Menschen, Bücher, Sensationen

BuchDruckKunst

Cover Messe-Magazin BuchDruckKunst, Holzschnitt von Franziska Neubert

Menschen, Bücher, Sensationen: An diesem Wochenende, vom 27.- 29. März 2020, sollte die renommierte BuchDruckKunst im Museum der Arbeit stattfinden. Ein Highlight im Kulturleben Hamburgs, normalerweise. Doch was ist schon normal in Zeiten, in denen ein Virus die Welt zum Stillstand bringt und den Menschen unvermittelt ihre Existenzgrundlage raubt. Das Magazin zur Messe jedoch ist erschienen. Ein Kunstwerk für sich, konzipiert und verlegt von Klaus Raasch, einer Institution in der Norddeutschen Buchkunstszene. Allen, die „Erlesenes auf Papier“ zu schätzen wissen, sei es wärmsten empfohlen.

Die Weiße Reihe, edition sonblom

Das hinreißende Cover des kleinen Katalogbuches (und Plakatmotiv der Messe) scheint programmatisch für diese Zeit. Als hätte Franziska Neubert von der Leipziger Künstlerinnengruppe AUGEN:FALTER das Leben im Ausnahmezustand kommen sehen. Oder ist der Alltag der BuchkünstlerInnen auch „normalerweise“ ein zirkusreifer Balance-Akt? Ihre Akrobaten und Drahtseil-Artisten jedenfalls jonglieren halsbrecherisch mit großen und mit kleinen Büchern, lesen unter der Zirkuskuppel am Trapez, bei schlangenartigen Verrenkungen oder rücklings auf Podesten, während sie einen balancierenden Elefanten stemmen, der mit seinem Rüssel wiederum nach Büchern angelt.

Ein Bild wie aus einem Kinderbuch, fröhlich und farbenfroh, zumal die Harlekin-Rhomben des Hintergrunds in sonnigem Gelb, Lindgrün und Hellblau, erscheinen. „Normalerweise“ verkörpert dieses Motiv die Meisterschaft der Artisten, deren scheinbare Leichtigkeit die Strapazen jahrelangen Übens vergessen macht. Vor dem Hintergrund der Corona-Krise jedoch wird das Bild der großartigen Grafikerin und Holzschneiderin zum Symbol für das Leben der Kulturschaffenden schlechthin, die ohne Netz und doppelten Boden von einem Tag zum anderen jonglieren.

Beispiel Weiße Reihe: Gintare Skroblyte zu Fernando Pessoa, Mein Blick ist offen wie eine Sonnenblume

Rund 60 Künstler*Innen und Editionen sind in diesem Magazin versammelt, von Anja Harms Ateliers aus Oberursel, über die Druckgrafischen Werkstätten Pawlow aus Osnabrück und die Handsatzwerkstatt Fliegenkopf aus München bis Antje Wichtrey aus Spanien und die Widukind-Presse aus Dresden. Nicht zu vergessen der Uwe Warnke Verlag, dessen Künstlerzeitschrift ENTWERTER/ODER in der ehemaligen DDR als Untergrundmagazin Furore machte.

Auch zwei Hamburger AdK-Mitglieder gehören zur Kunstbuch-Elite: Sigrid Vollmer aus Holtsee, die unter dem Label Buchwerk nicht nur wunderschöne Einbände aus Unikatpapieren, sowie einzigartige Karten, Kästchen und Schuber fertigt, sondern auch regelrechte Buch-Skulpturen baut, die Ausdruck einer außerordentlichen bildhauerischen Begabung sind. Man kann diese raffiniert konstruierten Objekte zwar als Schatullen benutzen, doch im Grunde sind es veritable Kunstwerke, die auf Sockeln am besten zur Geltung kommen.

