Die innere Stimme wies ihr den Weg zu Poesie und Anmut

Ein Nachruf auf die Goldschmiedin Vera von Claer (1922-2019)

Von Rüdiger Joppien

Vera Marie von Claer hat in ihrem Leben als Goldschmiedin vieles, vielleicht alles erreicht, was in ihrem Beruf zu erreichen war. Sie hat über 75 Jahre lang erfolgreich gearbeitet, auf der Mailänder Triennale wie auf der Brüsseler Weltausstellung 1958 international ausgestellt, Preise und Auszeichnungen wie den Bayerischen Staatspreis und den Preis des deutschen Kunsthandwerks erhalten; ihre Arbeiten wurden von Museen angekauft und gingen in zahllose Privatsammlungen ein. Nun ist Vera von Claer am 9. Mai 2019 nach einem erfüllten Leben in Hamburg im 97sten Lebensjahr verstorben.

Vera von Claer wurde 1922 als Vera Marie Crodel in Jena geboren, beide Eltern waren Maler. Ihr Vater, Charles Crodel, war Professor für Malerei an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle/S. und wurde 1933 von den Nationalsozialisten entlassen. Er hat seiner Tochter frühzeitig den Weg in die Kunst gewiesen, indem er zum Beispiel dafür sorgte, dass sie die Emaille-Klasse an der Burg unter Leitung von Lili Schultz besuchen konnte. Ohne ein Studium im Gold- und Silberschmieden aufgenommen zu haben, legte die junge Kunsthandwerkerin 1950 ihre Meisterprüfung im Emaillieren ab. Ihre Fähigkeit auf diesem Gebiet war schon frühzeitig aufgefallen, denn bereits 1942 hatte die Kunsthalle Mannheim unter ihrem Direktor Walter Passarge von der jungen Künstlerin ein emailliertes Kästchen angekauft. Emaillieren wurde zu Veras Paradedisziplin, Drahtemaille war ihr ebenso geläufig wie Grubenschmelz oder émaille de plique à jour. Sie übte dieses Handwerk mit so großer Perfektion aus, dass sie, nachdem sie 1953 mit ihrer Familie von Halle nach Hamburg übergesiedelt war, Aufträge für den Hamburger Juwelier Ferdinand Richard Wilm ausführen konnte.

Eine andere Inspiration auf dem Weg zur Gold- und Silberschmiedin war für Vera von Claer die Freundschaft mit der eine Generation älteren Hildegard Risch, die ebenfalls an der Burg studiert hatte und seitdem auf Eisenschmuck spezialisiert war. Ihre Faszination für Eisen übertrug die Risch, wie sie allgemein genannt wurde, auf ihre junge Kollegin. Erste Arbeiten in diesem Material schuf Vera 1946, indem sie ein altes Offenrohr zersägte und aus den ausgeschnittenen Blechstreifen einen Anhänger und eine Brosche fertigte: Jahrzehnte später sollten die Arbeiten als „Schmuck aus Notzeiten“ bekannt werden.

Ähnlich wie Hildegard Risch einmal bekundete, dass sie im Studium bestimmte Dinge, wie zum Beispiel das Anfertigen von Schlössern, nie gelernt habe, betonte Vera von Claer, dass sie ohne zünftige Ausbildung im Gold- und Silberschmieden bei handwerklichen Herausforderungen ein Leben lang nach Ersatzlösungen gesucht habe. Offenbar waren es dieses Defizit und die Materialarmut der vierziger Jahre, die ihren Einfallsreichtum schulten, ihre Schmuckstücke immer wieder ökonomisch anzugehen. Edelsteine, die sie hätte fassen müssen, standen nach dem Zweiten Weltkrieg in der sowjetisch besetzten Zone nicht zur Verfügung, so kompensierte Vera diesen Mangel mit farbigem Emaille. Bald kam es auch bei Colliers zu vermehrtem Einsatz von Eisendraht und Eisenblech. Eisendraht ließ sich zu Ösen verarbeiten, flechten oder zu Schlaufen biegen; in Verbindung mit gestifteten angehängten Perlen sahen die daraus gefertigten, schwarzen Schmuckstücke überaus nobel aus.

Auch in Hamburg führte Vera von Claer sich mit Eisenschmuck ein. Besucher der Jahresmesse des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg, auf der Vera von Claer von 1954 bis 1976 ausstellte, waren sicherlich nicht wenig überrascht, neben fein emaillierten Colliers, Broschen, Ketten, Armbändern und Broschen immer wieder auch Schmuckstücke aus geschwärztem Eisen zu sehen, in die die Künstlerin neben Perlchen und Korallen auch kleine goldene Partikel setzte. Damit demonstrierte sie quasi zwei Stile: auf der einen Seite die sorgfältige, zeitintensive Emaille-Arbeit, auf der anderen den phantasievollen Umgang mit dem filigran verarbeiteten, schwarzen Eisen. Vera von Claer mag diesen Wechsel in Zeiten großer Anspannung als kreative Abwechslung empfunden haben.

