Das „Naturereignis“ Peter de Vries

Freunde und Kollegen bezeichnen ihn als „Naturereignis“. In jedem Fall ist Peter de Vries ein charismatischer Mann mit überschäumendem Naturell, Schalk im Nacken und umwerfend guter Laune. Ein kreativer Kopf, der ständig neue Ideen entwickelt und mit seiner Begeisterung alle anzustecken vermag. Anfang der 90er Jahre war der Hutmacher schon einmal AdK-Mitglied. Seit 2018 ist er wieder dabei. Und das nicht nur mit seinen Hüten. Neuerdings macht Peter de Vries auch Urnen.

Peter de Vries mit veganer Stroh-Urne

Das Unmögliche zu schaffen, gelingt einem nur, wenn man es für möglich befindet.“ Das hat zwar der verrückte Hutmacher aus „Alice im Wunderland“ gesagt, doch der Satz hätte auch von Peter de Vries stammen können. Schließlich ist es schon ziemlich verrückt, seinen einträglichen Beruf als Optiker an den Nagel zu hängen, um Hüte zu machen. Ohne jede Ausbildung, wohlgemerkt, als Autodidakt. Wenn man den gebürtigen Holländer fragt, wie er auf den Hut und nach Hamburg gekommen ist, erzählt er von einer Hut-Show bei der Eröffnung eines Casinos in seiner Heimatstadt Groningen 1988 und seiner Freundin damals, „die sehr gerne Hüte trug“. Das Handwerk hatte ihn gepackt, obwohl er selbst keine Hüte trug und bis heute nicht trägt. 1989 kündigte er seinen Job als Optiker, ging nach Hamburg, eröffnete in der Geschwister-Scholl-Straße 8 sein Atelier und wurde wenig später zum ersten Mal Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Kunsthandwerk in Hamburg.

Hutformen aus Holz

In dem Atelier in Eppendorf arbeitet Peter de Vries heute noch, denn es brachte ihm Glück – auch persönlich. Eines Tages betrat eine Dame die Werkstatt, die eigentlich nur einen Hut suchte – und ihren späteren Ehemann fand. Mittlerweile sind die Kinder 20 und 16 Jahre alt und die Werkstatt sieht (fast) noch so aus, wie de Vries sie einst eingerichtet hat. Der erste Eindruck, sobald man sie betritt: Voll und etwas chaotisch. Oder: Voll und schön aufgeräumt. Das liegt ganz daran, welchen Tag man gerade erwischt. In der Mitte ein schmaler Tisch, auf dem ein paar Hüte trocknen. Links und rechts davon zwei Arbeitsplätze mit Nähmaschinen. Eine davon ist eine echte Antiquität und stammt aus den USA der 1880er Jahre. An ihr sitzt Peter de Vries, wenn er die Strohhüte und -Urnen näht.

Peter de Vries an seiner Nähmaschine

Rundherum raumhohe Wandregale mit Hutformen aus Holz, Hutrohlingen aus Filz, Strohhüten und einem riesigen Wäschekorb aus Stroh. Beeindruckend ist die Sammlung an Hutpressen aus Aluminium, die martialisch und archaisch anmuten, doch genauso noch heute in Italien hergestellt werden.

Hutformen aus Aluminium

Über ihnen hängen Bilder der niederländischen Königsfamilie: Königin Juliana und Prinz Bernhard, Königin Beatrix und Prinz Claus. Gegenüber König Willem-Alexander und Königin Maxima. „Meine Sippschaft“, kommentiert Peter de Vries augenzwinkernd, „Ich bin ja das schwarze Schaf der Familie“. Das stimmt zwar nicht, dafür stimmt aber, dass er zur Hochzeit von Maxima und Willem-Alexander für die entfernte norddeutsche Verwandtschaft die Hüte entwarf. Das war 2002 und zu jener Zeit war der Hutmacher bekannt wie ein bunter Hund für seine verrückten Kreationen. „Einer meiner Hüte war so groß, dass mein Modell umgefallen ist“, erzählt er lachend. „Den hatte ich für den Moet-Chandon-Wettbewerb 1999 auf der Horner Rennbahn gemacht“.

