Auf der Suche nach einer universellen Harmonie

Zum Tod des Kommunikationsdesigners und Schriftgestalters Hans Weckerle (29. April 1937 – 14. Oktober 2020)

Von Rüdiger Joppien

Ein Freund ist jemand, der es gut mit einem meint, der einen nimmt, wie man ist, der lobt, kritisiert und verzeiht, der manchmal auch nervt, der vor allem nicht nachtragend ist, sondern das Gefühl vermittelt: ich zähle auf Dich.

Hans Weckerle war ein Mensch, dem Freundschaften viel bedeuteten, der die Fähigkeit hatte, Freundschaften zu pflegen und diese mit Aufmerksamkeiten zu bedenken. Hans hatte sehr besondere Freunde, vielfach waren es Künstler, wie Friedrich Einhoff oder Thomas Schleede, die schon vor Hans von uns gegangen sind. Aber ich denke auch an wie Jovica Veljovic, Friedemann von Stockhausen, Susanne und Michael Liebelt, Thomas Grebe, Roland Jaeger und viele andere, die in diesen Tagen die Nachricht von Hansens Tod tief bestürzt erfahren haben.

Hans war nicht nur ein lieber Freund, man sagte ihm auch nach, ein guter Lehrer gewesen zu sein. Über drei Jahrzehnte wirkte er an der Fachhochschule, der heutigen Hochschule für Angewandte Wissenschaften in der Armgartstraße, im Fach Visuelle Kommunikation, wo er Schrift und Plakatkunst unterrichtete. Als Hans nach Hamburg kam, war er gerade um die dreißig, kurz darauf wurde er schon zum Dekan seines Fachbereichs gewählt. Einer seiner Schüler vermittelte mir von ihm das Bild eines Mentors, der seine Schüler ernst nahm, sie förderte und forderte. Er war beliebt. Als Schweizer besaß er Weltläufigkeit und eine besondere Form von Kultiviertheit. Er war einer, der Werte vorlebte und seinen Schülern vermittelte.

Ich lernte Hans um 1990 kennen. Wir waren damals, als das Design immer mehr an Bedeutung gewann, unzufrieden mit der rückständigen Situation in Hamburg. Einige von uns, darunter Alexa Ahlbrand, Hartmut Frank, Schnuppe v. Gwinner, Nils Jockel, Hilde Leiss, Inge Maisch, Ilex Ness, Claudia Schneider-Essleben, meine Wenigkeit und last but not least eben Hans, wir gründeten den Arbeitskreis für Angewandte Kunst, in dem praktisch alle Sparten von angewandter Kunst vertreten waren: Architektur, Design, Mode, Kunsthandwerk, Typographie, usw. Wir kommunizierten regelmäßig und organisierten ein einige Jahre Ausstellungen und Vorträge. Eine Förderung seitens der Kulturbehörde erfolgte meines Wissens seinerzeit nicht, diese erfolgte erst 1999 erst mit Babette Peters und dem Büro von „hamburgunddesign“.

Hans war in unseren Diskussionen eine treibende Kraft. Er, der geborene Flaneur, kannte in Hamburg fast alle Persönlichkeiten auf dem Gebiet angewandter Kunst: ich nenne nur Rudolf Beckmann, Waltraud Bethge, Angela Kurrer, Ingrid Radewald, oder den Buchbinder Christian Zwang. Hans war immer gut informiert. Seine Kontakte erstreckten sich auch auf bildende Künstler und Künstlerinnen; die Arbeiten von Almut Heise und Gisela Bührmann waren ihm vertraut, und er war gut Freund mit Hamburgs inzwischen dienstältester Galeristin Renate Kammer. Durch Hans lernte ich den Verleger Hans Christians und seine Tochter Susanne kennen, denen er erfolgreich vorschlug, einen Typographie-Preis für Nachwuchs-Schüler auszuloben, an dem ich als Juror teilnehmen durfte.

Wie sein großer Landsmann Max Bill war Hans allen Künsten gegenüber aufgeschlossen. Denken in Abgrenzungen war ihm fremd. Eine besondere Faszination verspürte Hans für Architektur. Aufmerksam beobachtete er die Entwicklung Schweizer Architekten wie Mario Botta, Luigi Snozzi oder Peter Zumthor. Als meine Familie einmal im Tessin Urlaub machte, präparierte Hans uns mit Vorschlägen, dass wir unbedingt Bottas Kirchen in Mogna, auf dem Tamaro oder seine Bank in Lugano anschauen müssten. Als 1997 Zumthors Kunsthaus in Bregenz eröffnet wurde, war auch Hans zur Stelle und schrieb mir eine Postkarte mit dem Hinweis, dieses Museums sei „allemal eine Dienstreise wert“. Hans‘ große Tugend war Aufmerksamkeit; er informierte sich, er las und notierte, und er gab seine Erkenntnisse bereitwillig an seine Freunde weiter. Stets war er eine Quelle der Anregung. Dabei hatte er auch Weniger-Bekanntes im Blick. Eines Tages wies er mich auf den kleinen Kiosk der Buchhandlung Stolterfoth an der U-Bahn-Station Hallerstr. hin, in der er gern Bücher bestellte. Der Bau war um 1930 von niemand geringerem als Hamburgs großem Architekten des Neuen Bauens, Werner Kallmorgen, entworfen worden, und seitdem in Vergessenheit geraten.