Vera von Claer war es gegeben, mit scheinbar geringem handwerklichem Aufwand, ein Schmuckstück zu „zaubern“. Glücklich war sie, wenn sie ohne Lötung auskam, wenn sie ihre Werkstücke schmieden, falten, stecken, stricken oder in ornamentale Muster biegen konnte. Einem Halsschmuck aus Silberösen aus der Zeit um 1950 gab sie das Aussehen eines Netzes, in dem sich kleine goldene Fische und eine Muschel verfangen hatten. Für ein Collier, das 10 Jahre später entstand und vom Museum für Kunst und Gewerbe erworben wurde, faltete sie 11 gleichlange, schmale Blechstreifen zu Zickzackbändern, die mittels kleiner goldener Verbindungselemente und einer Perle einen Halsreif bildeten. Vera von Claer konnte gegenständlich wie abstrakt arbeiten, mal besaßen ihre Schmuckstücke eine Anmutung des Kostbaren, ein anderes Mal erweckte das Material die Assoziation von Arte Povera. Zu Vera von Claers überraschend modernen Arbeiten aus Eisen gehörten auch Colliers, die aus scheinbar ungeordneten Drahtschlaufen bestanden und den Eindruck von Punkschmuck erweckten. Vera von Claer nahm sich immer wieder die Freiheit, zu experimentieren und so zu probieren, wie es ihr Spaß machte.

In den späten 70er, 80er und 90er Jahren wandte Vera von Claer sich einer neuen Ausdrucksform von Schmuck zu, indem sie aus Gold und buntem Emaille, unter Zuhilfenahme von Perlen und Edelsteinen, naturalistisch nachempfundene Insekten, Käfer, Schmetterlinge oder Libellen schuf. Diese erinnerten einerseits an kostbaren Gewandschmuck der Renaissance, andererseits an Preziosen des Jugendstils im Stil eines Carl Fabergé. Auslöser für den Schmuck war ein Gestaltungswettbewerb der Gesellschaft für Goldschmiedekunst „Schmuck aus 10 Gramm Gold“ im Jahr 1976 gewesen, der die Kreativität der Goldschmiedin, mit einem Minimum an Material zu arbeiten, herausfordert hatte.

Um diese Zeit hatte sich Vera von Claer weitgehend vom Ausstellungsbetrieb zurückgezogen, ihre neuen Werke schuf sie mehrheitlich zur eigenen Freude. Als das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe 1997 und die Staatliche Galerie Moritzburg Halle von ihr eine Werkschau aus 50 Schaffensjahren veranstaltete, konnte dieses kostbare Bestiarium erstmals umfangreich vorgestellt werden.

Die Ausstellung fand anlässlich des 75. Geburtstages der Künstlerin statt, sie hätte als Abschluss ihres Lebenswerks und als Rückzug aus dem Berufsleben interpretiert werden können. Doch das war nicht der Fall. Vera von Claer hatte seit den 80er Jahren mit der jungen Goldschmiedekollegin Verena Berger eine Werkstattgemeinschaft geführt und aus der Zusammenarbeit so viel neue Inspiration gewonnen, dass ihr das Schmuckschaffen auch weiterhin Freude machte. Die Wiedervereinigung Deutschlands im Jahr 1989 führte dazu, dass Vera von Claer, wie schon 1947, wieder auf der Leipziger Grassi-Messe ausstellte. Einige Jahre später bewarb sie sich erfolgreich auf der vorweihnachtlichen Zeughaus-Messe im Deutschen Historischen Museum in Berlin und wurde auch dort mehrere Jahre lang eine beliebte Ausstellerin. Mit Verena Berger an ihrer Seite mutete sie sich alle Strapazen zu und genoss es, für ein paar Tage wieder im Mittelpunkt des Ausstellungsgeschehens zu stehen und Gespräche mit dem Publikum zu führen. Dass Werke, die sie selbst im hohen Alter noch realisieren konnte, nach wie vor Anklang fanden und gekauft wurden, erfüllte sie mit Stolz; solche Tage waren für sie ein Elixier des Weiterschaffens. Das Spätwerk war genau so ungewöhnlich und modern wie die Arbeiten früherer Jahre.