Buchwerk Sigrid Vollmer, cubus 1 und 2 | Tita do Rêgo Silva, Empfangskomitee

Die zweite Buchkünstlerin ist erst seit 2019 Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks (AdK), dem Berufsverband angewandter Künstler und Künstlerinnen der Hansestadt, im Museum der Arbeit jedoch seit Jahren regelmäßig zu Gast. Die promovierte Germanistin aus England studierte Druckgrafik in Bonn und Oxford, ehe sie sich 1995 in Hamburg niederließ und hier 1989 die Hirundo Press gründete. Ihre Spezialität sind poetisch und intellektuell anspruchsvolle Künstlerbücher in Zusammenarbeit mit Gegenwarts-Schriftstellern und –Lyrikern wie dem Büchner-Preisträger Martin Mosebach, dem schottischen Dichter Robert Crawford oder dem jungen Lyriker und Essayisten Tobias Roth. Die Holzschnitte von Caroline Saltzwedel sind dabei mehr als bloße Illustrationen der Texte und Gedichte – sie sind ein bildnerisches Pendant, das den geschriebenen Werken eine neue Dimension verleiht.

Arbeit von Caroline Saltzwedel

Der Hamburger Künstler und Verleger Klaus Raasch, der die von Stefan und Wibke Bartkowiak 1998 gegründete BuchDruckKunst seit 2016 leitet, hat das 96 Seiten und über 130 farbige Abbildung umfassende Magazin außerordentlich liebevoll gestaltet und mit einem ausführlichen Ausstellerverzeichnis versehen. Die Leser*Innen erhalten einen guten Überblick über die breitgefächerte Szene all jener angewandten Künstler*Innen, die in Text und Bild Erlesenes auf Papier und aus Papier herstellen. Da alle Homepages und Emails angegeben werden, können sie sich mühelos einen Eindruck davon verschaffen, was das Who is Who aktueller Buchkunst an haptischen, visuellen und intellektuellen Genüssen zu bieten hat.

Vor allem aber ist dieses Buch ein Lesebuch. Raasch und andere Autor*Innen stellen hier etliche Editionen und Projekte vor. Die despalles èdition aus Mainz beispielsweise; Das von Francis van Maele und der Koreanerin Antic-Ham 2005 gegründete Label FRANTICHAM oder das finnische KALEVALA-Projekt. Rainer Schossig schildert „Die fabelhafte Welt der Tita“ do Rego Silva, der begnadeten Holzschneiderin mit brasilianischen Wurzeln, die in ihrem Atelier in der Koppel 66 ein fröhliches, farbenfrohes Pandämonium schafft. Interessant ist auch der Artikel über die WEISSE REIHE der Edition Sonblom. Jährlich gibt sie einen klassischen Text der Weltliteratur aus einem anderen europäischen Land heraus (Auflage 300 Stück), mit jeweils eigens dafür gestalteten Illustrationen. Explizit ausgewiesen als Beitrag zur interkulturellen Verständigung in Europa.

Was für eine ehrenhafte, fast schon rührende Aussage angesichts der aktuellen Lage. Denn dieses Europa hat den Crashtest nicht bestanden. Es ist gerade dabei in sich zusammenzufallen. Ob es sich jemals erholt und tatsächlich zu einer Gemeinschaft zusammen wächst, steht in den Sternen. Was klar ist momentan, ist einzig die bedrohliche aktuelle Situation aller angewandten Künstler*Innen. Der Erwerb des Buches hilft, einige von ihnen zu unterstützen. Auch deshalb ist dieses Magazin so empfehlenswert.

