecher und da ich keinen fand, schnitt ich kurzerhand den Hals einer Weinflasche ab“. Das Ergebnis war ein verblüffend formschöner Becher. Ein Schlüsselerlebnis für die Künstlerin. Sie erkannte das Potenzial, das in den Flaschen steckt und entwickelte eine Produktlinie. Endlich mal loslegen und sich nicht um die Finanzierung sorgen zu müssen, da das Grundmaterial im Überfluss vorhanden ist – und oftmals auch noch kostenlos. Ein nicht unerhebliches Argument, wenn man selbstständig ist und zudem noch alleinerziehende Mutter. Der Aspekt der Wiederverwertung gefällt Sybille Homann außerdem – Mitte der 90er Jahre gehörte sie damit sogar zur Avantgarde unter den angewandten Künstlern: „Als ich begann, mit vorhandenen Materialien zu experimentieren, war Recycling noch gar nicht angesagt und den Begriff Upcycling kannte noch keiner“, sagt Sybille Homann und lacht.

Seitdem hängt die Glaskünstlerin an der Flasche – obwohl Form und Farbe eher beschränkt sind: Wein-, Sekt-, Saft- und Wasserflaschen unterscheiden sich nur wenig, dann gibt es noch die kleineren Bierflaschen, sowie die markanten rundlichen Boxbeutelflaschen – und damit ist der Variantenreichtum auch schon ausgeschöpft. Auch die Farbpalette ist übersichtlich: Grün, braun und farblos sind die Regel, blaue und gar rote Flaschen eine kostbare Seltenheit. Für Sybille Homann ist die Begrenzung eine Herausforderung: „Es reizt mich einfach, mich auf die Formen einzulassen und sie immer neu zu interpretieren.“ sagt die Künstlerin, die nach Designstudium und mehreren Werkstattbeteiligungen heute eine Galerie auf St. Pauli betreibt. „Die einfache, klare Linie, wie man sie in den skandinavischen Ländern findet, liegt mir ohnehin viel mehr als das bunte, puttige Glas der Tschechen“. Wohl wahr. In ihrem Showroom und Atelier in der Kleinen Freiheit 46 dominiert die puristisch reduzierte Form. Dennoch gleicht kein Stück dem anderen. Jeder Becher, jeder Gießer hat seine individuelle Note, es scheint unendliche Variationen zu geben. Mitunter wirken die Tüllen wie riesige Schnäbel und geben den Gießern dann auch ihren Namen, wie „Pinguin“ oder „Schnabel“.

Materiallager

Eine ganze Wohn-Welt aus Glas. Wer will, kann sich hier komplett einrichten: Vom Kleiderhaken und Türgriff über Schalen und Kannen bis zu großformatigen Leuchtobjekten, Glastischen und Raumteilern ist alles zu finden. Selbst ein Bettgestell hängt an der Wand. Das allerdings stammt nicht von ihr, sondern von den Möbelherstellern performa aus Heilbronn. Sybille Homann stellt eine ganze Reihe befreundeter Künstler und Designer aus: Taschen von Noto aus Gusborn, Schmuck der Hamburgerin Ilka Bruse, Pfeffermühlen von Hergen Böttcher aus Bremen, Besteck von Latimeria aus Finnland. Was sie alle verbindet, ist ihre klare, elegante Designsprache und ihre hochwertige Verarbeitung. Perfektion muss sein, findet Sybille Homann, vor allem bei ihren eigenen Glasobjekten – „denn sonst ist es ja doch nur Altglas“.

 

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