Gehäkelte Nester und Blütengerippe – der ungewöhnliche Schmuck von Svea Imholze

Svea Imholze an ihrer Werkbank. © Fotos: Isabelle Hofmann

Abstrahierte Blüten, Kapseln und Knospen, Samen, Stempel und Stiele: Aus hauchfeinen Silberblechen und dünnen Drähten entwickelt Svea Imholze einen ebenso spröden wie faszinierenden Schmuck. Er wirkt zwar minimalistisch kühl konstruiert, ist aber eindeutig von der Natur inspiriert. Was Wunder: Die Liebe zu den Blumen wurde der 35jährigen Gold- und Silberschmiedin gleichsam in die Wiege gelegt – Svea Imholzes Mutter ist Floristin.

Ohrringe von Svea Imholze

Paul-Roosen-Straße 30. Eine illustre Adresse. Nur ein paar Schritte weiter befindet sich die Affenfaust Galerie, um die Ecke hat Glaskünstlerin Sybille Hohmann ihr Atelier und gar nicht weit ist die Werkstatt der Textilkünstlerin Ulrike Isensee zu finden. Seit Jahren schon wächst und gedeiht die Kunstszene in den kleinen Nebenstraßen rund um die Reeperbahn – und die Paul Roosen-Straße ist nun um eine Attraktion reicher: Im November 2018 eröffnete Svea Imholze gemeinsam mit Kathleen Hennemann ihr neues Atelier.

Schon von außen wirkt der Laden außerordentlich einladend. Die Fenster sind sparsam dekoriert, jedes Stück ist mit Bedacht platziert. Svea Imholze ist Perfektionistin, das spiegelt der minimalistisch eingerichtete Galerieraum auf Anhieb. Im hinteren Bereich sind zwei schöne Arbeitsplätze eingerichtet, im vorderen Bereich ziehen elegante Vitrinen aus Glas und geschwärztem Eisen die Blicke auf sich. Auch sie sind aus dem Hause Imholze. Sveas Bruder Jöran ist Metallgestalter und arbeitet in Berlin im Studio von Olafur Eliasson. (Eliasson gehört zu den international gefragtesten Künstlern der Gegenwart. Seine Großprojekte, wie die vier künstlichen Wasserfälle rund um die Südspitze Manhattans, haben weltweit für Furore gesorgt).

Svea Imholze vor den Vitrinen ihrers Bruders

Die Liebe zum Werkstoff Metall teilt Svea Imholze mit ihrem Bruder seit einem Praktikum bei Edda Sandstede in Oldenburg. Bei der Kunstschmiede-Meisterin baute sie nach dem Abitur ihre ersten Schmuckstücke, lernte, was für ausdrucksstarke, attraktive Ringe, Ketten oder Broschen aus unedlen Metallen, eigenen Legierungen und selbstgebranntem Glas entstehen können.

„Edda Sandstede war prägend für mich“, sagt die gebürtige Bremerin rückblickend. „Sie hat mich auf eine ganz unkonventionelle Art an die Schmuckgestaltung herangeführt und die Begeisterung für das Handwerk und die Auseinandersetzung mit dem Metall erweckt.“

Nach dem Praktikum stand dann auch der Berufswunsch fest. Svea Imholze schrieb sich an der Hochschule für angewandte Künste in Hildesheim ein, Studiengang Metallgestaltung. Dort wurden die unterschiedlichsten Materialstudien gemacht und dort hat sich auch ihre „Leidenschaft für das Experimentieren entwickelt“, nicht zuletzt durch Ihren Lehrer, Professor Georg Dobler, einem der bedeutendsten Schmuckkünstler der Gegenwart, dessen innovative Mischung aus Konstruktivismus und Naturalismus eine ganze Generation von SchmuckgestalterInnen beeinflusste. Doch unterm Strich war Hildesheim eher enttäuschend. Svea Imholze fühlte sich alleingelassen, kam nicht weiter mit ihren Experimenten, weil ihr fundamentale Grundlagen in der Metallverarbeitung fehlten. Also brach sie das Studium ab und ging 2005 zurück nach Bremen, zu Kerstin und Michael Falk in den Handwerkerhof der Böttcherstraße. Bei dem Goldschmiede-Ehepaar lernte Svea Imholze den Umgang mit dem Metall von der Pike auf, vor allem „das sehr präzise Arbeiten“.