Editon Klaus Raasch: Magazin zur BuchDruckKunst 2020, 96 Seiten, mit über 130 farbigen Abbildungen, vielen Textbeiträgen und einem ausführlichen Ausstellerverzeichnis – gedruckt auf schönstem Naturpapier, fadengeheftet und mit einer Klappenbroschur versehen. 6,00 Euro, online über shop.klaus-raasch.de/product/buchdruckkunst-2020/ zu beziehen. Der Original-Holzschnitt von Franziska Neubert zur BuchDruckKunst 2020 (signiert und nummeriert) ist für 170, 00 Euro ebenfalls für den Online-Shop der Edition Klaus Raasch zu beziehen.

buchdruckkunst.com

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Schönheit liegt nicht nur im Auge des Betrachters

„Beauty“ im Museum für Kunst und Gewerbe

Strategie des Tatookünstler David Allen zur Erholung

Schöne Dinge verkaufen sich besser, schöne Umgebung macht friedlich und freundlich, Schönheit macht die Welt zu einem besseren Ort. Das weiß niemand besser als Stefan Sagmeister und Jessica Walsh. Mit „Beauty“ haben die Grafikdesigner aus New York dem Thema Schönheit nun eine Ausstellung gewidmet, die nach Wien und Frankfurt im Hamburger MKG angekommen ist. Eine zum Teil schon kitschig-schöne Schau, die mit barock-sinnlichen Installationen und jeder Menge Mitmach-Aktionen besticht. Eine kritische Hinterfragung des Begriffs Schönheit ist allerdings nicht inbegriffen.

Schönheit liegt im Auge des Betrachters, heißt ein Sprichwort. Nach den Untersuchungen von Sagmeister und Walsh muss man das anzweifeln. Wie ihre Umfragen zeigen (die Besucher können sich in der Ausstellung selbst testen), ist das Empfinden lange nicht so individuell wie angenommen. Symmetrie, Kontrast, Eleganz und harmonische, dem goldenen Schnitt verpflichtete Proportionen werden mit großen Mehrheiten als „schön“ empfunden.

Aufforderungen zur Teilnahme an verschiedenen Umfragen

Bereits vor einer Million Jahren hat die menschliche Spezies Werkzeuge von erstaunlicher Symmetrie geschaffen. Eine Reihe von Faustkeilen und Steinäxten zeigt das eindrucksvoll. Dabei wären die Waffen asymmetrisch ebenso effizient gewesen. Ein bestimmter Schönheits-Kodex, ein Sinn für harmonische Formen, scheint also naturgegeben.

Andererseits hat der Mensch im Laufe seiner Geschichte doch ein wenig dazugelernt. Dass Platons moralische Maxime von vor 2400 Jahren: „Schön = Gut = Wahr“ so völlig unkommentiert an der Wand des MKG stehen darf, ist mehr als fragwürdig. Noch heute leiden Menschen unter Ausgrenzung, die nicht dem Schönheitsideal entsprechen (das in unterschiedlichen Kulturen durchaus variieren kann).

Platons moralische Maxime

„Platons Meinung ist nicht meine Meinung“, rechtfertig sich der gebürtige Österreicher Sagmeister. Und: „Es geht hier nicht um menschliche Schönheit, sondern um die Schönheit der Dinge“. Okay, das war seine Intention, aber das stimmt so leider nicht. Selbstverständlich vermittelt „Beauty“ auch ein ideales Menschenbild. Die Frauenbildnisse von Anselm Feuerbach bezeugen das ebenso, wie der römische Jünglings-Torso oder das schmale rote Dior-Ensemble, zwei der „60 schönsten Objekte“ aus der hauseigenen Sammlung, die das Erfolgs-Duo ausgewählt hat.