Mittlerweile setzt der Wahlhamburger verstärkt auf tragbare und vielseitige Hüte. Zu den Verkaufsschlagern zählt der praktische „Robin Hut“ aus feinem Velourfilz, „der den Reichen nimmt und den Armen gibt“ (de Vries). Der robuste „Rollin Hat“ für den Herren, der ein wenig dem Borsalino-Klassiker „Fedora“ ähnelt – und natürlich der preisgekrönte und vielfach wandelbare „Sushehat“, ausgezeichnet mit dem renommierten „Red Dot Design Award“ 2006 und dem Preis für Ecodesign der Mailänder Universität 2009.

Erfolgsmodelle Sushehat und Robin Hut

Immer in Bewegung bleiben, sich immer wieder neu erfinden, das ist die Devise des Peter de Vries, der auch mit 57 Jahren nichts von seinem Lausbubencharme und seiner Neugierde verloren hat. Nicht zu vergessen die Experimentierlust, der so großartige Erfindungen wie die schalldämmende Wandfliese aus Filz zu verdanken ist. In den Maßen 50×50 Zentimeter ist sie nach Belieben bedruckbar und farbig zu gestalten, dazu über ein Klettverschlusssystem leicht und variabel in gewünschter Menge an den Wänden zu befestigen. Diese Filzfliese hat ihm 2010 nicht nur den Hessischen Staatspreis eingebracht, sondern auch ein komplett neues Berufsfeld als Akustikspezialist eröffnet. In den Fluren des Hamburger Johanneums, in der Montessori Schule Düsseldorf, in etlichen Büros, ja sogar auf einem Kreuzfahrtschiff sorgen Filzfliesen aus seiner Werkstatt jetzt für einen angenehmen Lärmpegel.

Wäschekorb und Filz-Fliesen

In der Opernwelt hat der Hutmacher ebenfalls Aufsehen erregt. Für die Bayreuther „Lohengrin“-Inszenierung von Hans Neuenfels 2010 bestellte der Bühnen- und Kostümbildner Reinhard von der Thannen 143 gelbe Filzhüte. Eine schöne Geschichte, die Peter de Vries nun den Studierenden erzählen kann: Seit 2011 unterrichtet er als Lehrbeauftragter in der Textil-Klasse von Professor Renata Brink an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Nach dem innovativen Einsatz von Filz nun also der innovative Einsatz von Stroh: Als biologisch hundertprozentig abbaubare Urnenhülle. Vielleicht ist es ja auch ein wenig dem Alter geschuldet, dass sich der Designer und Kunsthandwerker nun diesem ernsten Thema zuwendet. Allerdings – allein die Idee entlockt einem doch schon unwillkürlich ein Lächeln. Was für eine schöne Vorstellung, in einer handgenähten Strohurne in die Ewigkeit einzutauchen. In einer dieser unprätentiösen kleinen Körbe mit Deckel, deren wellenförmige Form an leckere Baumkuchen erinnert. Das Weizenstroh, die Baumwollfäden und die Kokosfasern als Füllung und Kordel sind ebenso vegan, wie die Asche-Kapsel aus gepresstem Hanf. Das gleiche gilt für die Farben der Stroh-Urne, die vom hellen Naturton bis zum tiefen Schwarz wählbar sind. So eine Urne kostet 190,- bis 390,- Euro. Und eine prominente Kundin hat auch schon eine bestellt: Marie Bäumer war von der Urnen-Idee begeistert. Die Schauspielerin, die dieses Jahr für ihre Rolle als Romy Schneider in dem Film „3 Tage in Quiberon“ den Deutschen Filmpreis als beste Hauptdarstellerin erhielt, ist seit den frühen 90er Jahren eine Freundin von Peter de Vries. Doch das ist eine andere Geschichte…

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