Vier Jahre später hatte sie ihren Gesellenschein in der Tasche und technisch alles drauf, was man in Punkto Metall draufhaben muss. Anstellungen als Goldschmiedin in Hamburg und Bremen folgten, doch als Angestellte ließen sich eigene Vorstellungen kaum verwirklichen – und diesen Ehrgeiz hatte die junge Goldschmiedin unbedingt. Ein Leben lang Auftragsarbeiten? Konventionellen Schmuck? Unvorstellbar!

Imholzes Ziel war Autorenschmuck, Schmuck an der Schnittstelle von bildender Kunst und Kunsthandwerk, der von einer individuellen gestalterischen Handschrift geprägt ist. Also bewarb sie sich noch einmal an einer Hochschule, diesmal an der staatlichen Zeichenakademie in Hanau. Dort war es Thomas Dierks, der sie unterstützte und sie zu immer neuer Auseinandersetzung mit Materialien und Motiven herausforderte.

In Hanau machte Svea Imholze 2015 ihren Abschluss als Gold- und Silberschmiedemeisterin, sowie als staatlich geprüfte Produktdesignerin mit Schwerpunkt Schmuck, Gerät und Accessoire. Danach entschied sie sich für Hamburg als Lebensmittelpunkt, mietete ein kleines Hinterzimmer-Atelier in einer Boutique in der Marktstraße und bewarb sich 2017 um eine Mitgliedschaft in der AdK Hamburg. Mit ihren ungewöhnlich fragilen Objekten aus „schmuckfernen“ Materialien – gehäkelte Körper, aus dünnem Stahldraht, die an Nester erinnern. Ketten aus Baumwollfäden, Ohrringe, die Blütengerippen gleichen und intensiv farbigen Broschen aus Reparaturschaum und Edelstahlgittern – war es nicht schwer, die Jury von der künstlerischen Qualität ihrer Arbeiten zu überzeugen.

Mittlerweile, so erzählt Svea Imholze, habe der Reiz unedler Materialien etwas nachgelassen. „Zurzeit experimentiere ich mehr mit Formen und Oberflächen. Wobei ich die Silberbleche oft unscheinbar und unedel erscheinen lasse“.

Kette aus gehäkelten Nestern und Blütengerippen

In der Natur findet die junge Schmuckkünstlerin „ganz viele kleine Dinge, die mich inspirieren und die ich auch sammle“. So tauchen seit drei Jahren immer wieder abstrakte Blumenmotive in ihrer Kollektion auf. Ab und zu verarbeitetet sie ihre Fundstücke auch direkt. Eukalyptuskapseln beispielsweise, oder kleine Knochen und Korallenstücke: „ Was die Natur hervor bringt, begeistert mich unendlich. Das können noch so einfache Dinge sein. Bei mir erhalten alle Dinge ihre Wertschätzung“.

Zurzeit dominieren zwar die Blumenmotive, „aber wer weiß, was sich daraus noch entwickelt“, sagt Svea Imholze lächelnd. „Ideen für neue Serien sind immer da, deshalb bin ich manchmal auch etwas sprunghaft in meiner Arbeit. So gesehen wird es mir nie langweilig neue Dinge auszuprobieren aber auch die erlernten Techniken auszureifen und weiterzuentwickeln“.

Noch arbeitet die Gold- und Silberschmiedin weitgehend allein in ihrem Atelier, aber in Zukunft möchte sie auch Lehrlinge ausbilden: „Ich finde es sehr wichtig, handwerkliches Wissen weiterzugeben. Das Kunsthandwerk übermittelt Werte, die in unserer Gesellschaft nicht verloren gehen dürfen. Aber das Ausbilden ist auch eine große Herausforderung. Es braucht noch etwas Zeit, bis ich diese Verantwortung auf mich nehmen möchte.“

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Isgard Moje-Wohlgemuth – Ein Nachruf

Sie gehörte zu den bedeutendsten ihrer Zunft und war über Jahrzehnte der AdK Hamburg eng verbunden: Die Glaskünstlerin Isgard Moje-Wohlgemuth (1941-2018) starb, wie wir erst jetzt erfuhren, im Alter von 77 Jahren in diesem Herbst in den Vierlanden.