Weitgehend unbeantwortet bleibt auch die Frage, warum die Schönheit im 20. Jahrhundert ein so negatives Image hatte, wie das Diagramm zur Google-Umfrage vor Augen führt. Laut Suchmaschine taucht der Begriff „Schönheit“ Mitte des 19. Jahrhunderts in Büchern am häufigsten auf. In den 1980er Jahren am seltensten. Nun ja, im 19. Jahrhundert war die Schönheit auch in Kitsch und falschem Pathos erstickt. Die Moderne in der bildenden Kunst reagierte darauf mit der radikalen Abwendung von allem Dekorativen. Zudem forderten gesellschaftspolitische Großwetterlage, Industrialisierung, Revolutionen und beginnende Demokratie Anfang des 20. Jahrhunderts neue Konzepte. Das Bauhaus lieferte entsprechende Architektur. Quadratisch, praktisch, menschenwürdig, bezahlbar. Nicht unbedingt schön. Nach der Diffamierung der Moderne durch die Nazis (Stichwort „Entartete Kunst) gingen Architektur und bildende Kunst vollends auf Distanz zur Schönheit. Fast ein halbes Jahrhundert war der Begriff an den Kunsthochschulen verpönt, galt als oberflächlich, spießig und hoffnungslos rückwärtsgewandt.

U-Bahn-Schächte in Moskau, © für alle Fotos: Isabelle Hofmann

Was uns dadurch verloren gegangen ist, zeigen Sagmeister & Walsh eindrucksvoll anhand funktionaler U-Bahnschächte und grauer Wolkenkratzer. Wie wohltuend dagegen die dekorativen Moskauer U-Bahnhöfe und die bunt bemalten Häuserblocks in Tirana (Albanien), die nach ihrer Farbgebung tatsächlich zu einer deutlichen Entspannung des sozialen Brennpunkts geführt haben. Ein überzeugendes Plädoyer für den positiven Einfluss der Schönheit. Ansonsten feiert „Beauty“ mit überbordender Schaulust die Renaissance der Schönheit, verführt schon im Treppenhaus mit betörenden Installationen atmender weißer Ballons und virtueller Vogelschwärme. Nur mit der Behauptung, Marcel Duchamp habe mit seinem provokanten Urinal versucht, „die Schönheit aus der Kunst zu eliminieren“ scheinen sich die Ausstellungsmacher verrannt zu haben. Duchamp hat durch sein berühmtes Readymade vielmehr gezeigt, dass auch ein so profanes Objekt wie ein Urinal eine erstklassige Formgebung haben kann. Man muss die Schönheit nur erkennen.

„Sagmeister & Walsh: Beauty“, bis 26. April 2020, Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz, 20099 Hamburg

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Ein Mekka der angewandten Kunst

40 Jahre Galerie Hilde LEISS

Die Silberketten von Hilde Leiss bestechen durch ihre auffallend klare Formensprache. Ständig auf der Suche nach schönen Dingen: Goldschmiedin und Galeristin Hilde LEISS.

Sie ist eine Hamburger Institution – mit internationaler Strahlkraft. Hilde Leiss hat am Großen Burstah 38 ein Mekka angewandter Kunst geschaffen, das in seiner inspirierenden Atmosphäre wohl einmalig ist. Am 12. September feiert die renommierte Goldschmiedin und Galeristin ihr Berufsjubiläum mit einer exorbitanten Schau von über 20 Künstler*innen: 40 Jahre Galerie Hilde Leiss.

Wer die schönen, hohen Räume in einem der ältesten noch erhaltenen Kontorhäuser der Stadt zum ersten Mal betritt, dem gehen die Augen über: Vitrine an Vitrine voller herrlicher, überaus hochwertiger Schmuckstücke aus Gold, Silber und funkelnder Edelsteinen. Auf den Tischen ist das Angebot noch opulenter. Sie scheinen sich förmlich zu biegen unter der Last exquisiter Objekte, ausgefallenem Mode- und avantgardistischem Autorenschmuck aus Horn, Holz, Leder, Textil, Papier, Plexiglas oder Perlmutt. Stammkunden und -kundinnen kennen selbstredend das breitgefächerte Angebot dieser Produzentengalerie, deren Werkstatt sich im hinteren Teil hinter einer Trennwand verbirgt, die sich jedoch längst nicht mehr auf Schmuck allein konzentriert. Hier findet frau alles, was das Herz begehrt, Glas, Keramik, Mode – und seit 2015 sogar zeitgenössische Bildende Kunst. Bei Hilde Leiss vergisst man leicht Zeit und Raum, taucht förmlich ein in die Welt schöner Dinge – und schafft es sehr, wirklich sehr selten, die Galerie ohne ein kleines oder größeres Päckchen zu verlassen.

