Zum Tode von Christian Farenholtz

Von Isabelle Hofmann

Immer freundlich, immer zugewandt, immer interessiert. Wer unter den älteren Handwerkskünstler*innen erinnert sich nicht an Christian Farenholtz (27.2.1923 – 3.5.2021), den langjährigen Präsidenten der Justus Brinckmann Gesellschaft?! Ein Jahr, nachdem Wilhelm Hornbostel 1988 die Leitung des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe übernommen hatte, trat Christian Farenholtz sein Amt als Vorsitzender der JBG an, und er blieb es bis 2002, fast die ganze „Hornbostel-Ära“ lang. Es ist sicher nicht übertrieben zu behaupten, dass der 20 Jahre ältere Architekt, Stadtplaner und emeritierte Hochschulprofessor der wichtigste Ratgeber des Museumsdirektors war. Christian Farenholtz prägte während seiner langjährigen Präsidentschaft nicht nur die Justus Brinckmann Gesellschaft, er prägte das ganze Haus am Steintorplatz. „Mit seiner umfassenden Bildung, kunstsinnigen Aufgeschlossenheit, entschiedenen Tatkraft und großen Sachkenntnis hat er sich für die Belange des Museums eingesetzt, die strukturelle Modernisierung und die bauliche Erweiterung vorangetrieben und das Programm der Justus Brinckmann Gesellschaft gestaltet“, schreibt Sebastian Giesen, der heutige Präsident der Justus Brinckmann Gesellschaft, in seinem Nachruf auf den renommierten Vorgänger. Und weiter: „Besondere Verdienste hat er sich beim Bau des „Schümann-Flügels“ erworben“.

Dieser, von der Hans-Otto und Engelke Schümann-Stiftung finanzierte und von dem Hamburger Architekten Jan Störmer entworfene „Flügel“ war ein gewaltiger Kraftakt für das MKG. Ein halbgläserner Gebäudekomplex, der seit seiner Einweihung im Jahr 2000 die historische Tasteninstrumente-Sammlung von Andreas Beurmann beherbergt und gleichsam für diese Sammlung geschaffen wurde. Bauherr war damals die Justus Brinckmann Gesellschaft, im Grunde also Christian Farenholtz, doch er spielte sich nie in den Vordergrund. Schümann, Beurmann und Störmer waren damals die Medienhelden. Wilhelm Hornbostel natürlich auch. Von der Justus Brinckmann Gesellschaft und ihrem Präsidenten dagegen war erstaunlich wenig die Rede.

Ich erinnere mich noch gut an ein Gespräch mit Wilhelm Hornbostel, bei dem Christian Farenholtz zugegen war. Ich weiß nicht mehr, ob er später hinzukam oder schon im Zimmer war, als ich eintrat. Ich wußte damals nicht, welch enorme Bedeutung dieser Mann als Architekt und Stadtplaner für Hamburg und weit darüber hinaus gehabt hatte.

Der gebürtige Magdeburger und Vater von fünf Kinder (unter ihnen AdK Mitglied Hendrike Farenholtz) war von 1954 bis 1965 im Landesplanungsamt Hamburg maßgeblich an der Stadtentwicklung von Neu Altona und der City Nord beteiligt. Er gilt als „Erfinder der City Nord“, wie das Hamburger Abendblatt schrieb. Als Baubürgermeister in Stuttgart (1965 – 1973) war er Mitglied im Deutschen Rat für Stadtentwicklung und brachte das Städtebauförderungsgesetz mit auf den Weg, das später im Baugesetzbuch verankert wurde. Seine Vision von menschenfreundlichem Städtebau, einer offenen Anordnung von Wohnquartieren mit viel Grünfläche, sozialer Durchmischung und Bürgerbeteiligung (was damals revolutionär war) setzt heute noch Maßstäbe in der Stadtentwicklung, insbesondere im Studiengang Städtebau/Stadtplanung der TU Harburg, den er 1980 als einer der Gründungsprofessoren einrichtet hatte.

Das alles wusste ich als junge Journalistin nicht, als ich Christian Farenholtz 1989 zufällig im Zimmer des MKG-Direktors traf. Ich erinnere mich aber noch genau, wie ehrfurchteinflößend diese große Gestalt mit dem markant geschnittenen Gesicht und den durchdringenden Augen auf mich wirkte. Christian Farenholtz füllte einen Raum, ohne ein Wort zu verlieren. Er besaß eine natürliche Autorität, die mit zunehmendem Alter von großer Güte begleitet war, wie mir schien. Zwischen 1990 und 2002 haben wir uns oft bei Ausstellungseröffnungen getroffen und es war immer eine Freude, sich mit diesem so überaus kenntnisreichen und kunstinteressierten Mann zu unterhalten.

Auch nach der Stabübergabe der JBG-Präsidentschaft an Peter Voss-Andreae hielt Christian Farenholtz „seinem“ Museum bis zuletzt die Treue. Selbst der Rollstuhl, in den ihn das hohe Alter zwang, war für ihn kein Hindernis, am Kulturleben teilzunehmen und Ausstellungseröffnungen zu besuchen – liebevoll umsorgt von seiner zweiten Ehefrau, der GEDOK- Vorsitzenden Sabine Rheinhold. So ließ er sich auch die Ausstellungs-Eröffnung zum 60. Geburtstag der AdK Hamburg nicht nehmen. Im Rollstuhl, in der ersten Reihe, verfolgte er geduldig die viel zu langen Reden und dankte anschließend freundlichst für die Einladung. Lieber Professor Farenholtz, wir haben zu danken! Es war eine Ehre, Sie kennengelernt zu haben!

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