Auf die Ausstellungen in Hamburg und Halle 1997 folgte 1999 eine Einzelausstellung im Deutschen Goldschmiedehaus in Hanau. Im Oktober 2008 hatte die Architektur- und Kunstzeitschrift AD (Architectural Digest) das Werk von Vera von Claer in seine Ranking-Liste „Best of Germany. 101 deutsche Glanzlichter“ aufgenommen, und 2013 publizierte das Kunstmagazin Weltkunst einen Essay über ihre Eisenarbeiten. Und vor drei Jahren, 2016, fand im Kunstverein Coburg noch einmal eine letzte große Retrospektive statt.

Eine Würdigung Vera von Claers wäre unvollständig ohne die Erwähnung ihrer Qualitäten als Jurorin, Restauratorin und Kennerin der Schmuckgeschichte. Durch ihren Vater, den Maler Charles Crodel, war Vera von Claer seit Kindesbeinen mit der Welt der Antike vertraut. Für eine Künstlerin ihrer Generation bot die antike Schmuckkunst noch immer wichtige Anregungen. Als 1968 der Kustos der Antikenabteilung im Museum für Kunst und Gewerbe, Herbert Hoffmann, unter dem Titel Antiker Gold- und Silberschmuck einen Bestandskatalog der Hamburger Sammlung, einen der ersten Bestandskataloge für antiken Schmuck in Deutschland überhaupt, veröffentlichte, war Vera von Claer beteiligt. Im Untertitel führte die Publikation den Hinweis: „Katalog mit Untersuchung der Objekte auf technischer Grundlage“, und diese Untersuchung stammte von ihr. Antiker Schmuck wurde auf handwerklicher Ebene nicht nur verständlich erklärt, wichtig war auch die Analyse der Arbeitsweise antiker Goldschmiede, um daraus Erkenntnisse über die Echtheit der Stücke zu gewinnen.

Im Restaurierungsfach trat Vera von Claer hervor, als sie 1981 die sog. Bergkanne der Stadt Goslar, eine Nürnberger Arbeit der Spätgotik, restaurierte.

Vera von Claer war, obgleich sie nach eigenem Bekunden nie als Goldschmiedin ausgebildet worden war, eine erfahrene Autorin moderner Schmuckkunst. Was sie brauchte, hatte sie sich im Laufe ihres beruflichen Lebens angeeignet. Ihre Werke zeichneten sich immer wieder durch besondere Einfälle und rationelle ökonomische Verarbeitung des Materials aus. Mit ihrer unkonventionellen Art und Weise, Schmuck zu machen, wäre sie für jede Akademie mit einer Schmuckklasse ein Gewinn gewesen. Doch hat sie nie ein Lehrauftrag erreicht. Was hätten Studenten von ihrem Verständnis für Schmuck, seine Geschichte, seine handwerklichen Ausführungen lernen können! Das deutsche Bildungssystem ließ diese Möglichkeit offenbar nicht zu.

Vera von Claer gehörte einer Generation an, die Respekt hatte vor den künstlerischen Errungenschaften der Vergangenheit und lebenslang bemüht war, zu lernen und das eigene Werk zu verbessern. Auch besaß diese Generation keine Starallüren. Wie viele andere Kunsthandwerker ihrer Generation war sie überzeugt, dass es ich nicht schickte, sich selbst allzu wichtig zu nehmen. Sie stellte sich ganz hinter ihre Werke zurück und pflegte das Understatement. Auch glaubte sie an die Solidarität innerhalb ihres Berufsstandes: Vera von Claer war seit Jahrzehnten Mitglied im Deutschen Werkbund, in der Gesellschaft für Goldschmiedekunst und in der Hamburger Sektion der Arbeitsgemeinschaft des deutschen Kunsthandwerks (AdK).

Vera von Claer verfügte über eine heitere Ausgeglichenheit, Pathos war ihr fremd. Näher lag ihr ein leicht spöttisches Reflektieren über menschliche Torheiten, dabei konnte sie wunderbar kokett sein. Dabei wandte sie sich wieder ihrer Arbeit zu. Denn das Arbeiten machte sie glücklich, sie genoss es als Privileg bis ins hohe Alter. Sie beugte sich weder Kundenwünschen noch einem Modediktat. Ihre innere Stimme wies ihr den Weg zu Poesie und Anmut. Schönheit war ihr ein Bedürfnis.

Mit ihrem Schmuck hat Vera von Claer drei Generationen angesprochen. Nun ist ihre Stimme verstummt und ihre Hände ruhen. Wir werden uns ihrer in Hochachtung erinnern und ihr Werk in Ehren halten.

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