Nachruf auf Thomas Schleede

12. Dezember 1946 – 2. April 2019

Von Rüdiger Joppien

Bevor ich Anfang 1987 von Köln nach Hamburg an das Museum für Kunst und Gewerbe wechselte, gab mir mein Freund, der Goldschmied  Wilhelm T. Mattar, den Tipp mit auf den Weg: „Du musst gleich mal den Thomas Schleede kennen lernen, das ist ein guter Typ.“

Mattars Empfehlung war Gold wert, denn Thomas und ich wurden Freunde und blieben es für 32 Jahre, bis Thomas am 2. April 2019 nach langer, geduldig ertragener Krankheit verstarb.

Thomas war nicht nur ein Freund, sondern wurde auch für mich ein unentbehrlicher Berater in Sachen Goldschmiedekunst. Einige Jahre saßen wir nebeneinander im Vorstand der Justus Brinckmann Gesellschaft, der Freundesgesellschaft  des Museums für Kunst und Gewerbe, sowie im Kuratorium der Jahresmesse für Kunst und Handwerk. Thomas kannte sich aus, nicht nur in Fragen des Handwerks, sondern auch mit Menschen und in der Geschichte. Er wusste immer, was wo in Hamburg los war. Er las sehr viel, und ging ins Theater, in die Museen sowieso. Er war einer der offensten, interessiertesten Menschen, die ich in Hamburg kennenlernte. Neuen Ideen gegenüber war er stets aufgeschlossen, wenn sie gut begründet waren. An beruflichen Wettbewerben und Herausforderungen hat er gerne teilgenommen, wenn sich ihm die Chance bot, dabei etwas Neues auszuprobieren oder zu erfahren. Thomas war ein wissbegieriger Mensch mit großer Offenheit. Diese Eigenschaft versuchte er auch seinen Lehrlingen zu vermitteln. So erfuhr ich bald nach meiner Ankunft in Hamburg, dass Thomas mit den Lehrlingen gern zu Ausstellungen ins Museum für Kunst und Gewerbe kam, weil ihm Horizonterweiterung überaus wichtig war. Die dortigen kunst- und kulturhandwerklichen Ausstellungen waren für ihn ebenso interessant wie Ausstellungen zum Design. Für Thomas war es selbstverständlich, dass ein Goldschmied sich nicht nur in den Grenzen seines Handwerks auskannte, sondern auch in allgemeinen Themen der Kunst zu Hause war.

Diesen Anspruch hatte Thomas von seinem Vater, dem Gold- und Silberschmied Gustav Schleede, geerbt. Dieser hatte noch einer Handwerker-Generation angehört, in der Bildung nicht selbstverständlich geboten wurde, sondern  mühsam erkämpft werden musste. Gustav Schleede war mit dem Maler Franz Nölken bekannt gewesen, besaß ein Bild dieses Künstlers, das er Thomas vererbte. Gustav Schleede hatte sich 1924 selbständig gemacht und war bald ein bekannter Metallkünstler Hamburgs geworden, der sich auch bildhauerisch betätigte. Nach dem 2. Weltkrieg hatte er die Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks in Hamburg (die AdK Hamburg) mitbegründet; schließlich war er mehrere Jahre Obermeister der Gold- und Silberschmiede gewesen.

Der 1946 geborene Thomas – gegenüber dem elf Jahre älteren Bruder Jens ein Nachzügler –  hat dem Vater nachgeeifert und dessen Aufgeschlossenheit auch für sich nutzbar gemacht. Seine Goldschmiedelehre absolvierte er 1964-1967 bei Hans Kay in Blankenese, bevor er 1969-1970 als Geselle bei Thomas und Ilse Dawo in Düsseldorf arbeitete und 1971 seine Meisterprüfung ablegte.  1974 – 1976 besuchte er die Fachhochschule für Gestaltung in Pforzheim, wo er bei den Professoren Klaus Ullrich und Hans Baschang studierte. Als 1976 Vater Gustav Schleede starb, ging Thomas nach Hamburg zurück, um seiner Mutter beizustehen. 1979 wurde Thomas mit dem großen Preis der Justus Brinckmann Gesellschaft ausgezeichnet.

Thomas hatte bis dahin gute Ausbilder und Meister gehabt. Als er 1978 die Werkstatt des Vaters übernahm (die dieser 1924 gegründet hatte), war ihm klar, dass er etwas  von seiner Erfahrung an die nächste Generation weitergeben würde.