2015 übernahm Hilde Leiss die benachbarte Galerie Rose und zeigt seitdem auch zeitgenössische freie Kunst. Im Hintergrund Grafiken von Karl von Grafenstein.

„Ich will Schmuck zeigen, den man in Hamburg noch nicht gesehen hat“. Das hatte sich die junge Goldschmiedin auf die Fahnen geschrieben, als sie die Liebe 1979 in die Hansestadt verschlug. Und sie ist sich treu geblieben, überrascht auch nach 40 Jahren noch mit neuen, spannenden Künstlerinnen und Künstlern.
Der aus Vietnam stammende Sam Tho Duong, dessen fantastischen, vegetativ-wuchernden Gebilde aus winzigen Reiskornperlen die Schönheit von Unterwasserlandschaften feiern, die ebenfalls von der Natur inspirierte Engländerin Jacqueline Ryan oder der von Miro und anderen Klassikern der Moderne beeinflusste Spanier Ramon Puig Cuyas sind nur drei von zahlreichen Schmuckkünstler*innen, die Hilde Leiss erstmals in Hamburg vorstellte und die nicht selten von hier aus ihre internationale Karriere starteten. Einer ihrer größten Entdeckungen war beispielsweise der Drechsler Ernst Gamperl, dessen Ausstellung in der Galerie Leiss den Beginn einer sagenhaften internationalen Karriere markierte. In jüngster Zeit kamen u.a. der patagonische Silberschmied Emiliano Céliz und Zizipho Poswa aus Kampstadt hinzu, deren ungewöhnlich farbenprächtigen Gefäße ebenfalls internationales Publikum finden.

Bei all ihren Entdeckungen hat die Galeristin, die kürzlich ihren 70. Geburtstag feierte, stets ihrem untrüglichen Gespür für Qualität und Originalität vertraut. Sie verkauft nur Dinge, die ihr persönlich Hundertprozent gefallen, mit denen sie sich auch selbst gerne schmückt. Das sind naturgemäß nicht unbedingt die günstigsten Objekte, doch auch in Punkto Finanzen hat Hilde Leiss ihre eigene Philosophie. „Ich habe selbst immer gekauft, wenn ich kein Geld hatte“, erzählt sie lachend. „Ich musste meine Lieblingsstücke oft abstottert“. Diese Vergünstigung gewährt sie auch ihren Stammkund*innen, schließlich haben Unikate der internationalen Schmuck-Elite ihren Preis. Allerdings, das gibt die Galeristin unumwunden zu, habe sich das Verhältnis zum Schmuck in den vergangenen Jahren doch merklich geändert: „Vor 30 Jahren, in den 90er Jahren, wurde deutlich mehr Geld für experimentelle Sachen als heute ausgegeben.“ Insofern spiegele sich auch der Zeitgeist in der angewandten Kunst. Eine Zäsur sei der 11. September 2001 gewesen, „da standen die Menschen unter Schock. Da wurde erstmal überhaupt nicht gekauft“. Gott sei Dank nur für kurze Zeit. Der renommierte Karl-Schneider-Preis, den sie im Spätherbst 2001 im Museum für Kunst und Gewerbe verliehen bekam (den höchsten Preis für angewandte Kunst, den Hamburg zu vergeben hat), bescherte ihr dann doch ein fulminantes Weihnachtsgeschäft.