Ihre Gläser sind einfach unverwechselbar, zumal jene, die zu ihrem Markenzeichen wurden: Einfache, vergleichsweise dickwandige, kleine Zylinder, deren Oberflächen in allen Regenbogenfarben schillern und funkeln, von gelblich-grün über rot-orange bis hin zu tiefem blau und violett, manchmal mit Goldstreifen kontrastiert, aber auch ohne so kostbar in ihrer Anmutung, dass man sich kaum traut, die Pretiosen in die Hand zu nehmen.

Auf der Jahresmesse Kunst und Handwerk im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe leuchteten einem diese Gläser schon von weitem entgegen. Jahre, wenn nicht Jahrzehnte gehörte Isgard Moje-Wohlgemuth mit ihren wie Seide schimmernden Objekten zu den Highlights der Ausstellung für angewandte Kunst. Viele ältere AdK-Mitglieder werden sich gern an die sympathische Kollegin erinnern, die immer recht still und zurückhaltend war, aber überaus freundlich und zugewandt im persönlichen Gespräch.

Bereits als Kind, so erzählte sie einmal, hätte sie gewusst, dass sie schöne und kostbare Dinge herstellen wollte. Mit den eigenen Händen natürlich. Die Voraussetzungen dazu, Geduld und Durchhaltevermögen, gehörten zu den Tugenden des hochbegabten Mädchens.

Geboren im Zweiten Weltkrieg im ostpreußischen Gumbinnen und mit ihrer Familie auf der Flucht vor den Russen in den Westen verschlagen, begann Isgard Wohlgemuth mit 15 Jahren eine dreijährige Ausbildung an der Staatlichen Glasfachschule im hessischen Hadamar. Sie spezialisierte sich dort auf Glasmalerei und lernte wenig später ihren Mann Klaus Moje (1936-2016) kennen. Ihm folgte sie 1961 nach Hamburg, wo sie gemeinsam in St. Georg eine Glaswerkstatt aufbauten. Das war ziemlich mutig und ungewöhnlich zu jener Zeit, denn die Studioglas-Bewegung steckte damals noch in den Kinderschuhen und Glaskünstler, wie wir sie heute kennen, gab es noch nicht. Bis Anfang der 1960er Jahre galt Glas ausschließlich als industrieller Werkstoff, Entwurf und Herstellung waren strickt getrennt. Die Designer zeichneten am Reißbrett und schickten ihre Entwürfe in die Glashütten, wo sie von erfahrenen Glasmachern ausgeführt wurden. Auch Mojes arbeiteten anfangs für Manufakturen. Doch sie wollten mehr. Sie suchten den individuellen Ausdruck des Glases, die unverkennbare Handschrift des angewandten Künstlers und untermauerten ihre Position mit ihrem Eintritt in die AdK Hamburg.

Nach Geburt der beiden Kinder, Jonas Moje (1962), Möbel-Designer und seit 1992 ebenfalls AdK-Mitglied, sowie Mascha Moje, (1964), Schmuckkünstlerin in Melbourne, begann Isgard Moje- Wohlgemuth mit Metallsalz-Malerei auf Hohlgläsern zu experimentieren. Die Ergebnisse stellte sie erstmals 1967 bei der Jahresmesse Kunsthandwerk im Museum für Kunst und Gewerbe vor: Schlichte Zylinder, deren ungeheuer delikate, vielfarbige und ineinander übergehende Farbgebung an die Ringe des Saturns erinnern.

Der Erfolg war überwältigend! Innerhalb kürzester Zeit folgten internationale Ausstellungen, zahlreiche Preise und Ankäufe großer Museen. Wenige Jahre später war „Moje-Glas“ international ein Begriff. 1970 entstanden die ersten diamantgestippten Gläser, ein Jahr später der erste Glas-Schmuck in Verbindung mit Gold und Silber. Ende der 1970er Jahre folgten Gastdozenturen in den USA, den Niederlanden und Deutschland.

