Die Rede der Vorsitzenden der AdK Hamburg, Isabelle Hofmann, zur Eröffnung der Ausstellung „GUT GEMACHT! Das Beste aus 70 Jahren“ – IV. Biennale Angewandter Kunst der AdK Hamburg im Museum der Arbeit.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
„Es wäre doch schön, wenn wir alle einmal die Panzer, die wir uns in der Öffentlichkeit anlegen, ablegen könnten“, hat unser hochgeschätzter Kultursenator kürzlich gesagt.
Ich möchte das heute einfach einmal versuchen.
Carissima Carolina D'Amico, lieber Carsten Brosda, lieber Hans-Jörg Czech, liebe Rita Müller, liebe Freundinnen und Freunde der angewandten Kunst,
zunächst möchte ich mich von Herzen bei allen bedanken, die zum Gelingen dieser Ausstellung und dieses Katalogs beigetragen haben.
Ohne die großzügige Förderung der Kulturbehörde – lieber Carsten Brosda, und wie Sie selbst betont haben, gemeinsam mit Inga Wellmann – wäre diese Biennale nicht mehr als ein schöner Traum geblieben. Dafür ganz herzlichen Dank!
Ebenso herzlich danke ich unseren weiteren Förderern: der Hapag-Lloyd Stiftung, Schiefer & Co. sowie unserer Mäzenin Carolina D'Amico, die bereits zum dritten Mal den Preis für zeitgenössisches Kunsthandwerk stiftet. Herzlichen Dank für dieses großartige Engagement.
Ein ganz besonderer Dank gilt den Museen – und vor allem dem gesamten Team des MKG. Es war alles andere als selbstverständlich, uns 40 Leihgaben für diese Ausstellung anzuvertrauen. Ebenso wenig selbstverständlich war es, dass uns mit Katja Schaberg und Katja Siebel gleich zwei Restauratorinnen aus zwei Häusern eine ganze Woche lang begleitet haben.
Im Katalog finden Sie fünf Seiten Danksagungen mit insgesamt 63 Namen. Jeder einzelne Mensch hat dazu beigetragen, dass dieses Projekt Wirklichkeit werden konnte – unsere Jurorinnen und Juroren ebenso wie das Aufbauteam um Tim Ehrich.
Ich hoffe deshalb auf Ihr Verständnis, dass ich heute Abend nicht alle Namen nennen kann. Sie finden sie im Katalog – und jeder einzelne Dank ist ehrlich gemeint.
Fünf Menschen möchte ich dennoch besonders hervorheben.
Claudia Horbas vom MKG begleitet uns inzwischen bereits zum vierten Mal als Kuratorin. Sie hat die AdK 2020 mit offenen Armen aufgenommen und unterstützt uns seitdem mit großem Engagement. Liebe Claudia, dafür von Herzen danke.
Alicja Schäfer vom Museum der Arbeit hatte zum zweiten Mal die gesamte Ausstellungsorganisation in ihren Händen. Bei ihr liefen alle Fäden zwischen Teilnehmenden und Museen zusammen. Sie besitzt außergewöhnliche organisatorische Fähigkeiten – eine Frau, die man unter keinen Umständen verlieren sollte.
Ohne Rüdiger Joppien, den Kurator des historischen Ausstellungsteils, wären weder diese Ausstellung noch der Katalog das geworden, was sie heute sind. Über Jahrzehnte hat er die Geschichte der AdK Hamburg dokumentiert und nun für den Katalog niedergeschrieben.
Lieber Rüdiger, damit hast Du der AdK zu ihrem 70. Geburtstag ein unschätzbares Geschenk gemacht. Ganz herzlichen Dank!
Ebenso danke ich Ula Dahm, unserer zweiten Vorsitzenden, die eine fantastische PowerPoint-Präsentation zusammengestellt hat, und Susanne Schwarz, unserer Grafikerin, der wir diesen wunderbaren Katalog verdanken.
Ein gutes halbes Jahr haben wir gemeinsam gekämpft, Nächte durchgearbeitet und eine Herausforderung nach der anderen gemeistert. Ohne Euch gäbe es diese Biennale nicht.
Und nicht zuletzt danke ich meinem Mann für seine unglaubliche Unterstützung – nicht nur moralisch – sondern in allen Belangen, die das häusliche Backup betreffen.
Als ich begann, über eine Rede zum 70. Geburtstag der AdK Hamburg nachzudenken, war für mich klar, dass sie vor allem von der Entwicklung des Kunsthandwerks handeln müsse.
Von den gewaltigen technologischen Veränderungen der vergangenen 70 Jahre. Von den Herausforderungen unserer digitalen Welt– und von den ganz neuen Fragen, die sich durch Künstliche Intelligenz stellen.
Vor siebzig Jahren sah die Arbeitswelt einer Weberin oder eines Möbelgestalters vollkommen anders aus als heute.
1956 – elf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – befand sich Deutschland mitten im Wirtschaftswunder. Dennoch waren Materialien noch knapp und entsprechend kostbar.
Der berühmte Satz von Ludwig Mies van der Rohe „Weniger ist mehr“ war damals nicht nur eine gestalterische Haltung, sondern oft schlicht eine Notwendigkeit.
Eines der frühesten Werke dieser Ausstellung stammt vom Gold- und Silberschmied Gustav Schleede, einem der prägenden Köpfe der Gründungsmitglieder der Arbeitsgemeinschaft des Deutschen Kunsthandwerks, Landesgruppe Hamburg.