Heute, da nicht nur Flüchtlingsströme, sondern auch Kriegstreiberei in Ost und West die Menschen verunsichern, wird „wieder verstärkt in Gold investiert“. Und noch zwei Trends seien erkennbar: „Die Leute mögen es wieder klein und fein. Und eher konventionell“. Eine Entwicklung, die Hilde Leiss doch mit einiger Verwunderung zur Kenntnis nimmt: „Da kommen junge Mädchen in die Galerie und möchten genauso einen Ring, wie ihn die Freundin auch trägt. Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was wir früher wollten. Wir wollten nichts Uniformiertes“.
Mit „früher“ meint die Künstlerin und Galeristin die 60er und 70er Jahre. Die Zeit in Amerika, als ihre Freunde zum Woodstock-Festival fuhren und sie, mehr zum Zeitvertreib, ihre erste Kollektion entwarf: Typischen Hippie-Schmuck aus Glasperlen und kunstvoll geflochtenen Lederbändchen, den Schüler und Studenten für kleines Geld erwarben. Vielleicht aber war der Schmuck doch nicht so typisch, denn die Nachfrage nahm stätig zu – bis irgendwann klar war, wohin der Weg führte.

Im Rückblick erinnert dieser Weg ein wenig an den Mythos vom Tellerwäscher im Land der ungeahnten Möglichkeiten. Nur, dass dieses Land Deutschland hieß und Hilde Leiss in ihrem „ersten Leben“ nicht Tellerwäscherin, sondern Köchin war. Eine exzellente übrigens, ihre Galerie-Feste sind legendär. Der Vater Gärtner in Walsrode, sie selbst das älteste von vier Geschwistern, war schon als Kind voller Kreativität. Doch nach dem Hauptschulabschluss musste sie erstmal „was Anständiges“ lernen. Köchin also. Die Lehre verlief zwar erfolgreich, doch zufrieden war die damals 17jährige nicht: „Es war die Zeit der großen, künstlerischen Buffets. Doch als Köchin futtern sie dir die Kunstwerke sofort weg. Ich wollte aber, dass die Leute etwas Bleibendes von mir bekommen“.

Und noch etwas wollte die attraktive junge Frau Ende der 1960er Jahre: Reisen. Andere Kulturen erleben. Andere Sprachen lernen. Erst ein paar Monate England, dann ein paar Monate Spanien, schließlich die USA. Sie bringt sich durch, wie man so sagt, arbeitet in verschiedenen Hotels, modelt ein bisschen – und macht nebenbei Schmuck. Irgendwann steht dann der Entschluss: Goldschmiedelehre in Pforzheim. Und Abendschule, sie will ja nicht „doof“ bleiben. Die weiteren Stationen: 1974 Gesellenprüfung, 1979 Meisterprüfung, Umzug nach Hamburg, wo sie mit Gudrun Flügge in der Ottensener Galerie „SchmuckSchmiede“ zusammenarbeitet. 1981 dann Umzug in das Haus für Kunst und Handwerk, Koppel 66, und Werkstattgemeinschaft mit der Goldschmiedin Gudrun Maaß. In diese Zeit fällt auch der Eintritt in die Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks Hamburg (zusammen mit Maaß), der sie bis heute treu geblieben ist. Und nicht nur das: In ihrer Galerie am Großen Burstah, in die Hilde Leiss ab 1988 ihre ganze Kraft, ihr ganzes Herzblut steckte, vertritt sie heute zahlreiche AdK-Kollegen, unter ihnen Ula Dahm und Ulrike Isensee (Textil), Kathrin Heinicke (Schmuck/Gerät), Brigitte Morck (Keramik) und Kira Kotliar (Papier).

Blick in Galerie und Werkstatt Hilde LEISS.

Wenn man sie fragt, wie sie das alles schaffe, die permanenten Ausstellungen, die ständigen Reisen nach London, Paris oder Mailand, auf der Suche nach jungen, außergewöhnlichen Schmuckkünstlern und den schönsten Steinen weit und breit? Wie sie das ständige Bangen um Finanzierung der Galerie und ihrer sieben Mitarbeiter aushalte, dann lacht sie erst einmal laut auf. „Ich mache einfach. Mit dem tiefen Sicherheitsbedürfnis, das viele haben, wäre das sicher nicht möglich. Ich bin vielleicht etwas unrealistisch. Oder idealistisch. Und ich habe diese Ruhe in mir. Das Selbstvertrauen, dass ich gute Arbeit leiste. Ich bekomme auch viel von meinen Kunden zurück“.