Doch der Erfolg forderte auch seinen Tribut: 1980 trennte sich das Ehepaar. Klaus Moje ging nach Australien, an die Canberra School of Art, wo er eine Klasse für Glaskunst aufbaute. Isgard Moje-Wohlgemuth fand ihr Glück auf dem Siedscheljer Hof im niedersächsischen Mayenburg, nördlich von Bremen. Ganz abgeschieden und umgeben von Feldern und Wiesen, lebte und arbeitete sie hier mit ihrem zweiten Mann, dem Gürtlermeister und Metallbildhauer Michael Harjes (1926-2006), mit dem sie regelmäßig zu Atelierausstellungen einlud.

Ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes, erkrankte auch die Glaskünstlerin so schwer, dass sie wieder nach Hamburg, in die Nähe ihres Sohnes zog. Doch bis dahin entwickelte sie in ihrer großzügigen Werkstatt, einem ehemaligen Schweinestall, immer neue Facetten der Glaskunst: Große, raumgreifende Objekte wie den würfelförmigen „Kimono“ (1987), auch humorvolle Glas-Plastiken, wie die „Heiligen Kühe“ (1993) und die „Komischen Vögel“ (in Zusammenarbeit mit dem Metallgestalter Reinhard Ose). Oder die an prähistorische Amulette erinnernden „Scheibenanhänger“ in Zusammenarbeit mit der Glashütte Fischer in Bramsche.

Doch wenn man an Isgard Moje-Wohlgemuth zurückdenkt, diese wunderbare Künstlerin, die so prägend in ihrem Metier war, dann kommen einem als erstes die kleinen, formal schlichten Becher in den Sinn. Diese hinreißenden irisierenden Objekte, aus denen man zwar trinken kann, die im Grunde aber doch nur ein Trägermaterial bilden – einen angenehm in den Händen liegenden Körper für ein stupendes Farbenspiel zwischen Abstraktion und Informel. Bezaubernd schön und von einzigartiger Qualität.

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Weihnachtszeit – Messezeit

Was, schon wieder Weihnachten? Jedes Jahr das gleiche Erstaunen, der innere Kalender will mit dem äußeren einfach nicht zusammenpassen. Doch wenn mit einem Schlag zahlreiche Ausstellungen der Kunsthandwerker/Innen eröffnen, wird es Zeit, sich auf den Advent einzustellen.

Das Angebot ist riesig, doch welche Messen und Märkte sind empfehlenswert? Die alten Hasen setzen da auf das Gütesiegel AdK. Wo Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks Hamburg ausstellen, ist das Niveau erfahrungsgemäß top. In der Hamburger Innenstadt sind das drei Orte: Die Messe Kunst und Handwerk im MKG am Steintorplatz (bis 9.12.); die Adventsmesse in der Koppel 66 (bis 23.12., jeweils Fr-So 11-19 Uhr) und die Ausstellung „Drei Monate Gestaltung außer der Reihe“, Lange Reihe 47 (bis 23.12. täglich 11-19 Uhr, danach bis 12.1.19, Di-Sa 12-19 Uhr).

Blick in die Galerie Lange Reihe 47 mit Keramiken von Jerry Johns

Die Messe im Museum für Kunst und Gewerbe, schräg gegenüber vom Hamburger Hauptbahnhof, ist traditionell der Platzhirsch. Gegründet von Justus Brinckmann 1879 zur Förderung junger Hamburger Talente und später als Leistungsschau angewandter KünstlerInnen aus Norddeutschland etabliert (plus Sonderausstellung aus einem Gastland), versteht sich die Messe seit 2012 als internationales Forum für aktuelle Entwicklungen. Junges Autoren-Design und Hochschul-Nachwuchs aus dem In- und Ausland rückte seitdem verstärkt in den Fokus. Das brachte in den vergangenen Jahre zwar erfrischende Impulse, bedeutete für etliche Lokalmatadore jedoch das Ende einer langen Tradition.

Seit 2017 zeichnet Caroline Schröder als neue Leiterin der Abteilung Kunst und Design für die Messe verantwortlich und sie ringt offenbar genauso sehr mit Platzproblemen wie ihre Vorgänger. Waren im vergangenen Jahr 67 Teilnehmer zu Gast im MKG, so sind es diesmal (nur) 51 Ausstellerinnen und Aussteller, die ihre hervorragenden Produkte in der ehemaligen Turnhalle und in der Belle Etage des Museums am Steintorplatz präsentieren.