1997 veranstaltete das Museum für Kunst und Gewerbe eine Ausstellung von Thomas Schleede und seinen bisherigen Schülern (Andreas Gehring, Arnd K. Klosowski,  Annette Lowsky, Jochen Möller, Friederike Rohse, Winfried Sommer, Jan Wege etc.). Zurückhaltend, wie es Thomas‘ Art war, präsentierte er sich zwischen seinen Schülern  als primus inter pares. Der Katalog und die Ausstellung trugen einen von Benvenuto Cellini übernommenen Titel: „von jeglicher Art und Kunst, … Stücke in Gold und Silber herzustellen.“ Erst der Innentitel „Neun Gold- und Silberschmiede der Werkstatt Schleede“ verriet dem Leser und Besucher, um was es eigentlich ging.

Thomas war nicht nur ein höchst engagierter Lehrer, er war auch ein solidarischer Freund vieler Goldschmiedekollegen. Wenn das Museum für Kunst und Gewerbe Ausstellungen veranstaltete, z.B. Werke von Otto Baier, Rudolf Bott, Hermann Jünger, Horst Stauber  oder Gerd Rothmann zeigte, bot Thomas eine Schlaf- und Wohnunterkunft in seinem denkmalgeschützten, reetgedeckten Ständer-Haus in Billwerder an.

Andererseits: verreiste Thomas selbst, nach München zur Internationalen Handwerksmesse, nach Hochheim zur Galerie von Rosi Jäger, nach Nürnberg oder Pforzheim, so schlug ihm überall die gleiche Freundschaft entgegen. Stellten die Schüler in Galerien oder Museen aus, besuchte Thomas nicht selten ihre Ausstellungen und besah sich die Ergebnisse ihrer Arbeit. So und anders hielt er immer Kontakt mit ihnen.

Thomas war ein lebhafter Geist, der anderen gerne zur Seite stand und sie bei ihrem Fortkommen beriet. Als sein Schüler Jan Wege Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes wurde, nahm Thomas dies befriedigt zur Kenntnis. Den Weg des Silberschmiedens, den Jan Wege eingeschlagen hatte, wäre auch Thomas gerne noch intensiver gegangen; ihn reizte es, sich mit dem Gefäß auseinanderzusetzen. Mal schmiedete er einen Silberbecher, mal einen Leuchter oder eine Dose, Objekte, die er vorher genauestens auf ihre Machbarkeit und Funktionalität konzipierte. Dass eine handwerkliche Arbeit zuverlässig, gut durchdacht, nachhaltig produziert werden musste, gehörte für ihn zur DNA eines guten Handwerkers, für ihn gab es keinen wesentlichen Unterschied zwischen dem (Kunst-) Handwerker und dem Designer.  Entsprechende Gedanken förderte er in seinen Schülern. Was dazu führte, dass Jochen Möller Kerzenleuchter herstellte oder Arnd Kai Klosowski und Andreas Gehring sich dem Design von Armbanduhren widmeten. Thomas selbst hat für den Schweizer Hersteller Ventura einen  Kugelschreiber entworfen, der 1992 mit einem begehrten Design-Plus-Preis ausgezeichnet wurde.

Im März 1997 schrieb die Handwerks-Zeitung Nord-Handwerk anlässlich der Ausstellung der Werkstatt Schleede im Museum für Kunst und Gewerbe: „zum Silberschmied wird (in Hamburg) gar nicht mehr ausgebildet.“ Diese Aussage stimmte nur insofern, als es zu dem Zeitpunkt in Hamburg keine ausbildungsfähige, professionelle Silberschmiedewerkstatt mehr gab. Aber immerhin versuchte Thomas in seiner Werkstatt das Bewusstsein für das Silberschmieden noch aufrecht zu erhalten.

1990 übernahm Thomas als Nachfolger von Wilfried Moll für sechs Jahre den Vorsitz der Arbeitsgemeinschaft der Kunsthandwerker Hamburgs (AdK) und erarbeitete kurz darauf einen bemerkenswert umfassenden, durchgehend farbig illustrierten Katalog vom Schaffen Hamburger Kreativer und sorgte für Vor-und Geleitworte des Präses der Kulturbehörde, Ingo von Münch, bzw. des Direktors des Museums für Kunst und Gewerbe, Wilhelm Hornbostel.