Und noch etwas, davon ist die Galeristin und Schmuckkünstlerin überzeugt, helfe ihr mache Herausforderung zu meistern: „Der Schmuck gibt Kraft“. Man muss nicht der Esoterik anhängen, um das nachzuvollziehen: Ihre eigenen Kreationen, imposante Klunker aus Silber und Bergkristall, Ketten aus stilisierten Kapseln und Blättern, erinnern an Rüstungselemente. Damit ist auch die Meisterin selbst bestens gewappnet für das anstehende Jubiläum: Die Feier am 12. September, ein öffentlicher Empfang, gekoppelt mit einer Ausstellungseröffnung von 20 Wegbereiter*innen. „Die ganze Galerie wird dafür auf den Kopf gestellt“, erzählt sie gutgelaunt. „Der helle Wahnsinn!“

Blick in die Galerie Hilde Leiss

Doch wie ist es um das Kunsthandwerk im Allgemeinen bestellt? Was, wenn dieser international renommierte Ort für angewandte Kunst einmal nicht mehr existieren sollte? Bei dieser Frage wird die Powerfrau ernst. „Fast überall auf der Welt wird angewandte Kunst mehr wertgeschätzt als in Deutschland, insbesondere in Norddeutschland. „Wenn die Stadt Hamburg angewandte Kunst nicht endlich auch als Kunst begreift und strukturell fördert, sehe ich schwarz“.

„40 Jahre Galerie Hilde Leiss“, Eröffnung am 12. September 2019, 19 Uhr. Es spricht Rüdiger Joppien, Großer Burstah 38. Ausstellung bis 19.10.2019, Mo – Fr 10-19 Uhr, Sa 10- 18 Uhr. Es erscheint ein Katalog

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Sie wollen die Welt verbessern

AdK-Mitglied Andreas Möller stellt gemeinsam mit internationalen Gestaltern in der Ausstellung „Social Design“ im MKG aus

Mit seinem Flying8-Webstuhl macht der Hamburger Weber Andreas Möller seit Jahren international Furore. Nun ist die revolutionäre Erfindung des langjährigen AdK-Mitglieds in einer ungewöhnlich visionären Ausstellung des Museums für Kunst und Gewerbe vertreten: „Social Design“ zeigt 31 Projekte weltweit engagierter Gestalter, die die Welt zwar nicht retten können, aber die Lebensqualität vieler Menschen deutlich verbessern.

Als die junge Londoner Architektengruppe Assemble 2015 für ihr Projekt „Granby Four Streets“ den Turner-Preis erhielt, einen der wichtigsten Kunstpreise überhaupt, war die Empörung in der Kunstwelt groß. Was, so wurde gefragt, habe die Sanierung und Renovierung von baufälligen viktorianischen Reihenhäusern in vier heruntergekommenen Straßen Liverpools mit Kunst zu tun – zumal dieses interdisziplinäre Vorhaben in Zusammenarbeit mit den Anwohnern durchgeführt wurde? Nun ja, eine ganze Menge. Mit den „Granby Four Streets“ hatte die Turner-Jury ein herausragendes Projekt der Sparte „Soziale Plastik“ ausgezeichnet, wie sie Joseph Beuys mit seinem erweiterten Kunstbegriff bereits vor 50 Jahren in die Kunstgeschichte eingeführt hat. Sein Credo: „Jeder Mensch ist ein Künstler, kann durch Kreativität zum Wohle der Gesellschaft beitragen“, hebt den Unterschied zwischen Kunst und Design auf – zugunsten realer Probleme und engagierter Projekte wie der partnerschaftlich entwickelten Zukunftsvision für das Elendsviertel von Liverpool. Das Kollektiv Assemble schaffte neue Wohnflächen mit einfachen, preiswerten Materialien sowie ein neues unternehmerisches Konzept für die Anwohner, das mittlerweile Kultstatus erlangte: GRANBY WORKSHOP – Architectural Ceramics Handmade in Liverpool.