Nebensächlichkeiten gab es für Hans nicht. Diese gerieten ihm eher zur Hauptsache. Auf seinem ureigensten Arbeitsfeld, der Gestaltung von Schrift, hatte das vermeintlich Unauffällige natürlich besonderes Gewicht. Häufig kritisierte er das Aussehen der Einladungen meines Museums, des Museums für Kunst und Gewerbe, von dem er eine Führungsrolle im Design erwartete. Uneinheitlichkeit und Schlampigkeit waren ihm ein Ärgernis, vielmehr erwartete er von A – Z eine in sich konsequente Gestaltung, ein einheitliches Erscheinungsbild. In dieser Hinsicht war Hans detailversessen, wollte nicht hinnehmen, dass die ästhetische Ordnung vernachlässigt würde. Stets verfolgte er das Ordnungsprinzip eines großen Ganzen. Im Wunsch nach Stimmigkeit offenbarte sich seine Suche nach einer universellen Harmonie.

Hans arbeitete auf unterschiedlichen Ebenen daran, die Welt ästhetisch zu verbessern. In seiner unmittelbaren Umgebung, in der Stadt, die ihm nun seit Jahren zur Heimat geworden war, fing er damit an. Schon früh war Hans dem Deutschen Werkbund beigetreten, und dieser hatte ihm das Gefühl vermittelt, für die Gestaltung unserer Umwelt mitverantwortlich zu sein. Hans engagierte sich, indem er Artikel verfasste, Plakate, Einladungen und Briefpapier gestaltete, Kataloge layoutete, Ausstellungen organisierte. Eine besondere Vorliebe hatte Hans für kleine, fein gemachte Editionen; Strenge und Minimalismus in der Formgebung zeichneten diese aus, trugen zur Eleganz der Erscheinung bei. Einmal konnte er seine Ansprüche auch in eine Innenarchitektur übersetzen, als er den Carl von Ossietzky-Lesesaal in der Hamburger Staatsbibliothek entwarf. Hätte Hans sein Berufsleben nicht als Drucker begonnen, wäre er vielleicht liebend gern Architekt geworden.

Besonders in den Jahren nach seiner Pensionierung engagierte sich Hans zunehmend als öffentlich Handelnder. So war es ihm ein großes Anliegen, dass der von der Stadt Hamburg begründete Karl Schneider-Preis für angewandte Kunst, der gerne mal verschleppt wurde, immer wieder abgerufen wurde. Dafür wurde er schon mal in der Kulturbehörde vorstellig. Oder Hans diente für 10 Jahre dem NDR als Rundfunkrat, wo er als einziger unter 58 Mitgliedern die Sache der bildenden und angewandten Kunst vertrat. Für einige Jahre übernahm Hans auch die Leitung des Reemtsma – Tabak-Museums in der ehemaligen Villa von Philip F. Reemtsma in Othmarschen, dem legendären Haus K. in O., über das er mit Roland Jaeger und Hermann Hipp 2005 ein wunderschönes Buch herausbrachte. Nach Schließung des Tabakmuseums übernahm Hans die Aufgabe, dessen Bestände auf einige Hamburger Museen zu verteilen. Wo immer Hans wirkte, tat er dies mit ästhetischem Anspruch. Den Posten eines Design- oder eines Schönheit – Beraters gibt es in Hamburg nicht, aber in dem was er tat und leistete, kam Hans dieser Aufgabenstellung ziemlich nahe, denn das ästhetische Gemeinwohl lag ihm am Herzen.

Ich will nicht verkennen, dass die Maßstäbe, die Hans anlegte, für die Betroffenen mitunter auch anstrengend waren. Ich für meinen Teil hatte Glück, denn Hans war mir und meiner Arbeit eigentlich immer zugetan. Ihn erfreuten meine kleinen Kabinettausstellungen, die ich im Museum an diversen Orten ohne großes Aufsehen präsentierte. Er bemerkte sie, und dafür gab es von ihm immer Sonderlob.