Den renommierten Justus Brinckmann Preis erhielt in diesem Jahr die Weberin Anne Andersson.

Tischbänder von Anne Andersson

In der Begründung der zehnköpfigen Fachjury heißt es: „Das klare, puristische Design und die hohe handwerkliche Fertigkeit von Anne Andersson begeisterten die Jury. Alltägliche, jedem vertraute Objekte wie zum Beispiel Hand- und Geschirrtücher überzeugen durch gute Gestaltung, hochwertige Haptik und schöne Farben. Auf den ersten Blick zurückhaltend sind die aus Leinen-Baumwoll-Mischungen gefertigten Textilien eine gelungene Verbindung von modernen und klassischen Webtechniken und zelebrieren das traditionelle Handwerk“.

JBG Vorsitzende Antonia Aschendorf mit Preisträgerin Anne Andersson

Mit Anne Andersson ist zum zweiten Mal hintereinander ein Mitglied der Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks Hamburg (AdK) ausgezeichnet worden. Überhaupt sind erfreulich viele AdK-Mitglieder (und Ex-AdK-Mitglieder) in diesem Jahr dabei. So zeigen im Bereich Textil Anne Andersson, Ulrike Isensee und Katja Stelz grafisch extravagante Tücher, Decken und Schalobjekte. Natürlich ist auch der Weber Andreas Möller dabei, der 2017 den Justus Brickmann Preis erhielt und diesmal in der Jury saß. Möller stellt übrigens erstmals gemeinsam mit seiner Frau Natalia aus. Hendrike Farenholtz und Ragna Gutschow sind mit ihren hervorragenden Möbeln immer ein Highlight der Messe, ebenso Hutmacher Peter de Vries und Kira Kotliar, deren bezaubernde Pappmaché-Figuren jeder Messe etwas Märchenhaftes verleihen. Im Bereich Schmuck und Silber glänzen die Arbeiten von Claudia Christl, Babette von Dohnanyi, Ulla und Martin Kaufmann, Claudia Westhaus und Großmeister Wolfgang Skoluda, dem die Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek München im kommenden Frühjahr eine große Sonderausstellung widmet.

Neuentdeckungen auf der MKG-Messe 2018: Corinna Petra Friedrich und Susann Sting, zwei hochinteressante Keramikerinnen, die mit grafischen Elementen und der bewussten Brechung von Perfektion experimentieren. Der Bremer Joachim Manz, dessen Lampenobjekte und Kleinmöbel zwischen Design und Skulptur oszillieren, sowie Alena Willroth mit Schmuck aus Polyethylen-Folie und die junge AdK-Künstlerin Svea Imholze, die mit dünnen Blechen und Drähten vegetativ anmutende Schmuckkörper konstruiert.

Oft ähnlich hochwertig, aber meist nicht ganz so hochpreisig, präsentiert sich die angewandte Kunst wenige Schritte weiter in Richtung Alster. Unter den zahlreichen Ausstellern aus dem In- und Ausland im Haus des Kunsthandwerks (Koppel 66) sind etliche AdK-Mitglieder und erfreuen mit Dingen, die den Alltag verschönern. Die edlen Hüte von Silvia Bundschuh beispielsweise oder die Aquarelle und kleinen Keramiken von Daniel Vogler. Gunter König, der seine formschönen Möbel bislang im MKG präsentierte, ist dieses Jahr ebenfalls in der Koppel zu Gast, genau wie die beiden Schmuckgestalterinnen Ilka Bruse und Anke Gralfs.

goldene Ohrringe mit Porzellan von Marjon Reinsberger

Gleich nebenan, in der Langen Reihe 47, verwandelt sich eine Eisdiele seit nunmehr 13 Jahren während der Wintermonate in einen Showroom der Extraklasse. Hier zeigen rund 20 KunsthandwerkerIinnen ausgewählte Arbeiten, unter ihnen Ula Dahm (Seidenschmuck), Anna-Karin Garbe (Filz-Taschen) Jerry Johns (Keramik), und Hermann Savary (Holzschalen und -Stifte), die sich wunderbar auch als kleine Geschenke und Mitbringsel eignen. Gleich eingangs fallen die bezaubernd-verspielten Anhänger von Marjon Reinsberger aus Edelsteinen, Porzellan und Perlen ins Auge, das fröhliche Bestiarium der Keramikerin Cornelia Woitun und der hinreißende Papierschmuck von Andrea Meyer – eine Entdeckung für alle, die ihn noch nicht kennen. Eigens zum Weihnachtsfest kreierte die Buchbinderin aus Schleswig-Holstein zarte Himmelsboten, deren Flügel handgeschnittene Klöppelspitzen-Muster zieren: „Spitzenengel“ in jeder Hinsicht.