„Granby Four Streets“ ist dem Kapitel „Urbaner Raum und Landschaft“ zugeordnet und eines von 25 internationalen Social Design-Projekten aus insgesamt sechs Bereichen, die Kuratorin Angeli Sachs ursprünglich für das Zürcher Museum für Gestaltung zusammenstellte und die jetzt – ergänzt durch sechs lokale Projekte – im Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen sind. Ob ein mobiles Geldtransfersystem, Bio-Wasserfilter oder Schulgärten in Afrika – es sind allesamt tolle Initiativen, die vor Augen führen, wie man und dass man auch ohne finanzkräftige Sponsoren im Hintergrund die Welt verbessern kann. Etliche Projekte betreffen die Flüchtlingshilfe, wie das magdas Hotel in Wien, das von 20 Migranten aus 16 Nationen – unterstützt von zehn Fachkräften aus der Hotellerie – betrieben wird. Oder das Hamburger Modelabel „Vagabunt“, ursprünglich als Nähprojekt für Hamburger Straßenkinder gegründet, schneidern und verkaufen hier mittlerweile minderjährige Geflüchtete und Mädchen mit Gewalterfahrung ihre eigenen Entwürfe. Im Bereich „Netzwerke“ ist der Solarkiosk von Graft und Andreas Spiess ein faszinierendes Beispiel dafür, wie mit verhältnismäßig kleinem Aufwand ein enormer Effekt erzielt werden kann. Mit dem mobilen Shop, der selbst Energie erzeugt, bekommen Menschen auch in der afrikanischen Savanne saubere, nachhaltige Energie – und darüber hinaus ein Service- und Kommunikationszentrum, das direkt in die Gemeinschaft hineinwirkt.

Wenn es um Hilfe zur Selbsthilfe in Sachen „Produktion“ geht, ist der Flying8-Webstuhl des Hamburger Webers Andreas Möller kaum zu toppen. Entwickelt während eines Aufenthalts in Estland und 2010 in Äthiopien erstmals eingesetzt, hat dieser einfach nachzubauende Leichtbauwebstuhl aus einfachen Dachlatten das Werber-Handwerk mittlerweile revolutioniert und Existenzgründungen in mehr als 20 Ländern auf vier Kontinenten ermöglicht.

Auf Hilfe angewiesen sind aber nicht nur Länder der sogenannten „dritten Welt“. Um Armut und Elend zu erleben, braucht man nur vor die Tür zu treten, genauer gesagt, vor der Tür des Museums für Kunst und Gewerbe. Das Drop Inn, Hamburgs zentrale Anlaufstelle für Drogenabhängige, befindet sich nur ein paar Schritte entfernt, am Besenbinderhof. Grund genug für Direktorin Tulga Beyerle und ihr Team im Zuge der Ausstellung selbst aktiv zu werden und gemeinsam mit dem Drob Inn und dem ConstructLab, einem interdisziplinären europäischen Netzwerk, zu überlegen, wie man den Platz zwischen MKG, ZOB und Drob Inn menschenwürdiger gestalten kann. Vielleicht entwickelt sich aus der „Arbeitsgemeinschaft für Gestaltungsräume um das MKG“ ja tatsächlich mehr, als ein paar Ideenskizzen auf dem Papier. Zu wünschen wäre es.

„Social Design“, bis 27.10.2019, MKG Hamburg, Steintorplatz, Di-So 10-18 Uhr, Do bis 21 Uhr, Eintritt 12, erm. 8 Euro. Alle Infos unter mkg-hamburg.de

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