Gehäkelte Nester und Blütengerippe – der ungewöhnliche Schmuck von Svea Imholze

Svea Imholze an ihrer Werkbank. © Fotos: Isabelle Hofmann

Abstrahierte Blüten, Kapseln und Knospen, Samen, Stempel und Stiele: Aus hauchfeinen Silberblechen und dünnen Drähten entwickelt Svea Imholze einen ebenso spröden wie faszinierenden Schmuck. Er wirkt zwar minimalistisch kühl konstruiert, ist aber eindeutig von der Natur inspiriert. Was Wunder: Die Liebe zu den Blumen wurde der 35jährigen Gold- und Silberschmiedin gleichsam in die Wiege gelegt – Svea Imholzes Mutter ist Floristin.

Ohrringe von Svea Imholze

Paul-Roosen-Straße 30. Eine illustre Adresse. Nur ein paar Schritte weiter befindet sich die Affenfaust Galerie, um die Ecke hat Glaskünstlerin Sybille Hohmann ihr Atelier und gar nicht weit ist die Werkstatt der Textilkünstlerin Ulrike Isensee zu finden. Seit Jahren schon wächst und gedeiht die Kunstszene in den kleinen Nebenstraßen rund um die Reeperbahn – und die Paul Roosen-Straße ist nun um eine Attraktion reicher: Im November 2018 eröffnete Svea Imholze gemeinsam mit Kathleen Hennemann ihr neues Atelier.

Schon von außen wirkt der Laden außerordentlich einladend. Die Fenster sind sparsam dekoriert, jedes Stück ist mit Bedacht platziert. Svea Imholze ist Perfektionistin, das spiegelt der minimalistisch eingerichtete Galerieraum auf Anhieb. Im hinteren Bereich sind zwei schöne Arbeitsplätze eingerichtet, im vorderen Bereich ziehen elegante Vitrinen aus Glas und geschwärztem Eisen die Blicke auf sich. Auch sie sind aus dem Hause Imholze. Sveas Bruder Jöran ist Metallgestalter und arbeitet in Berlin im Studio von Olafur Eliasson. (Eliasson gehört zu den international gefragtesten Künstlern der Gegenwart. Seine Großprojekte, wie die vier künstlichen Wasserfälle rund um die Südspitze Manhattans, haben weltweit für Furore gesorgt).

Svea Imholze vor den Vitrinen ihrers Bruders

Die Liebe zum Werkstoff Metall teilt Svea Imholze mit ihrem Bruder seit einem Praktikum bei Edda Sandstede in Oldenburg. Bei der Kunstschmiede-Meisterin baute sie nach dem Abitur ihre ersten Schmuckstücke, lernte, was für ausdrucksstarke, attraktive Ringe, Ketten oder Broschen aus unedlen Metallen, eigenen Legierungen und selbstgebranntem Glas entstehen können.

„Edda Sandstede war prägend für mich“, sagt die gebürtige Bremerin rückblickend. „Sie hat mich auf eine ganz unkonventionelle Art an die Schmuckgestaltung herangeführt und die Begeisterung für das Handwerk und die Auseinandersetzung mit dem Metall erweckt.“

Nach dem Praktikum stand dann auch der Berufswunsch fest. Svea Imholze schrieb sich an der Hochschule für angewandte Künste in Hildesheim ein, Studiengang Metallgestaltung. Dort wurden die unterschiedlichsten Materialstudien gemacht und dort hat sich auch ihre „Leidenschaft für das Experimentieren entwickelt“, nicht zuletzt durch Ihren Lehrer, Professor Georg Dobler, einem der bedeutendsten Schmuckkünstler der Gegenwart, dessen innovative Mischung aus Konstruktivismus und Naturalismus eine ganze Generation von SchmuckgestalterInnen beeinflusste. Doch unterm Strich war Hildesheim eher enttäuschend. Svea Imholze fühlte sich alleingelassen, kam nicht weiter mit ihren Experimenten, weil ihr fundamentale Grundlagen in der Metallverarbeitung fehlten. Also brach sie das Studium ab und ging 2005 zurück nach Bremen, zu Kerstin und Michael Falk in den Handwerkerhof der Böttcherstraße. Bei dem Goldschmiede-Ehepaar lernte Svea Imholze den Umgang mit dem Metall von der Pike auf, vor allem „das sehr präzise Arbeiten“.