Spitzenengel von Andrea Meyer

 

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Das „Naturereignis“ Peter de Vries

Freunde und Kollegen bezeichnen ihn als „Naturereignis“. In jedem Fall ist Peter de Vries ein charismatischer Mann mit überschäumendem Naturell, Schalk im Nacken und umwerfend guter Laune. Ein kreativer Kopf, der ständig neue Ideen entwickelt und mit seiner Begeisterung alle anzustecken vermag. Anfang der 90er Jahre war der Hutmacher schon einmal AdK-Mitglied. Seit 2018 ist er wieder dabei. Und das nicht nur mit seinen Hüten. Neuerdings macht Peter de Vries auch Urnen.

Peter de Vries mit veganer Stroh-Urne

Das Unmögliche zu schaffen, gelingt einem nur, wenn man es für möglich befindet.“ Das hat zwar der verrückte Hutmacher aus „Alice im Wunderland“ gesagt, doch der Satz hätte auch von Peter de Vries stammen können. Schließlich ist es schon ziemlich verrückt, seinen einträglichen Beruf als Optiker an den Nagel zu hängen, um Hüte zu machen. Ohne jede Ausbildung, wohlgemerkt, als Autodidakt. Wenn man den gebürtigen Holländer fragt, wie er auf den Hut und nach Hamburg gekommen ist, erzählt er von einer Hut-Show bei der Eröffnung eines Casinos in seiner Heimatstadt Groningen 1988 und seiner Freundin damals, „die sehr gerne Hüte trug“. Das Handwerk hatte ihn gepackt, obwohl er selbst keine Hüte trug und bis heute nicht trägt. 1989 kündigte er seinen Job als Optiker, ging nach Hamburg, eröffnete in der Geschwister-Scholl-Straße 8 sein Atelier und wurde wenig später zum ersten Mal Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Kunsthandwerk in Hamburg.

Hutformen aus Holz

In dem Atelier in Eppendorf arbeitet Peter de Vries heute noch, denn es brachte ihm Glück – auch persönlich. Eines Tages betrat eine Dame die Werkstatt, die eigentlich nur einen Hut suchte – und ihren späteren Ehemann fand. Mittlerweile sind die Kinder 20 und 16 Jahre alt und die Werkstatt sieht (fast) noch so aus, wie de Vries sie einst eingerichtet hat. Der erste Eindruck, sobald man sie betritt: Voll und etwas chaotisch. Oder: Voll und schön aufgeräumt. Das liegt ganz daran, welchen Tag man gerade erwischt. In der Mitte ein schmaler Tisch, auf dem ein paar Hüte trocknen. Links und rechts davon zwei Arbeitsplätze mit Nähmaschinen. Eine davon ist eine echte Antiquität und stammt aus den USA der 1880er Jahre. An ihr sitzt Peter de Vries, wenn er die Strohhüte und -Urnen näht.

Peter de Vries an seiner Nähmaschine

Rundherum raumhohe Wandregale mit Hutformen aus Holz, Hutrohlingen aus Filz, Strohhüten und einem riesigen Wäschekorb aus Stroh. Beeindruckend ist die Sammlung an Hutpressen aus Aluminium, die martialisch und archaisch anmuten, doch genauso noch heute in Italien hergestellt werden.

Hutformen aus Aluminium

Über ihnen hängen Bilder der niederländischen Königsfamilie: Königin Juliana und Prinz Bernhard, Königin Beatrix und Prinz Claus. Gegenüber König Willem-Alexander und Königin Maxima. „Meine Sippschaft“, kommentiert Peter de Vries augenzwinkernd, „Ich bin ja das schwarze Schaf der Familie“. Das stimmt zwar nicht, dafür stimmt aber, dass er zur Hochzeit von Maxima und Willem-Alexander für die entfernte norddeutsche Verwandtschaft die Hüte entwarf. Das war 2002 und zu jener Zeit war der Hutmacher bekannt wie ein bunter Hund für seine verrückten Kreationen. „Einer meiner Hüte war so groß, dass mein Modell umgefallen ist“, erzählt er lachend. „Den hatte ich für den Moet-Chandon-Wettbewerb 1999 auf der Horner Rennbahn gemacht“.

