„Flow of Forms/Forms of Flow“ im Hamburger Völkerkundemuseum

Einige Themen liegen offenbar in der Luft, sind mit einem Mal angesagt und werden fast zeitgleich von verschiedenen Institutionen aufgegriffen. Nur wenige Wochen vor der AdK-Ausstellung „Transit – Ideen auf der Durchreise“ in der Handwerkskammer Hamburg (8.-22.6.2018), wurde jetzt „Flow of Forms/Forms of Flow“ im Hamburger Völkerkundemuseum eröffnet. Eine hochinteressante Ausstellung, die eindrücklich zeigt, wie stark die Wechselwirkung zwischen afrikanischem und europäischem Design ist – und wie leicht man sich bei der Annahme des „Typischen“ irrt.

Afrikanisches Design, das einmal vorausgeschickt, wird häufig mit Folklore gleichgesetzt. Die meisten kennen ja auch nur die Waren der Straßenhändler und Stände südländischer Touristenmetropolen. Selbst der alljährlich stattfindende „Markt der Völker“ im Museum hat mit seiner Fülle an Holzlöffeln und Masken, Papierperlen und bunt bemalten Figürchen aus alten Ölfässern ein bestimmtes Bild geprägt. Alles günstig, oft noch für einen guten Zweck, doch dieser Ethnokitsch spiegelt nicht im Entferntesten die kreative Szene zwischen Libyen und Südafrika, Mali und Tansania, die oftmals in Europa ausgebildet wurde, mit zukunftsweisenden Ideen die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern will und dabei zunehmend global operiert. David Adjaye ist ein Beispiel: Geboren in Daressalam, aufgewachsen in Kairo, lebt und arbeitet der Architekt heute in London. Seine erste Stoffkollektion für den Möbelhersteller Knoll ist eine Hommage an die traditionelle Kente-Weberei der Aschanti. Ein anderes Beispiel ist das Johannesburger Modelabel Black Coffee, das mittlerweile auf internationalen Fashion Weeks von Berlin bis New York auftritt und in seinen Kollektionen nicht nur das eigene kulturelle Erbe, sondern auch die Rezeption europäischer Künstler reflektiert. So greifen die geometrischen „Kontrapunkt Mäntel“ Farben und Formen von Picassos erstem kubistischem Werk, den „Demoiselles d’Avignon“ auf.

Mode von Black Coffee aus Südafrika

Ebenso minimalistisch wie vorbildlich in Punkto Nachhaltigkeit sind die Entwürfe des in Frankreich ausgebildeten Architekten und Designers Cheick Diallo aus Bamako. Da in Mali chronische Materialknappheit herrscht, nimmt er, was da ist und baut aus Altmetall und Nylonfäden aus Fischernetzen elegante, oftmals weich geschwungene Hocker und Tische, in denen handwerkliche Tradition und gestalterische Avantgarde sensibel miteinander verschmelzen. Als Gründer der Assoziation afrikanischer Designer arbeitet Diallo mit lokalen Handwerkern zusammen, Gerbern, Webern, Schnitzern und Silberschmieden, die mit großer Lust am Experiment gebrauchte Gegenstände umformen. „Wir sind nicht beleidigt, wenn ihr (Europäer) euren Müll nach Afrika schickt“, sagt Diallo verschmitzt. „Für uns ist das kein Müll, sondern Material, aus denen wir tolle Sachen machen – um sie wieder nach Europa zuschicken. So ist alles im Fluss.“

Tisch aus Eisen und Nylonfäden von Cheick Diallo, Bamako

Der ständige Ideen-Austausch rund um den Globus macht aber auch die Frage nach dem Originären, Identitätsstiftenden schwierig. So stammt die „typische“ Majolika Keramik aus Caltagirone ursprünglich gar nicht aus Sizilien, sondern aus Nordafrika, wie das Projekt „Molding Traditions“ des italienischen Studios Formafantasma zeigt. Und die Rotterdamer Designerin Simone Post verweist mit ihrem Werk „Post-Vlisco“ auf den absurden Umstand, dass die farbenprächtig-gemusterten Stoffe, die so „typisch“ für Westafrika scheinen, „Made in Holland“ sind. Keine Fake und noch nicht einmal News: Das niederländische Textil-Unternehmen Vlisco dominiert seit 1876 den westafrikanischen Markt (wobei Färbetechnik und Muster ursprünglich aus Indonesien stammen). Lokale Stoffproduzenten haben seitdem das Nachsehen.

Zwei von vielen „Designgeschichten zwischen Afrika und Europa“, die die Kuratorinnen Kerstin Pinther und Alexandra Weigand in ihrer Ausstellung zusammengetragen haben. In fünf Kapiteln werden hier nicht nur die vielfältigen gestalterischen Verflechtungen zwischen beiden Kontinenten deutlich, die Transform(N)ation zur Zeit der Unabhängigkeitsbewegung und die unterschiedlichen Formen der Kooperation. Hier wird auch klar, dass unsere „Formen der Moderne“ im Austausch mit afrikanischem Kunsthandwerk entstand. Bereits 1907 archivierte der einflussreiche Sammler und Museumsgründer Karl Ernst Osthaus Fotografien afrikanischer Gefäße – als „Beispiele des guten Geschmacks“ für den Deutschen Werkbund. Formen, die noch heute als „zeitlos modern“ angesehen werden.

Fazit: „Flow of Forms/Forms of Flow“ ist ein Muss für alle, die sich für Design interessieren. Und erst recht für alle, die sich professionell mit Gestaltung befassen.

Isabelle Hofmann

Bis 19.8.2018, Museum für Völkerkunde, Rothenbaumchaussee 64, 20148 Hamburg, Di-So 10-18 Uhr, Do bis 21 Uhr, Eintritt 8,50 Euro, erm. 4 Euro. Alle Info unter www.voelkerkundemuseum.com

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