Vier Jahre später hatte sie ihren Gesellenschein in der Tasche und technisch alles drauf, was man in Punkto Metall draufhaben muss. Anstellungen als Goldschmiedin in Hamburg und Bremen folgten, doch als Angestellte ließen sich eigene Vorstellungen kaum verwirklichen – und diesen Ehrgeiz hatte die junge Goldschmiedin unbedingt. Ein Leben lang Auftragsarbeiten? Konventionellen Schmuck? Unvorstellbar!

Imholzes Ziel war Autorenschmuck, Schmuck an der Schnittstelle von bildender Kunst und Kunsthandwerk, der von einer individuellen gestalterischen Handschrift geprägt ist. Also bewarb sie sich noch einmal an einer Hochschule, diesmal an der staatlichen Zeichenakademie in Hanau. Dort war es Thomas Dierks, der sie unterstützte und sie zu immer neuer Auseinandersetzung mit Materialien und Motiven herausforderte.

In Hanau machte Svea Imholze 2015 ihren Abschluss als Gold- und Silberschmiedemeisterin, sowie als staatlich geprüfte Produktdesignerin mit Schwerpunkt Schmuck, Gerät und Accessoire. Danach entschied sie sich für Hamburg als Lebensmittelpunkt, mietete ein kleines Hinterzimmer-Atelier in einer Boutique in der Marktstraße und bewarb sich 2017 um eine Mitgliedschaft in der AdK Hamburg. Mit ihren ungewöhnlich fragilen Objekten aus „schmuckfernen“ Materialien – gehäkelte Körper, aus dünnem Stahldraht, die an Nester erinnern. Ketten aus Baumwollfäden, Ohrringe, die Blütengerippen gleichen und intensiv farbigen Broschen aus Reparaturschaum und Edelstahlgittern – war es nicht schwer, die Jury von der künstlerischen Qualität ihrer Arbeiten zu überzeugen.

Mittlerweile, so erzählt Svea Imholze, habe der Reiz unedler Materialien etwas nachgelassen. „Zurzeit experimentiere ich mehr mit Formen und Oberflächen. Wobei ich die Silberbleche oft unscheinbar und unedel erscheinen lasse“.

Kette aus gehäkelten Nestern und Blütengerippen

In der Natur findet die junge Schmuckkünstlerin „ganz viele kleine Dinge, die mich inspirieren und die ich auch sammle“. So tauchen seit drei Jahren immer wieder abstrakte Blumenmotive in ihrer Kollektion auf. Ab und zu verarbeitetet sie ihre Fundstücke auch direkt. Eukalyptuskapseln beispielsweise, oder kleine Knochen und Korallenstücke: „ Was die Natur hervor bringt, begeistert mich unendlich. Das können noch so einfache Dinge sein. Bei mir erhalten alle Dinge ihre Wertschätzung“.

Zurzeit dominieren zwar die Blumenmotive, „aber wer weiß, was sich daraus noch entwickelt“, sagt Svea Imholze lächelnd. „Ideen für neue Serien sind immer da, deshalb bin ich manchmal auch etwas sprunghaft in meiner Arbeit. So gesehen wird es mir nie langweilig neue Dinge auszuprobieren aber auch die erlernten Techniken auszureifen und weiterzuentwickeln“.

Noch arbeitet die Gold- und Silberschmiedin weitgehend allein in ihrem Atelier, aber in Zukunft möchte sie auch Lehrlinge ausbilden: „Ich finde es sehr wichtig, handwerkliches Wissen weiterzugeben. Das Kunsthandwerk übermittelt Werte, die in unserer Gesellschaft nicht verloren gehen dürfen. Aber das Ausbilden ist auch eine große Herausforderung. Es braucht noch etwas Zeit, bis ich diese Verantwortung auf mich nehmen möchte.“

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