Mittlerweile setzt der Wahlhamburger verstärkt auf tragbare und vielseitige Hüte. Zu den Verkaufsschlagern zählt der praktische „Robin Hut“ aus feinem Velourfilz, „der den Reichen nimmt und den Armen gibt“ (de Vries). Der robuste „Rollin Hat“ für den Herren, der ein wenig dem Borsalino-Klassiker „Fedora“ ähnelt – und natürlich der preisgekrönte und vielfach wandelbare „Sushehat“, ausgezeichnet mit dem renommierten „Red Dot Design Award“ 2006 und dem Preis für Ecodesign der Mailänder Universität 2009.

Erfolgsmodelle Sushehat und Robin Hut

Immer in Bewegung bleiben, sich immer wieder neu erfinden, das ist die Devise des Peter de Vries, der auch mit 57 Jahren nichts von seinem Lausbubencharme und seiner Neugierde verloren hat. Nicht zu vergessen die Experimentierlust, der so großartige Erfindungen wie die schalldämmende Wandfliese aus Filz zu verdanken ist. In den Maßen 50×50 Zentimeter ist sie nach Belieben bedruckbar und farbig zu gestalten, dazu über ein Klettverschlusssystem leicht und variabel in gewünschter Menge an den Wänden zu befestigen. Diese Filzfliese hat ihm 2010 nicht nur den Hessischen Staatspreis eingebracht, sondern auch ein komplett neues Berufsfeld als Akustikspezialist eröffnet. In den Fluren des Hamburger Johanneums, in der Montessori Schule Düsseldorf, in etlichen Büros, ja sogar auf einem Kreuzfahrtschiff sorgen Filzfliesen aus seiner Werkstatt jetzt für einen angenehmen Lärmpegel.

Wäschekorb und Filz-Fliesen

In der Opernwelt hat der Hutmacher ebenfalls Aufsehen erregt. Für die Bayreuther „Lohengrin“-Inszenierung von Hans Neuenfels 2010 bestellte der Bühnen- und Kostümbildner Reinhard von der Thannen 143 gelbe Filzhüte. Eine schöne Geschichte, die Peter de Vries nun den Studierenden erzählen kann: Seit 2011 unterrichtet er als Lehrbeauftragter in der Textil-Klasse von Professor Renata Brink an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Nach dem innovativen Einsatz von Filz nun also der innovative Einsatz von Stroh: Als biologisch hundertprozentig abbaubare Urnenhülle. Vielleicht ist es ja auch ein wenig dem Alter geschuldet, dass sich der Designer und Kunsthandwerker nun diesem ernsten Thema zuwendet. Allerdings – allein die Idee entlockt einem doch schon unwillkürlich ein Lächeln. Was für eine schöne Vorstellung, in einer handgenähten Strohurne in die Ewigkeit einzutauchen. In einer dieser unprätentiösen kleinen Körbe mit Deckel, deren wellenförmige Form an leckere Baumkuchen erinnert. Das Weizenstroh, die Baumwollfäden und die Kokosfasern als Füllung und Kordel sind ebenso vegan, wie die Asche-Kapsel aus gepresstem Hanf. Das gleiche gilt für die Farben der Stroh-Urne, die vom hellen Naturton bis zum tiefen Schwarz wählbar sind. So eine Urne kostet 190,- bis 390,- Euro. Und eine prominente Kundin hat auch schon eine bestellt: Marie Bäumer war von der Urnen-Idee begeistert. Die Schauspielerin, die dieses Jahr für ihre Rolle als Romy Schneider in dem Film „3 Tage in Quiberon“ den Deutschen Filmpreis als beste Hauptdarstellerin erhielt, ist seit den frühen 90er Jahren eine Freundin von Peter de Vries. Doch das ist eine andere Geschichte…

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