Hans kam zu fast allen Ausstellungseröffnungen ins Museum für Kunst und Gewerbe; nie verpasste er eine Eröffnung unserer sog. Weihnachtsmesse für Kunst und Handwerk. Dort verschaffte er sich Übersicht über innovative Ansätze im Handwerk. Dabei suchte er stets mit Bedacht kleine, feine Trouvaillen aus, mal ein Kästchen aus Holz, eine Schale, einen Ring oder einen Schal. Exquisite Dinge hatten es ihm immer angetan.

Kritik gehört zum Geschäft, und wenn man die Aufgabe hat, annähernd 70 Aussteller möglichst vorteilhaft zu präsentieren, gibt es auch Einwände. Ich muss rückblickend aber sagen, dass ich all die Jahre in Hans einen konstruktiven Freund zur Seite hatte. Wenn Hans eine Messe lobte, wusste ich, dass sie gelungen war.

Meine intensivste Freundschaftsphase mit Hans erlebte ich in den 90er Jahren und den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts. In dieser Zeit schrieb Hans mir zahlreiche Kunst-Postkarten, die meisten vom Urlaub aus der Schweiz, aber auch aus fernen Ländern, darunter aus Ägypten und Malaysia. Reisen gehörten zu Hans‘ besonderen Leidenschaften. Auf den Postkarten referierte er telegrammartig Orte, Kulturdenkmäler oder Reisewege. Dabei notierte er gern die Namen von Hotels mit kolonialer Vergangenheit, deren Atmosphäre er genoss. In dieser Hinsicht gönnte er sich einen dezenten Snobismus. Bezeichnend für Hans‘ Stilsicherheit war dabei, dass er, wo immer möglich, seine Post mit dem Füller schrieb, ansonsten mit dem Bleistift, aber nie mit dem Kugelschreiber. Seinem Prinzip der Sorgfalt war er immer treu.

Rückblickend scheint mir, dass Hans mich mit seinen Postkarten bewusst teilnehmen lassen wollte an seinen Erlebnissen. Auf einigen Karten empfahl er mir Bücher, die ihm aufgefallen waren. Er versorgte mich auch gerne mit Zeitungartikeln seiner geliebten NZZ, von denen er glaubte, dass sie mir bei meiner Arbeit helfen könnten. Gelegentlich ließ er mich teilhaben an für ihn kostbaren Momenten, wie z.B. auf einer Karte aus dem Onsernone Tal aus dem Jahr 1994, als er schrieb: „Nehmen uns die Zeit, zwischen den Jahren. Stapfen durchs Kastanienlaub. Am trocken gemauerten Granit blühen Forsythien; letzte Rosen und Geranien bei den Kapellen. Die Sonnenuhren im gleissenden Vorfrühlingsgrau“. Solche fast heiku- artige Naturbetrachtungen waren typisch für ihn und erscheinen mir besonders aussagekräftig, denn sie zeigen, dass Hans bei all seinen rastlosen Aktivitäten eine empfindsame Seele hatte. Dass Hans für eine postalische Mitteilung einmal ein Vanitas-Stillleben der niederländischen Malerin Rachel Ruysch, mit dem Titel „Rosenzweig mit Käfer und Biene“ von 1741, aus der Kunstsammlung Basel, auswählte, war kein Zufall, denn Hans liebte Stillleben und die ihnen versteckten Hinweise auf die Vergänglichkeit alles Irdischen. Für den Vanitas-Maler Sebastian Stosskopf, einen Maler des Barock, reiste er eigens zu einer Ausstellung nach Straßburg.

Wie Marcel Proust in der „Suche nach der verlorenen Zeit“ versuchen wir einen Menschen, der von uns gegangen ist, zurückzuholen in unsere Gegenwart, um uns seiner liebend zu erinnern. Wie hat er ausgesehen, wie hat er gelacht, oder wie gesprochen? Manche Erinnerungen verwischen im Laufe der Zeit. Trug Hans zu seinen schwarzen Anzügen nicht immer ein makellos weißes Hemd, war seine kleine Ledermappe, in denen er oft kleine Schriften mit sich führte, vom vielfachen Gebrauch an den Seitenflächen nicht abgegriffen? Hätte ich doch nur bewusster hingeschaut, mehr aufgeschrieben. Wir müssen uns trösten mit dem Wenigen, das wir erinnern. Andererseits hat Hans uns, die wir heute um ihn trauern, vieles geschenkt, das unvergessen bleibt: seine Freundschaft, seinen guten Geschmack, seinen Kunstsinn, sein umfassendes Wissen und sein Bewusstsein für Qualität, seine Liebenswürdigkeit und seine Menschlichkeit.

In diesem Sinne möchte ich mit dem Versprechen schließen, dass wir Dich, lieber Hans, nie vergessen werden.

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