Als 2002 das Museum für Kunst und Gewerbe sein 125jähriges Jubiläum feierte, ersannen Thomas und der Verfasser dieser Zeilen eine Jubiläumsedition unter der Schirmherrschaft der Justus Brinckmann Gesellschaft. Dreizehn angewandte Künstler, allesamt Mitglieder der Fördergesellschaft, schufen ausgesuchte Objekte, die zur Herstellung in limitierten Kleinserien bestimmt waren. In einer eigenen von Nils Jockel gestalteten Broschüre wurden sie in Text und Bild vorgestellt und zum Kauf angeboten. Jedes Objekt enthielt einen Hinweis auf das Museum.

Thomas war ein Freund der Gemeinschaft. Sein Naturell war den Menschen zugewandt, den Berufskollegen, den Schülern, aber auch den Kunden. Von seinem Vater hatte er am Winterhuder Marktplatz ein Goldschmiedegeschäft übernommen, das er bis 2012 führte, bevor sein Schüler Matthias Bendtfeld es von ihm übernahm. Unter der Woche wurde Thomas mehr als zwei Jahrzehnte lang von Jutta von Diepenbroich vertreten, samstags stand er selbst im Laden. Änderungen oder Reparaturen führte er in der hauseigenen Werkstatt aus. Dass Thomas seine Kunden gut beriet, sicherte ihm ein langjähriges Renommee, so dass das Geschäft von einer Generation zur nächsten empfohlen wurde. Auf den vorweihnachtlichen Jahresmessen im Museum für Kunst und Gewerbe ließ sich gut beobachten, wie zugewandt Thomas den Kunden gegenüber auftrat. Stets lagen Zeichenblock und Bleistift in Reichweite, um nach den Vorstellungen des Kunden erste Entwürfe zu skizzieren und mit diesem ein konstruktives Gespräch anzufangen. Jeder Kunde bekam so das Gefühl, es mit einem aufmerksamen, gewissenhaften Meister zu tun zu haben.

Hatte Thomas einen guten Messeabschluss gehabt, nutzte er die Gunst der Stunde zum Essen gehen. Da  er ungern allein war, konnte die von ihm eingeladene Gruppe mitunter über reichlich viele Personen verfügen. Cuneo auf St. Pauli war sein bevorzugtes Stammlokal, kleinere Trinkrunden ließen sich auch bei Nagel in der Kirchenallee durchführen. Seinen 70. Geburtstag feierte Thomas mit gewohnter Großzügigkeit bei Cuneo mit ca. 50 Personen. Dass Thomas sich mit gutem Essen und gutem Wein auskannte, erhöhte das Vergnügen.

Bei aller Neigung zu Geselligkeit hatte Thomas nach Kenntnis des Verfassers wenige Freunde, die ihm ganz persönlich nahestanden. Manfred Mahn war einer von ihnen (Max und Gustav, die Väter Manfreds und Thomas‘ waren schon eng befreundet gewesen). Ebenso der Goldschmied Andreas Killinger, den Thomas noch aus dem Studium in Pforzheim kannte und sein Mitbewohner am Billwerder Billdeich, Gerald Böhnel, mit dem Thomas jahrelang erlebnisreiche Radtouren unternahm; schließlich auch der Graphiker Hans Weckerle, dessen  Gestaltungsideen wesentlichen Anteil an der Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe 1997 hatten.

Die wohl allerwichtigsten Personen in Thomas‘ Leben waren  seine beiden Söhne Johannes und Martin, sowie seine beiden Ehefrauen, die gelernte Buchhändlerin Kristin (die tragischer Weise und gänzlich unerwartet 2008 verstarb) und die Goldschmiedin Sabine Klarner, mit der Thomas die letzten zehn Jahre glücklich verlebte. Dass Thomas seit mehreren Jahren das Damoklesschwert der Krankheit über sich spürte, machte ihre Liebe nur umso intensiver; Sabine und Thomas erlebten ihr Zusammensein als ein großes Geschenk, besonders nachdem Thomas sich aus dem Beruf weitgehend zurückgezogen hatte und seine Zeit intensiver einteilen konnte. Nach Thomas‘ Tod sagte Sabine: so einen wunderbaren Mann hätte sie auch für drei Monate geheiratet.

Thomas Schleede war ein „kompletter“ Mensch, wie es nur wenigen gegeben ist: Handwerklich geschult, belesen und gebildet, gemeinschaftlich denkend, liebevoll und aufmerksam, aber auch meinungsstark und richtungsweisend, wenn es ein musste. Und er war  ein treuer Freund für all denjenigen, die ihm nahestanden. Wir alle werden ihn sehr vermissen.

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