Aus wenigen, durch ein Zieheisen gezogenen Silberdrähten schuf er mit minimalem Materialeinsatz filigrane und zugleich außergewöhnlich elegante Armspangen.
Viele der Gründungsmitglieder waren bereits in den 1920er-Jahren aktiv. Viele hatten am Bauhaus studiert oder waren von dessen Ideen geprägt, sodass man sagen kann, dass sich die Maximen des Bauhauses auch in der AdK fortsetzen und bis heute gepflegt werden.
1956 konnte sich niemand vorstellen, textile Muster am Computer zu entwerfen, Schmuckstücke dreidimensional zu modellieren oder Modelle zur besseren Anschauung auszudrucken.
Wenn mich vor zwanzig Jahren jemand gefragt hätte, was „plotten“ bedeutet, hätte ich wahrscheinlich nur ratlos geschaut.
Heute gehören solche Begriffe selbstverständlich zum Arbeitsalltag des Kunsthandwerks.
Doch was bedeutet diese Entwicklung eigentlich für die angewandte Kunst? Und was bedeutet sie für unsere Gesellschaft?
„Die Hand ist das Fenster zum Geist“, hat Immanuel Kant vor mehr als 200 Jahren gesagt.
Was geschieht also mit unserem Geist, wenn die Hand all jene wunderbaren Techniken wie Punzieren, Ziselieren, Schmieden, Weben oder Flechten nicht mehr beherrscht?
Wenn dieses Wissen irgendwann nicht mehr vermittelt wird? Wir wissen bereits heute, dass sich die Gehirne von Kindern verändert haben, die nur noch aufs Handy und Tablet schauen. Aber was resultiert aus diesen Veränderungen? Werden wir dümmer oder klüger?
Das sind große Fragen. Fragen, mit denen sich Soziologen, Neurowissenschaftler und Kulturwissenschaftler gleichermaßen beschäftigen.
Wie also soll sich, muss sich das Kunsthandwerk in Zukunft positionieren? Muss es noch stärker dafür sorgen, die überlieferten Techniken zu bewahren und sich dafür sagen lassen, es sei konservativ und rückwärtsgewandt? Oder muss es mit aller Macht an Innovationen arbeiten, wie es bereits einige Mitglieder der AdK tun, um Ressourcen zu schonen ?
Wenn es um Nachhaltigkeit, Umweltbewusstsein und den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen geht, war das Kunsthandwerk übrigens immer schon Vorreiter.
Fairtrade-Gold, Recycling und Upcycling sind längst keine Schlagworte mehr, sondern gelebte Praxis.
In diese Richtung gingen also meine Gedanken zunächst, als ich überlegte, was zur Eröffnung dieser besonderen Ausstellung zu sagen sei.
Doch dann wurde am 4. Juni in den Deichtorhallen die 9. Triennale der Fotografie eröffnet – unter den Leitbegriffen Alliance, Infinity und Love.
Drei zentrale Begriffe in der Ethik des Philosophen Emmanuel Levinas, auf den sich die Triennale-Kuratoren beziehen.
Begriffe, deren Kernbotschaft eine Zeile aus dem Song Nature Boy von Eden Ahbez ist, unvergesslich interpretiert von Nat King Cole 1948:
„The greatest thing you'll ever learn is just to love and be loved in return.“
Und Carsten Brosda hielt über diese Zeile eine Rede, die mühelos als Philosophie-Proseminar hätte durchgehen können: LIEBE ALSO.
Liebe - nicht etwa als romantisches Gefühl, sondern als bewusster, kraftvoller Willensakt.
Liebe als verantwortungsvolle Handlung. Liebe als kreative Kraft!
Ein simpler, elementarer Aspekt, der bislang nie in Betracht gezogen wurde. Für mich war das ein echtes Aha-Erlebnis.
Denn so wie sich Liebe in der Fotografie oder der bildenden Kunst ausdrückt, so findet sie sich selbstverständlich auch im Kunsthandwerk wieder.
Wie sonst sollten wir die Hingabe benennen, die Geduld, die Leidenschaft, die unzähligen Stunden, die Mühen, etwas wirklich gut zu machen, die Künstlerinnen und Künstler in ihre Werke investieren?
Kunsthandwerk ist durchdrungen von der Liebe der Künstlerin, des Künstlers zu ihrem/ seinem schöpferischen Tun!
Und wenn Liebe Motor und ethischer Kompass für die Fotografie und die Kunst sein kann, dann gilt das ebenso für das Kunsthandwerk.
Das Kunsthandwerk trägt dazu bei, Verantwortung, Menschlichkeit und Liebe in unsere Gesellschaft zu bringen.
Somit bitte ich Sie, auch diese Biennale als ethischen Kompass zu begreifen.
Als großes Gemeinschaftsprojekt ehemaliger und aktiver Künstler*innen der AdK Hamburg
DEM ZIEL, UNSERE WELT EIN GANZ KLEINES BISSCHEN BESSER ZU MACHEN.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen inspirierenden Abend und viel Freude beim Entdecken dieser Ausstellung.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
„GUT GEMACHT! Das Beste aus 70 Jahren“ – IV. Biennale Angewandter Kunst der AdK Hamburg
01. Juli bis 06. September 2026
Museum der Arbeit
Wiesendamm 3
22305 Hamburg
Zum Begleitprogramm (PDF zum Download)

